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Zurück zum Spaß-Sport: Lustvolle Bewegung kann vielen die Diagnose Herzinsuffizienz ersparen oder erleichtern

Statement: OA Priv.-Doz. Dr. Deddo Mörtl, Leiter der AG Herzinsuffizienz der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft; 3. Medizinische Abteilung, Universitätsklinikum St. Pölten

In Bezug auf die Herzinsuffizienz haben wir eine klare Mission: Die Lebensqualität erhöhen und die Lebensdauer verlängern und zwar durch Prävention, Diagnostik und Therapie der Herzinsuffizienz. Allerdings ist dieser Auftrag für uns Ärzte, die sich der Behandlung der Herzinsuffizienz verschrieben haben, aus mehreren Gründen nicht leicht zu erfüllen.

Die Herzinsuffizienz ist eine der häufigsten Erkrankungen: Geschätzte 1 bis 2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung haben eine Herzinsuffizienz, das entspricht in Österreich 70.000 bis 140.000 Patienten. Da oftmals die Symptome als normale Alterserscheinung verkannt werden, dauert es oft lange, bis die Diagnose Herzinsuffizienz gestellt wird, sodass viele von einer hohen Dunkelziffer ausgehen und an die 300.000 Herzinsuffizienzpatienten in Österreich schätzen. Fest steht jedenfalls, dass es sich um eine Erkrankung mit zunehmender Häufigkeit handelt. So haben sich die Spitalsaufnahmen mit der Diagnose Herzinsuffizienz in den vergangenen drei Dekaden verdreifacht und liegen aktuell in Österreich laut Statistik Austria bei zirka 25.000 pro Jahr.

Gleichzeitig ist die Herzinsuffizienz eine Erkrankung mit hohem Leidensdruck durch eine Verminderung der Lebensqualität und Leistungsfähigkeit, mit  häufigen akuten Verschlechterungen und einer hohen Sterberate. Insbesondere ohne adäquate Behandlung versterben 50 und 80 Prozent der Patienten innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnosestellung. Damit ist die Herzschwäche tödlicher als viele Krebserkrankungen.

Das müsste aber nicht so sein: Es stehen uns sehr gute Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung und alleine mit medikamentöser Therapie lässt sich die Lebenserwartung verdreifachen. Dazu kommen dann noch die prognoseverbessernden Effekte von eingebauten Geräten wie der kardialen Resynchronisationstherapie (CRT) und dem implantierten Defibrillator (ICD). Doch immer noch kommt das, was medizinisch möglich wäre, bei weitem nicht in vollem Ausmaß bei allen Patienten an. Die Daten des Österreichischen Herzinsuffizienzregisters zeigen ganz klar, dass zwei Drittel der Patienten nicht einmal die Hälfte der in den Leitlinien vorgesehenen Medikamenten-Dosierung erhalten. 

Wie wir aus internationalen Studien wissen, erfordert die effiziente Behandlung der Herzinsuffizienz eine besonders engmaschige Betreuung. Am besten funktioniert das in strukturierten, interdisziplinären und sektorenübergreifenden Programmen. Dies ist seit den 90er-Jahren bekannt und es gibt eindeutige Empfehlungen in den internationalen Behandlungsrichtlinien, Herzinsuffizienzpatienten in sogenannte Disease-Managementprogramme einzuschließen. Doch leider werden derartige Programme bis auf regional beschränkte Einzelinitiativen in Österreich nicht angeboten. Daher fordert die Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG) eindringlich alle gesundheitspolitischen Partner auf, für die längst überfällige Etablierung von Disease-Managementprogrammen für Herzinsuffizienz zu sorgen.

Doch Medikamente und eingebaute Geräte sind nicht die einzigen Therapieformen, die bei Herzinsuffizienz helfen. Meist völlig außer Acht gelassen, wird das körperliche Training. Viele Patienten denken, dass körperliche Belastung bei einer Herzinsuffizienz schädlich sein könnte. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Körperliches Training wird dringend auch bei Herzinsuffizienz angeraten, da dies die Leistungsfähigkeit, die Prognose und Lebensqualität verbessern kann. Bei Patienten, die bereits eine Herzerkrankung haben, haben die Rehab-Zentren einerseits und der Herzverband andererseits eine tragende Rolle. Prim. Priv.-Doz. Dr. Johann Altenberger und Präsident Franz Fink werden darauf noch näher eingehen. 

Ein weiteres Problem bei der Erfüllung unserer eingangs erwähnten Mission ist, dass wir zwar den Auftrag haben, uns um die Prävention der Herzinsuffizienz zu kümmern, wir Herzinsuffizienzspezialisten die Patienten allerdings erst in der Endstrecke ihrer Herzerkrankung sehen. Trotz der beeindruckenden Erfolge, die wir in der Behandlung der Herzinsuffizienz haben, wäre es naheliegender, die Herzinsuffizienz bei einem großen Teil der Patienten gar nicht erst entstehen zu lassen. Dies geht mit verschiedenen Maßnahmen sehr erfolgreich, die unter dem Begriff Risikofaktor-Management zusammengefasst werden können. Zu den Risikofaktoren, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln, gehören Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes, Fettleibigkeit, und eine koronare Herzkrankheit.

