Wien

Welt-Psychiatriekongress: Häufigkeit psychischer Erkrankungen unterschätzt

Pressekonferenz: Internationaler Kongress der Welt-Psychiatriegesellschaft (WPA) – Montag, 28. Oktober 2013

450 Millionen Menschen weltweit leiden an einer psychischen Erkrankung. Die weite Verbreitung stellt nicht nur eine enorme Belastung für Betroffene und ihre Angehörigen dar, sie verursacht auch erheblichen Kosten für die Gesundheitssysteme, betonten Experten auf dem Kongress der Welt-Psychiatriegesellschaft (WPA) in Wien. Allein in Europa sind geschätzte 165 Millionen Menschen betroffen, bei deutlich steigender Tendenz. Der wachsenden Bedeutung dieser Krankheitsgruppe steht noch nicht ausreichend öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber, so Kongress-Präsident Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek. Diese gesundheitspolitische Herausforderung müsse größere Priorität genießen.

Wien, Montag 28. Oktober 2013 – „Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen ist deutlich höher als lange angenommen. Rund 450 Millionen Menschen weltweit leiden an psychischen Erkrankungen, allein in Europa sind es rund 165 Millionen Menschen“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek (Anton Proksch Institut, Wien), Präsident des derzeit in Wien stattfindenden Internationalen Kongresses der Welt-Psychiatriegesellschaft WPA. „Die Dimension psychischer Erkrankungen wird nach wie vor unterschätzt, sollte aber größte gesundheitspolitische Priorität genießen“, so Prof. Musalek. „Es ist wichtig, dass wir psychische Erkrankungen als medizinisches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Thema sichtbarer machen. Sie haben einen enormen Einfluss auf den Alltag, das Arbeits- und Familienleben, sie verursachen nicht nur millionenfaches persönliches Leid, sondern sind auch gesellschaftlich und volkswirtschaftlich weitaus relevanter als häufig angenommen.“

Führender Grund für „verlorene Lebenszeit“ – starker Anstieg psychischer Erkrankungen

Laut der umfassenden „Global Burden of Disease Study“, die die weltweite Belastung durch verschiedene Krankheitsgruppen erhebt, machen psychische Erkrankungen weltweit 183,9 Millionen so genannte DALYs (Disablity Adjusted Life Years: die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch vorzeitigen Tod kombiniert mit dem Verlust an Lebenszeit durch Behinderung) aus – und damit 7,5 Prozent der gesamten weltweiten Krankheitslast. Bei den YLDs (Years Lived with Disability: Verlust an Lebenszeit durch krankheitsbedingte Behinderung) liegen psychische Erkrankungen mit 22,9 Prozent an der Spitze. Besonders häufig sind Depressionen, die allein für 40,5 Prozent der psychischen DALYs verantwortlich sind, gefolgt von Angststörungen (14,6 Prozent), Abhängigkeit von illegalen Substanzen (10,9 Prozent), Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit (9,6 Prozent), Schizophrenie (7,4 Prozent) und bipolaren Erkrankungen (7 Prozent).

Wobei diese Erkrankungen enorme Zuwachsraten haben: „Die globale Krankheitslast durch psychische Erkrankungen ist zwischen 1990 und 2010 um 37,6 Prozent gestiegen“, berichtet Prof. Musalek.

Prognostiziert werden weitere massive Anstiege dieser Erkrankungen: WHO-Schätzungen gehen davon aus, dass Depressionen (unipolare depressive Erkrankungen), 2002 noch an vierter Stelle im weltweiten „DALY-Ranking“, bis 2030 an die zweite Stelle nach HIV/AIDS vorrücken wird. In den Industrieländern, so die WHO Prognose, werden depressive Erkrankungen 2030 die führende Ursache von DALYs sein, Alkoholabhängigkeit die fünfthäufigste. In Europa sind aktuellen Schätzungen zufolge z. B. 61,5 Millionen Menschen von Angststörungen betroffen, 30,3 Millionen von Depression und 14,6 Millionen von Alkoholabhängigkeit.

Hohe Kostenbelastungen

Das alles bedeutet auch eine erhebliche Belastung für Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften: Neuropsychiatrische Erkrankungen insgesamt belasten allein die Volkswirtschaften Europas mit jährlich 798 Milliarden Euro, zeigt eine aktuelle Studie. „Psychische Erkrankungen haben mit 165 Millionen Betroffenen daran den überwiegenden Anteil, das wird häufig unterschätzt“, betonte Prof. Musalek.

Die durch psychische Erkrankungen entstehenden Kosten werden in Europa – eingeschlossen sind in die Berechnung die 27 EU-Staaten sowie die Schweiz, Norwegen und Island – mit jährlich 93,9 Milliarden Euro beziffert, so die jüngsten, vom European Brain Council und der CDBE2010 Study Group publizierten Zahlen. Hohe Kosten verursachen auch Angststörungen (74,4 Milliarden Euro) und Abhängigkeitserkrankungen (65,7 Milliarden Euro). Persönlichkeitsstörungen schlagen sich mit 27,3 Milliarden Euro zu Buche.

Die Gesamtkosten von 798 Milliarden Euro bestehen nur zu 37 Prozent aus direkten Behandlungskosten. Der Rest sind direkte nicht-medizinische Kosten (23 Prozent) und indirekte Kosten (40 Prozent), die beispielsweise durch Krankenstände und Frühpensionierungen entstehen. Errechnet wurden diese Zahlen aus der Ein-Jahresprävalenz der Erkrankungen und den geschätzten Kosten pro Fall und Jahr.

„In Österreich nehmen Daten des Hauptverbandes zufolge rund 900.000 Menschen jährlich das Gesundheitswesen wegen psychiatrischer Diagnosen in Anspruch – das sind zehn Prozent aller Versicherten“, so Prof. Musalek. „Das liegt deutlich unter der Europa-weit erhobenen Jahresprävalenz von 38 Prozent. Wir müssen also davon ausgehen, dass viele Betroffene nicht in Behandlung sind.“

In Österreich sind psychische Erkrankungen laut Daten der Statistik Austria mit 54 Prozent die Hauptursache für Invalidität bzw. Arbeitsunfähigkeit in der Altersgruppe von 15 bis 50 Jahren. Mehr als 60 Prozent der Neuzugänge zur Invalidität bei den Unter-40-jährigen resultieren aus psychischen Erkrankungen. Lag die Zahl der Krankenstandfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen im Jahr 2000 hierzulande noch bei 17,2 pro 1.000 Erwerbstätige, stieg sie bis 2012 auf 28,4 an.

Quellen: Whiteford et al, Global burden of disease attributable to mental and substance use disorders: findings from the Global Burden of Disease Study 2010. Lancet, August 2013; Mathers et al, Projections of Global Mortality and Burden of Disease from 2002 to 2030; PLOS Medicine 2006; Wittchen et al, The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in 2010, European Neuropsychopharmacology 2011; Olesen et al, The economic cost of brain disorders in Europe. European Journal of Neurology 2011

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