Wien/Graz

Zeitphänomen Einsamkeit: Warum sie uns krankmacht – Lücken in der psychiatrischen Versorgung schließen – Mögliche Auswirkungen des geplanten Sozialhilfe-Grundsatzgesetz auf Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen

Pressegespräch von pro mente Austria, 27. März 2019, Cafe Landtmann

Wien/Graz, Mittwoch 27. März 2019 – Pro mente Austria stellt ihre Jahrestagung 2019 (28. 3., Congress Graz) unter den Titel „Psychische Gesundheit in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels.“ Ein Schwerpunktthema ist das starke Ansteigen der Einsamkeit. Den Eröffnungsvortrag hält Prof. DDr. Manfred Spitzer, Buchautor und Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, zum Thema „Gemeinschaft für Geist und Gesundheit. Warum Einsamkeit Körper und Geist schadet“.

„Einsamkeit wurde von der Wissenschaft als einer der Hauptfaktoren für die Gefährdung der psychischen und körperlichen Gesundheit erkannt“, so Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria, bei einem Pressegespräch in Wien. Eine Untersuchung in 78 Ländern über mehr als 50 Jahre zeigt, dass die Einsamkeit weltweit zunimmt. In den EU-Ländern fühlen sich je nach gemessener Intensität zwischen acht und 55 Prozent der Menschen einsam.

Lang dauernde Einsamkeit ist ein Killer

Dass Einsamkeit die Gesundheit massiv gefährdet, ist durch wissenschaftliche Studien eindeutig belegt. „Das Gefühl der Einsamkeit ist an sich eine gesunde Stressreaktion: Es zeigt, dass es uns an den notwendigen sozialen Kontakten mangelt“, so Dr. Klug. „Bei längerer Einsamkeit wird die Stressreaktion allerdings chronisch und der Körper reagiert mit der Ausschüttung eines Kortison-ähnlichen Stoffes. Dadurch werden die körpereigenen Abwehrkräfte geschwächt, die Anfälligkeit für Infektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, Erkrankungen wie Alzheimer können früher auftreten.“ Die Gesundheitsgefährdung durch soziale Desintegration entspricht etwa jener durch Rauchen, Arbeitsstress und Angst. Dr. Klug: „Wer sozial isoliert ist, hat ein 2- bis 3mal so hohes Risiko, in einem bestimmten Zeitraum zu sterben. Lang dauernde Einsamkeit ist ein Killer.“

Psychisch erkrankte Menschen sind besonders von Einsamkeit betroffen. Naheliegend ist es, Einsamkeit als ein Problem älterer Menschen anzusehen. Dr. Klug: „Untersuchungen zeigten jedoch auch, dass Kinder und Jugendliche sich an doppelt so vielen Tagen einsam und isoliert fühlen wie Erwachsene.“

Urbanisierung und Mediatisierung machen einsam – Der Einfluss sozialer Medien

Ein wichtiger Grund für das Zunehmen der Einsamkeit liegt in der fortschreitenden Urbanisierung, das Leben in Großstädten ist mit Anonymität und Vereinzelung verbunden. „Dass immer mehr Zeit mit dem Gebrauch digitaler neuer Medien verbracht wird, ist der zweite große Faktor, der Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit verstärkt und sich von der Jugend her auf alle Altersgruppen ausbreitet“, erklärt Dr. Klug. Acht- bis Zwölfjährige haben heute täglich zwei Stunden reale Sozialkontakte und sind rund sieben Stunden vor einem Bildschirmmedium. „Einsame Menschen nutzen soziale Medien stärker, haben dadurch weniger Zeit für reale Kontakte, beneiden die anderen um ihre vielen ‚Freunde‘ im Netz und um ihr Leben, zumindest um das, was im Netz behauptet wird. Ein Vergleich, der nicht zu gewinnen ist“, so Dr. Klug. „Jugendliche ziehen sich sozial zurück, weil sie sich im Vergleich weniger attraktiv und beliebt empfinden. Das bedeutet eine Orientierung nach oben, die unsicher und krank macht.“ Zusätzlich sei das begleitet von ungesundem Gesundheitsverhalten wie vermehrtem Rauchen, Alkohol, Drogen, mehr und ungesünderem Essen, wenig körperlicher Aktivität, höherem Risikoverhalten wie ungeschützten Sexualkontakte, etc.

Auf mögliche Einsamkeit so wie auf Hunger oder Durst achten

„Jeder Mensch sollte auf mögliche Einsamkeit achten, so wie man Hunger oder Durst beachtet“, rät Dr. Klug. „Wenn sich jemand einsam fühlt, sollte er direkten Kontakt zu anderen Menschen suchen, das ist das Wesentliche. Direkte Kontakte sind über soziale Medien nicht möglich.“

MMag. Koren MAS: Großer Aufholbedarf bei Versorgung psychisch kranker Menschen

„Die Versorgung psychisch kranker Menschen hat sich in Österreich in den letzten Jahren zwar verbessert, dennoch besteht noch großer Aufholbedarf im Vergleich mit Patienten mit körperlichen Erkrankungen“, konstatiert MMag. Gernot Koren MAS, Vizepräsident von pro mente Austria. Das hat erst vor kurzem auch eine kritische Stellungnahme des Rechnungshofes aufgezeigt. MMag. Koren: „Um die Situation von Menschen mit psychosozialen Problemen zu verbessern, bedarf es einer Reihe von Maßnahmen, die rasch umgesetzt werden sollten.“