Alle diese Risikofaktoren lassen sich durch körperliches Training entweder vermeiden oder behandeln. Die positiven Wirkungen von körperlichem Training zur Verhinderung der Herzinsuffizienz sind wissenschaftlich belegt. Eine Studie mit mehr als 21.000 Teilnehmern zeigte, dass körperliches Training das Risiko, eine Herzinsuffizienz zu bekommen, signifikant senkt. Dieser Effekt ist vom Trainingsausmaß abhängig: Bereits mit 1 bis 3 Trainingseinheiten pro Monat konnte das Risiko innerhalb der nächsten 25 Jahre an Herzinsuffizienz zu erkranken um 23 Prozent  gesenkt werden, mit 5 bis 7 Einheiten pro Woche bereits um 36 Prozent. Eine weitere gute Nachricht: Dieser Effekt war unabhängig vom Body Mass Index. Das heißt: Egal ob schlank oder dick - Training zahlt sich aus. Ein weiterer wichtiger Punkt: Der Trainingseffekt war unabhängig von typischen Risikofaktoren, die den Trainingseffekt erklären könnten: Auch nach Herausrechnen von Bluthochdruck, Diabetes, und Cholesterinspiegel, die ja ebenfalls durch körperliches Training positiv beeinflusst werden, war immer noch eine signifikante Verhinderung des Neuauftretens von Herzinsuffizienz erkennbar. 

Laut den Österreichischen Empfehlungen fu?r gesundheitswirksame Bewegung (Fonds Gesundes Österreich - www.goeg.at) sollten Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche Bewegung mit mittlerer Intensität oder 75 Minuten pro Woche Bewegung mit höherer Intensität oder eine entsprechende Kombination aus Bewegung mit mittlerer und höherer Intensität durchführen. Idealerweise sollte die Aktivität auf möglichst viele Tage der Woche verteilt werden. Jede Einheit sollte mindestens zehn Minuten durchgehend dauern. Zu Bewegung mit mittlerer Intensität gehören Nordic Walking, Radfahren, Tanzen, Gartenarbeit. Zu Bewegung mit höherer Intensität gehören Fußball spielen, Rennrad fahren und Laufen. 

Doch laut Fonds Gesundes Österreich sind in Österreich nur etwa ein Viertel der Erwachsenen aus gesundheitlicher Sicht ausreichend körperlich aktiv. Wir sehen auch in der klinischen Praxis immer wieder, dass viele unserer Appelle ins Leere gehen und noch so gut gemeinte Trainingsprogramme sowohl in der Primär- als auch in der Sekundärprävention oft keine nachhaltige Wirkung haben. Im Grunde ist das auch nicht weiter verwunderlich: Präventionsprogramme beinhalten meist aktive Lebensstiländerungen, das ist bei körperlichem Training ganz besonders ausgeprägt. Diese sind für viele schwer umzusetzen. Da niemand gerne unsportlich, dick und ungesund ist, hat es meist starke Gründe, warum ein ungesunder Lebensstil aufrechterhalten wird. Gute Ratschläge werden daher meist nicht oder nicht dauerhaft umgesetzt. Das sieht man auch an Studien, wo die Adhärenz an Trainingsprogrammen rasch nach Ende des Programms wieder nachlässt.

Ein neuartiger Ansatz hier ist es, diese Lebensstiländerungen weniger als Pflichtübung im Sinne der eigenen Gesundheit zu präsentieren, sondern den Spaßfaktor in den Vordergrund zu stellen. Der Mensch sollte nicht mehr das Gefühl haben, dass er sich zu seinem Training erst motivieren muss, er soll so viel Spaß daran haben, dass er nicht mehr darauf verzichten möchte. 

Die aktuelle Vorsorge-Initiative der AG Herzinsuffizienz will Menschen daher genau dort abholen, wo die Lust an der Bewegung noch intakt ist. Fußball ist in Österreich nicht erst seit den Erfolgen unserer National-Elf der Breitensport Nummer Eins. Die meisten Hobby-Kicker hören aber mit spätestens Ende 30 auf, weil der Sprint aufs Tor ihre Kräfte bereits überfordert.

All diese wollen wir zurück zu ihrem „Spaß-Sport“ bringen. Geh-Fußball hört sich fürs Erste vielleicht lustig an - ist es aber nicht. Erfunden wurde diese Variante 2011 - natürlich in England. Dort gibt es bereits zahlreiche Vereine und eine eigene Liga. Inzwischen hat die FIFA Geh-Fußball als eigene Sportart anerkannt. 

Im Grunde gelten die gleichen Regeln wie beim normalen Fußball auch - nur Laufen ist absolut verboten. Für die Herzgesundheit ist das ideal. Ein Spiel, das körperlich fordet, aber nicht überfordert und bei dem alle Hobby-Kicker ihren Teamgeist und ihre taktischen Erfahrungen bis ins hohe Alter einbringen können. Viele Stars der englischen Clubs sind über 50, manche sogar 70.

Um die langsame Variante des beliebtesten Ballsports der Welt auch in Österreich bekannt zu machen, planen wir gemeinsam mit dem Herzverband allerlei Aktivitäten. Eine davon wird ein Gehfußball-Spiel sein, bei dem Politiker, Journalisten, Patienten und Kardiologen teilnehmen werden.

Kontakt: B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung, Dr. Birgit Kofler, kofler@bkkommunikation.com; 01-3194378; 0676-6368930

Mit freundlicher Unterstützung von

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