ÖSG-Präsident Prof. Lampl: „Gesundheitspolitik ignoriert Bedürfnisse von Schmerzpatienten.“

PA zur 22. Wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) in Graz

Graz, Linz/ Donnerstag, 22. Mai 2014 – „Die österreichische Gesundheitspolitik ignoriert die Bedürfnisse von Schmerzpatienten und die Vorschläge von Schmerz-Experten für eine Verbesserung der schmerzmedizinischen Versorgung“, kritisiert ÖSG-Präsident Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl (KH der Barmherzigen Schwestern, Linz) anlässlich der heute beginnenden 22. Wissenschaftlichen Tagung der ÖSG in Graz.

Sämtliche Untersuchungen der letzten Jahre zeigten erhebliche Defizite in der schmerzmedizinischen Versorgung in Österreich. Es sei absurd, dass heute mehr wirksame schmerztherapeutische Methoden als je zuvor zur Verfügung stehen, jedoch nicht konsequent bei allen Patienten eingesetzt werden können, die davon profitieren würden, kritisiert Prof. Lampl: „Im Bereich der Schmerzdiagnostik und -therapie wurden Konzepte entwickelt, die chronischen Schmerzpatienten eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität ermöglichen. Deren Umsetzung scheitert jedoch aufgrund fehlender Aktivitäten der Krankenkassen und Sozialversicherungsträger und am nicht vorhandenen politischen Willen. Die Versorgung chronisch Schmerzkranker ist deswegen nicht ansatzweise gewährleistet. Diese Patienten werden ausgegrenzt, obwohl Therapiemöglichkeiten vorhanden wären.“

Im Bundeszielsteuerungsvertrag kommen chronische Schmerzkrankheiten nicht vor

Im Bundeszielsteuerungsvertrag, für den das Bundesgesundheitsministerium die politische Verantwortung trägt, kommen chronische Schmerzkrankheiten überhaupt nicht vor, obwohl sie ein zentrales gesundheitliches Problem darstellen. Es ist nur teilweise, durch individuelles Engagement und viel Überzeugungsarbeit, gelungen, den chronischen Schmerz in drei Landeszielsteuerungsverträgen als berücksichtigungswürdig zu verankern. Prof. Lampl: „Nachhaltige Verbesserungen sind jedoch nicht zu erkennen. Ambulante und stationäre schmerztherapeutische Einrichtungen, die ausschließlich Schmerzkranken zur Verfügung stehen, finden sich nur sporadisch. Dadurch ist die ambulante und stationäre Behandlung chronischer Schmerzkranker nur ansatzweise gesichert, wobei es erhebliche regionale Unterschiede gibt. Es ist medizinisch und ethisch inakzeptabel, dass es auch vom jeweiligen Wohnort abhängt, ob ein Schmerzpatient angemessen behandelt wird oder nicht.“

„Die Politik muss unseren Krankenhäusern ausreichend Personal und Mittel für die Schmerzbehandlung zur Verfügung stellen und insbesondere im extramuralen Bereich spezialisierte Versorgung fördern“, so der ÖSG-Präsident. „Derzeit gibt es für Patienten, wenn sie überhaupt einen Behandlungsplatz finden, viel zu lange Wartezeiten auf Untersuchungs- und Behandlungstermine.“

In Österreich gibt es nicht einmal in jedem Bundesland eine Versorgungsstruktur, die eine multimodale Schmerztherapie ermöglichen könnte. Und das bei mindestens 1,5 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen, darunter ca. 200.000 problematische Schmerzpatienten mit sehr hohem Chronifizierungsgrad. Die bestehenden Defizite lassen sich nur zum Teil mit einem Mangel an schmerzmedizinisch qualifizierten Ärzten erklären. Prof. Lampl: „Die Allgemeinheit nimmt die Schmerzkranken kaum wahr. Schmerzen sind Privatsache, ihr Aushalten wird erwartet. Die Gesundheitspolitik hat Schmerzkranke und Schmerzärzte bisher im Stich gelassen.“

Prof. Lampl: „Durch Schließungen von Schmerzambulanzen können wir nicht nur Schmerzpatienten immer weniger optimal behandeln. Wir können auch unserem Auftrag der praktischen Ausbildung von Schmerzmedizinern kaum oder nur unzureichend nachkommen.“

Zu all dem komme ein „Kompetenz-Wirrwarr“, so Prof. Lampl, weil für die Behandlung unterschiedliche Institutionen zuständig sind: Für schmerztherapeutische Einrichtungen zum Beispiel Krankenkassen, Spitalerhalter oder Landespolitik, für schmerztherapeutische Rehabilitations-Einrichtungen wiederum das Sozialministerium: „Das lädt dazu ein, die Verantwortung zwischen den Institutionen hin und her zu schieben.“

Spürbarer Unwillen der Politik, nachhaltige Verbesserungen zu unterstützen

„Meine Gespräche mit führenden Landes- und Bundespolitikern führten zum Eindruck des Unwillens der Politik, hier nachhaltig Veränderungen zuzulassen und zu unterstützen. Das Gespräch mit der zuständigen Beamtin im Bundesministerium für Gesundheit zeigte deutlich auf: Die Schmerzkrankheit steht nicht auf der Prioritätenliste unter den Top 10. Wichtig sind der Gesundheitspolitik Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, COPD, Schlaganfall und Herzinfarkt. Der Politik ist offenbar nicht bewusst, dass diese Erkrankungen genauso wenig ‚heilbar‘ sind, wie chronische Schmerzkrankheiten. Sie verwechselt noch immer symptomatische oder chronische Schmerzen niedriger Chronifizierungsstadien mit der Schmerzkrankheit, die eine eigenständige, Behandlungs-bedürftige Krankheit ist.“

Und: „Es gibt kein Geld für nachhaltige Strukturveränderungen. Die fehlende wirtschaftliche Absicherung ist ein Hauptgrund für den Versorgungsmangel. Für zeit- und zuwendungsintensive Behandlung fehlt die materielle Existenzgrundlage.“

Sinnvoll abgestufte Versorgung – fehlende Einsicht bei Politik, Krankenkassen und Standesorganisationen

Erforderlich sind unter anderem eine einheitliche Definition des chronischen Schmerzes, eine eigene ISD-Kodierung für Schmerz, Kriterien für interdisziplinäre Betreuung sowie eine flächendeckende Versorgung mit schmerztherapeutischen Einrichtungen inklusive Schmerzrehabilitation, so Prof. Lampl. Das wiederholte Klagen über Schmerzen würde immer noch als persönliche Schwäche und damit als Persönlichkeitsmangel angesehen. Weder das persönliche, vermeidbare Leid, noch die volkswirtschaftliche Belastung durch chronische Schmerzen werden als Aufforderung zum Handeln akzeptiert.

„Interessen und Aktivitäten von Ärztefunktionären, Kassenvertretern und Gesundheitspolitikern verhalten sich gegenüber dem menschlichen Leid der Betroffenen und dem ökonomischen Aspekt umgekehrt proportional. Chronische Schmerzen sind nicht nur ein medizinisches Problem. Insgesamt werden heute die in Österreich durch chronische Schmerzen verursachten Kosten auf 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro jährlich geschätzt“, so Prof. Lampl: „Werden zum Beispiel Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparats nicht rechtzeitig kompetent behandelt, besteht das Risiko der Chronifizierung, und diese erhöht die direkten und indirekten Kosten der Schmerzen enorm. Hier rechtzeitig und kompetent zu behandeln, bedeutet Vorbeugung und vernünftiges Sparen.“

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