20 Jahre „Schmerzwochen“ der Österreichischen Schmerzgesellschaft – Volksleiden Rückenschmerz als Schwerpunktthema 2021

Statement Prim. Priv.-Doz. Dr. Nenad Mitrovic, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG); Leiter der Abteilung Neurologie, Salzkammergut-Klinikum, Vöcklabruck

 

Online-Pressekonferenz der 20. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) am Mittwoch, 20. Jänner 2021

Es freut mich, Sie als Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft zum Auftakt der alljährlichen ÖSG-Schmerzwochen begrüßen zu dürfen. Für uns ist es ein besonderes Jahr, denn wir feiern ein Jubiläum! Vor 20 Jahren ist die ÖSG angetreten, um etwas zu bewirken: Wir wollten mithilfe einer umfassenden Kampagne die neuesten Erkenntnisse der schmerzmedizinischen Forschung bekannter machen und über bestehende Therapieangebote in Österreich informieren. Nicht zuletzt sahen wir es als unseren Auftrag, auf eventuelle Versorgungslücken hinzuweisen. Wir wollten dafür ein Bewusstsein schaffen, wo dringend nötige Angebote für Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten fehlen oder noch nicht ideal sind.

An diesem Anspruch hat sich nichts geändert. Die „Schmerzwochen“ der ÖSG haben sich inzwischen zu einer der am längsten laufenden Awareness-Kampagnen im Medizinbereich entwickelt. Das ist auch gut und wichtig. Nicht nur bei so mancher Schmerztherapie braucht es langen Atem, auch beim Anregen und Durchsetzen von Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die uns dabei den Rücken gestärkt haben: allen Medienvertreterinnen und Medienvertretern für die Berichterstattung und unseren Unterstützerinnen und Unterstützern aus der Industrie für ihr Engagement und die langjährige Loyalität. Ich möchte auch auf die gute Zusammenarbeit mit den gesundheitspolitischen Organisationen Gesundheit Österreich und dem Ministerium für Gesundheit, die in diesem Jahr den Strukturqualitätsstandard unspezifischer Rückenschmerz entwickelt und verabschiedet haben, hinweisen.

Wie jedes Jahr setzt unsere Informationsinitiative einen thematischen Schwerpunkt im Einklang mit der internationalen Kampagne der International Association for the Study of Pain (IASP) und der Europäischen Schmerzföderation (EFIC). In diesem Jahr richten wir unseren Fokus auf das Thema Rückenschmerz. Wie wichtig das ist, können mit Sicherheit viele aus eigener Erfahrung nachfühlen. Unspezifische Kreuzschmerzen sind leider ein sehr verbreitetes Gesundheitsproblem. Die Lebenszeitprävalenz, also die Wahrscheinlichkeit, zum Erhebungszeitpunkt schon einmal im Leben davon betroffen gewesen zu sein, liegt in Industriestaaten bei bis zu 85 Prozent. Bei etwa zehn bis fünfzehn Prozent ist ein chronischer Verlauf festzustellen.

Rückenschmerzen sind Gesundheitsproblem Nummer eins

Österreich ist ein Kreuzwehland. Das belegt eine repräsentative Gesundheitsbefragung der Statistik Austria. Chronische Kreuzschmerzen und andere chronische Rückenleiden nehmen den traurigen Spitzenplatz unter den gesundheitlichen Problemen ein. Von rund 15.500 Befragten ab 15 Jahren gaben 26 Prozent an, in den letzten zwölf Monaten unter entsprechenden Beschwerden gelitten zu haben. Umgerechnet auf die österreichische Gesamtbevölkerung bedeutet das: 1,9 Millionen Personen waren von chronischen Kreuzschmerzen oder einem anderen chronischen Rückenleiden betroffen. Je älter die Befragten, desto häufiger machte der Rücken Probleme. Bei den Unter-60-Jährigen klagte jeder Fünfte (20,8 Prozent) über Schmerzen, bei der Gruppe 60+ war es mehr als jeder Dritte (38,4 Prozent).

Dazu sind zwei Dinge festzuhalten: Erstens: Jugend schützt nicht vor Schmerzen. In jeder Altersgruppe lag das Schmerzgeschehen im zweistelligen Prozentbereich, auch bei den Unter-30-Jährigen. Besonders hier sollte genauer hingeschaut werden, um eine frühzeitige Chronifizierung zu verhindern. Zweitens: Schmerz ist keine natürliche Folge des Älterwerdens. Wenn aber mit dem Alter die Schmerzen zunehmen und es aufgrund des demografischen Wandels immer mehr Menschen höheren Alters medizinisch zu versorgen gilt, sind mehr Präventionsanstrengungen und innovative Versorgungskonzepte das Gebot der Stunde. Es gilt, chronische Rückenschmerzen möglichst zu verhindern oder in einem sehr frühen Stadium optimal zu behandeln, denn Rückenschmerzen haben einen sehr hohen Preis.

