Wien

Mythos Jungfräulichkeit untergräbt weibliche Selbstbestimmung

PA zur fem vital 2013, Samstag 19. und Sonntag 20. Oktober, Wiener Rathaus: „Mythos Jungfräulichkeit“

Wien, 17. Oktober 2013 - „Bei einem Drittel aller adoleszenten Mädchen und Frauen ist das Jungfernhäutchen gar nicht oder kaum vorhanden, es hat sich durch die Einwirkung der Sexualhormone zurückgebildet. ,Jungfrau sein‘ hat also weniger mit Anatomie als mit einer kulturellen Vorstellung zu tun, um die sich zahlreiche Mythen ranken und die auch heute noch viel Leid über Mädchen bringen kann“, erklärt die Fachärztin für Gynäkologie und psychotherapeutische Medizin, Dr.in Eva Thurner, Mitglied des Vorstands der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in der Gynäkologie und Geburtshilfe.

Anlässlich der 13. Mädchen- und Frauengesundheitstage „fem vital“ wird die Expertin mit falschen Vorstellungen vom weiblichen Körper aufräumen und Einblicke in die Bedeutung der Jungfräulichkeit in verschiedenen Kulturen geben. (Samstag, 19. Oktober, 17:00, Vortrag: Mythos Jungfräulichkeit)

„Je mehr Kult um die Jungfräulichkeit gemacht wird, desto schlechter ist es um die Selbstbestimmung der Frau bestellt“, so Dr.in Thurner. Die Idolisierung der Jungfrau hat oft schlimme Folgen für die betroffenen Mädchen. „Wir kennen Geschichten aus Usbekistan, wo neuvermählte Frauen von ihren Ehemännern verstoßen werden, weil sie in der Hochzeitsnacht nicht geblutet haben. In Ägypten zwang Medienberichten zufolge die Polizei Demonstrantinnen zu ,Jungfräulichkeits-Tests‘, was als Folter angesehen werden muss. In Indien und Indonesien wurde Jungfräulichkeit gar als Voraussetzung für die Zulassung zu einem Studium verlangt.“

Der Mythos entfalte jedoch nicht nur in „orientalischen“ oder „islamistischen“ Ländern seine Wirkung, so Dr.in Thurner: „Vor ein paar Jahren kam in den USA ein Jungfräulichkeitskult auf. Töchter schworen ihren Vätern und Gott die Jungfräulichkeit bis zur Ehe. Unter der Bush-Regierung wurden jene Schulen finanziell bedacht, die das ‚Abstinenz‘-Programm unterrichteten, was zulasten eines echten Sexualkunde-Unterrichts ging. Studien belegen, dass es durch diesen Mangel an Aufklärung zum Ansteigen von Teenager-Schwangerschaften, mehr Schwangerschaftsabbrüchen bei Minderjährigen und zum Ansteigen sexuell übertragbarer Krankheiten kam.“

Jungfräulichkeit als Geschäft

Auch in Mitteleuropa wurde die sogenannte „Hymen-Plastik“ zum Thema. „Da vor allem junge Frauen mit Migrationshintergrund mit Nachteilen und Bedrohungen rechnen, wenn sie kein Jungfernhäutchen mehr haben, möchten sie es ‚reparieren‘ lassen. So wird etwa kosmetische Chirurgie zur Wiederherstellung des Hymens in Instituten angeboten. „Diese sind nicht daran interessiert, die Frauen zu beraten, sondern versuchen einfach, mit ein paar Nähten ein ‚Quasi-Hymen‘ herzustellen, um damit Geld zu verdienen“, kritisiert Dr.in Thurner.

Mit Aufklärung gegen den Mythos

In Schweden wurde 2009 die Bezeichnung für „Jungfernhäutchen“ geändert in „vaginale Korona“. Zuvor hatte das Wort die Bedeutung „Membran“. „Das förderte die Vorstellung, dass eine Haut den Scheideneingang verschließt, die beim ersten Geschlechtsverkehr durchstoßen werden muss. ,Hymen‘ heißt hingegen wörtlich ,Band‘ oder ,Saum‘ und das trifft die anatomische Wirklichkeit viel eher“, erläutert Dr.in Thurner. „Es ist gut, über den weiblichen Körper Bescheid zu wissen, und dem Jungfernhäutchen endlich das Mythische zu nehmen, denn von diesem Mythos profitiert einzig das Patriarchat und die weibliche Selbstbestimmung bleibt auf der Strecke.“

Die Wiener Beauftragte für Frauengesundheit und „fem vital“-Initiatorin Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger fordert in diesem Zusammenhang: „Wir müssen alles daran setzen, dass durch mehr gynäkologische Aufklärung der Mythos der Wirklichkeit weicht. Dafür soll nicht zuletzt bei Männern angesetzt werden, die oft erschreckend wenig über die weibliche Anatomie wissen.“

Mehr Infos über die 13. Wiener Mädchen- und Frauengesundheitstage „fem vital“ (19.–20. Oktober 2013) unter www.femvital.at

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