Wien

Algorithmus statt Stethoskop: Was Telemonitoring, Maschinenlernalgorithmen und Co. für die Versorgung von Herz-Patienten bedeuten

PK zur Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, 28. 5. 2019 in Wien

Durch Künstliche Intelligenz wird in der Herz-Medizin vieles anders: von der Primärprävention über die Patientenüberwachung, die bessere Vorhersage bedrohlicher Herzrhythmusstörungen und die Computer-kontrollierte Medikamentengabe im Krankenhaus, bis hin zum 3D-Drucker für die Herzchirurgie.

Wien, Dienstag 28. Mai 2019 – „art@heart – Kardiologie zwischen ärztlicher Kunst und artificial intelligence“ ist das Motto der Jahrestagung 2019 der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), die von 29. Mai bis 1. Juni 2019 im Salzburg Congress stattfindet. „Zunehmend gilt es, einen riesigen Spagat zu bewältigen“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Andrea Podczeck-Schweighofer (SMZ Süd – Kaiser Franz Josef­ Spital, Wien), Präsidentin der ÖKG und Tagungspräsidentin, auf einer Pressekonferenz in Wien. „Auf der einen Seite steht nach wie vor das unmittelbare ärztlichen Tun – zuhören, angreifen, abhören, interpretieren von Befunden, der Kontakt mit Patienten und Angehörigen. Auf der anderen Seite tun sich mit der Digitalisierung Möglichkeiten auf, die unsere Arbeit völlig verändern und Chancen wie Risiken bergen.“

Durch künstliche Intelligenz wird vieles anders, beginnend bei der Primärprävention: Fitness- und Gesundheitsapps können dabei unterstützen, zu einem herzgesunden Lebensstil zu motivieren, zum Beispiel Schrittzähler, Blutdruck- oder Trainingsapps. „Davon gibt es bereits rund 14.000 und ihre Wertigkeit ist unbestritten“, so Prof. Podczeck-Schweighofer. „Die Nachteile: Laien tun sich schwer, die Daten der verschiedenen Tools richtig zu interpretieren. Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung ist daher nach wie vor wichtig.“

Digitalisierung hilft aber auch zum Beispiel auch beim Telemonitoring von EKG in der Sekundärprävention nach Herzinfarkten oder bei der Telemedizin in der Notfallmedizin.

„Den ganz großen Sprung nach vorne werden wir aber durch Big Data machen. Algorithmus schlägt Stethoskop, könnte es in naher Zukunft heißen“, so die ÖKG-Präsidentin. „Maschinenlernalgorithmen, basierend auf gewaltigen Datenmengen, haben auch in der Kardiologie enormes Potenzial. Herzultraschall-Untersuchungen sind beispielsweise durch Maschinenlernalgorithmen in der Diagnostik besser als selbst erfahrene Echokardiografen.“

EU-Projekt PROFID: bessere Prädiktion von bedrohlichen Herzrhythmusstörungen

Was die Arbeit mit Daten bewirken kann, zeigen die Ergebnisse des EU-Projekts PROFID („Personalized Risk Prediction for Sudden Cardiac Death”): Es hat unter Einsatz von Maschinenlernalgorithmen eine Neuanalyse der existierenden Evidenz zum plötzlichen Herztod vorgenommen. Prof. Podczeck-Schweighofer: „Nun gibt es eine bessere Prädiktion von bedrohlichen Herzrhythmusstörungen. Damit können wir künftig kardiale Implantate noch gezielter einsetzen. Für die Patienten wird es sicherer, ihre Überlebenschancen steigen.“

Unterstützung bei der Medikamentenabgabe im Spital – 3D-Drucker für die Herzchirurgie

Digitalisierung kann in Zukunft auch bei der Medikamentengabe im Krankenhaus unterstützen. Dann werden Arzneien nicht mehr durch die Zentralapotheke ausgeteilt, sondern computergestützt über Maschinen. Dadurch ist auch menschliches Versagen ausgeschlossen und der Computer analysiert auch mögliche Interaktionen der Medikamente, die ein Patient nimmt, und schlägt Alarm, wenn die Dosis nicht stimmen kann.

Für die Herzchirurgie ist die Leistung von 3-D-Druckern ein Fortschritt. Mit ihrer Hilfe können vor komplizierten Eingriffen Herzmodelle angefertigt und bevorstehende Operationen noch präziser vorbereitet werden.

Datenschutz und Datensicherheit – Risiken einer entmenschlichten Medizin

„Doch es gibt zu Recht auch Bedenken, was die Risiken einer datengetriebenen Medizin betrifft, in der zunehmend Computer das Sagen haben“, sagt die ÖKG-Präsidentin. „Alle Player im Gesundheitswesen sind gefordert, sich vor Internetkriminalität zu schützen. Für maximale Sicherheit müssen wir alle erdenklichen Vorkehrungen treffen, dezentrale Netzwerke nutzen und das Personal entsprechend schulen.“ Einer Studie der Roland-Berger-Stiftung zufolge wurden bereits 64 Prozent aller deutschen Kliniken Opfer von Cyberattacken und Hackerangriffen.

Eine andere Gefahr ist eine mögliche Entmenschlichung der Medizin durch Digitalisierung. „Eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung ist äußerst wichtig, gerade für herzkranke Patienten. Sie brauchen Zuwendung und ein kompetentes Gegenüber, das ausreichend Zeit hat, um alle Bedenken und Ängste in Ruhe zu besprechen“, so die ÖKG-Präsidentin. „Vernünftig und verantwortungsbewusst eingesetzte Artificial Intelligence und Online-Medizin sollte uns Kardiologinnen und Kardiologen unterstützen, aber nicht ersetzen wollen.“

Medienkontakt: B&K Kommunikationsberatung; Mag. Roland Bettschart; 06766356775
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