880 Millionen Euro pro Jahr an Behandlungskosten

Betroffene wissen das nur zu gut. Schmerzen können einem Schlaf und Lebensfreude rauben, Alltag und Hobbys unmöglich machen und zu Jobverlust oder völligem sozialem Rückzug führen. Auch für das Gesundheitssystem sind Rückenbeschwerden eine große Belastung. Der „Schmerzbericht Wien“ beziffert die medizinischen Behandlungskosten mit 880 Millionen jährlich, wovon 174 Millionen nur dem chronischen unspezifischen Rückenschmerz zuzurechnen sind. Doch alle internationalen Studien stimmen darin überein, dass der volkswirtschaftliche Schaden die reinen Behandlungskosten um ein Vielfaches übersteigt. Krankenstände, Arbeits- und Berufsunfähigkeit oder Frühpensionierungen sind häufige und kostspielige Konsequenzen für das Volksleiden Nummer eins.

Hier ein paar Zahlen zur Illustration: Laut dem Fehlzeitenreport des Dachverbands der Sozialversicherungsträger sind Krankheiten des muskuloskelettalen Systems und des Bindegewebes der dritthäufigste Grund für Krankenstände. Sie sind für ein Fünftel aller Krankenstandstage verantwortlich, weil die Betroffenen mit durchschnittlich 15,5 Fehltagen vergleichsweise lang ausfallen. Wir können davon ausgehen, dass Rückenschmerzen an diesen Zahlen einen hohen Anteil haben.

Indirekte Krankheitskosten um ein Vielfaches höher als Behandlung

Eine aktuelle deutsche Studie (Ossendorf 2020) beziffert die durchschnittlichen Gesamtkosten pro Patient mit chronischen Rückenschmerzen mit 31.148 Euro pro Jahr: 8.862 Euro machten die direkten Krankheitskosten wie ärztliche Hilfe, Medikamente oder Spitalsaufenthalte aus. Die indirekten Kosten aufgrund von Krankenständen oder Arbeitslosigkeit betrugen mit 22.287 Euro nahezu das Dreifache. Auch wenn diese Zahlen nicht 1:1 auf Österreich übertragbar sind, sollten wir uns doch immer die Frage stellen, ob die Kosten in der Höhe eines mittleren österreichischen Jahreseinkommens vertretbar und die Mittel gut eingesetzt sind. Wären sie durch geeignete Maßnahmen nicht auch zum Teil vermeidbar?

Erste Erfolge für Patientinnen und Patienten mit Rückenschmerzen

Wie es aussieht, haben wir als Österreichische Schmerzgesellschaft lange genug diese Fragen gestellt. Unser langer Ausdauer und die vielen Aktionen, die wir laufend setzen, haben sich ausgezahlt. Im Bemühen um eine bessere Versorgung für Patientinnen und Patienten mit Rückenproblemen konnten wir als ersten großen Erfolg, die 2018 unter der Ägide des Gesundheitsministeriums entstandene interdisziplinäre Leitlinie zur Behandlung von unspezifischem Rückenschmerz, verbuchen. ÖSG-Generalsekretär Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc. wird sie noch ausführlich erläutern. Wir sind jedenfalls sehr froh, dass alle relevanten medizinischen Fächer daran mitgearbeitet haben und eine im Alltag brauchbare Leitlinie für Diagnose und Therapie entwickelt haben.

Zwei Jahre später, 2020, durften wir uns über einen weiteren Fortschritt freuen: Ein Qualitätsstandard für die Behandlung von unspezifischem Rückenschmerz wurde festgelegt. Details dazu wird im Anschluss noch ÖSG-Vizepräsidentin OÄ Dr. Waltraud Stromer erörtern. Damit ging für uns jedenfalls eine langjährige Forderung in Erfüllung, weil erstmals eine besonders wichtige Gruppe von chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten in die bundesweite verbindliche Gesundheitsplanung aufgenommen wurde. Das ist ein entscheidender Fortschritt – und wir hoffen, dass in den nächsten Jahren noch viele weitere dazukommen werden.

Quellen: Leoni, Thomas: Fehlzeitenreport 2020, Krankheits- und unfallbedingte Fehlzeiten in Österreich. Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag von Bundesarbeitskammer, Wirtschaftskammer Österreich, Dachverband der Sozialversicherungsträger, November 2020 Microsoft Word - WIFOCover.docx (sozialversicherung.at); Statistik Austria, Österreichische Gesundheitsbefragung 2019: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/gesundheitszustand/chronische_krankheiten/index.html; Ossendorf, Andreas (2020): Krankheitskostenanalyse bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, ZBW – Leibniz Information Centre for Economics, Kiel, Hamburg http://hdl.handle.net/10419/209723; Stadt Wien (Hrsg.), Schmerzbericht Wien 2018. Wien, September 2018. https://www.wien.gv.at/gesundheit/einrichtungen/planung/pdf/schmerzbericht-2018.pdf

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