So müsse der psychischen Gesundheit im Österreichischen Strukturplan Gesundheit und in den regionalen Strukturplänen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Um zu besseren Entscheidungsfindungen zu kommen, bedarf es der Erhebung von mehr Daten zur Situation psychisch kranker Menschen. MMag. Koren: „Wir wissen zu wenig über Krankheitsverläufe, sinnvolle Interventionsketten und wirkungsvolle Behandlungsverläufe.“

Damit psychische Krankheiten gleich wie andere behandelt werden können, sollte es ein Recht auf Psychotherapie auf Krankenschein geben. Für eine „Erste Hilfe für die Seele“ braucht es zudem flächendeckende und niederschwellige Angebote. MMag. Koren: „Es muss ausreichend Erstanlaufstellen, Krisenintervention und psychosoziale Tageszentren geben, die unbürokratisch helfen können, wenn Menschen akut psychisch erkranken und rasch Unterstützung brauchen.“

Schließlich sei im stationären und außerstationären Bereich mehr Fachpersonal notwendig.Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner müssen so gut geschult werden, dass sie in der Lage sind, psychische Erkrankungen zu erkennen, damit sie an die geeigneten Experten überweisen können. Neben dem Fachärztemangel gibt es zu wenige psychiatrische Angebote für Kinder und Jugendliche sowie für ältere Menschen. MMag. Koren: „Um mehr medizinisch qualifizierte Menschen zu motivieren, außerhalb der Krankenhäuser psychisch kranke Menschen zu versorgen, brauchen wir eine Anpassung der finanziellen Rahmenbedingungen des Personals im stationären und außerstationären Bereich.“

Geplantes Gesetzes zur Mindestsicherung: teilweise Verbesserungen, Druck auf Betroffene bleibt

In den Plänen der Bundesregierung zur neuen Sozialhilfe, so MMag. Koren, gibt es positive und negative Aspekte, was die Verbesserung der Situation psychisch beeinträchtigter Menschen betrifft. Positiv sei, dass der Bonus von 18 Prozent bzw. rund 160 Euro für Menschen mit Behinderung rechtlich für alle Bundesländer von einer Kann- zu einer Mussbestimmung geworden ist. Ebenfalls positiv sei, dass die ursprünglich im Gesetz vorgesehene Deckelung der Mindestsicherung bei Menschen mit Behinderung, die in betreuten Wohngemeinschaften leben, durch landesgesetzliche Regelungen verändert werden kann. MMag. Koren: „Sie könnten nun als Einzelpersonen in einer Haushaltsgemeinschaft gerechnet werden. Für Menschen aus der Wohnungslosenhilfe bleibt dieses Anrechnungs- bzw. Deckelungs-Thema aber bestehen, wodurch wiederum vermehrte Wohnungslosigkeit befürchtet werden muss.“

Inwiefern der „Arbeitsqualifizierungsbonus“ für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen Probleme entfalten wird, bleibe abzuwarten. MMag. Koren: „Es besteht die Gefahr, dass nicht alle Betroffenen umfasst sind, wenn das Gesetz auf den Begriff der ‚Invalidität‘ nach dem ASVG abstellt.“

Sozialhilfe ist das letzte soziale Netz für Menschen in Österreich. Viele der Betroffenen, also Menschen mit psychischen Erkrankungen, leben von der Sozialhilfe und sind auf diese angewiesen. Für diese Menschen ist die Sozialhilfe keine Überbrückungsleistung, sondern in der Regel die einzige Existenzgrundlage, sagt MMag. Koren: „Auch wenn dieses Grundsatzgesetz für soziale Leistungen, die einem Sonderbedarf gewidmet sind wie z. B. bei Behinderung, den Ländern einen Spielraum einräumt, erfüllt dieser Gesetzesentwurf noch nicht die Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention: Menschen mit Behinderungen einen angemessenen Lebensstandard, eine stetige Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und Teilhabe zu sichern. Nach über 10 Jahren Gültigkeit der UN-Behindertenrechtskonvention wäre es längst an der Zeit, hier mutiger und zeitgemäßer zu agieren.“

pro mente Austria

pro mente Austria ist der österreichische Dachverband für psychische und soziale Gesundheit. Ein Zusammenschluss von Institutionen, die im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich tätig sind. 24 Mitgliedsorganisationen in den Bundesländern leisten jedes Jahr mit ca. 4.000 MitarbeiterInnen Betreuungsarbeit für 80.0000 psychisch kranke Menschen. Ziel ist der Abbau von Stigmatisierung und die Integration und Inklusion von Menschen mit psychischen Problemen. Die Mitgliedsorganisationen bieten professionelle Leistungen in Bereichen wie Arbeit, Wohnen, Beratung, Krisenintervention, Freizeit, Suchthilfe Ehrenamt etc. Die Zielgruppen umfassen alle Altersgruppen.

Präsident von pro mente Austria ist Dr. Günter Klug, Psychiater und Psychotherapeut, Obmann der „Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit“, Obmann des „Dachverbandes der sozialpsychiatrischen Vereine und Gesellschaften Steiermark“.

Ehrenpräsident von pro mente Austria ist Prof. Univ.-Doz. Dr. Werner Schöny, Psychiater und Psychotherapeut, Vorstandsvorsitzender von pro mente OÖ, langjähriger Ärztlicher Direktor der OÖ Landes-Nervenklinik Wagner Jauregg (bis 2011), Vorsitzender des Donauländischen Vereines für Psychiatrie und ihre Grenzgebiete, Ehrenmitglied der medizinischen Gesellschaft OÖ.

 

Medienkontakt: B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung; Mag. Roland Bettschart

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Allgemeiner Kontakt: Dachverband pro mente Austria; Mag. Sandra Grünberger

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