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Weniger Infarkt-Tote, mehr Herzinsuffizienz: Maßnahmen gegen die neue Volkskrankheit erforderlich

Pressegespräch der ÖKG, 28.11.2019 - Statement Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli, SMZ Ost – Donauspital; Past-Präsident der ÖKG

Ich leite mein Statement mit einer Zahl ein, die die beachtlichen Fortschritte der modernen Herz-Medizin sehr aussagekräftig dokumentiert: An einem akuten Herzinfarkt verstarben in Österreich im Jahr 1980 noch 10.569 Menschen, 2018 waren es 4.527 – das entspricht einem Minus von 57 Prozent. Das ist ein sehr schöner Erfolg unter anderem der konsequent aufgebauten Infarktnetzwerke, die im Akutfall rasche und kompetente Interventionen ermöglichen.

Für diese sehr positive Entwicklung zahlen wir jedoch einen gewissen gesundheitlichen Preis: Immer mehr Menschen, die einen akuten Herzinfarkt überleben, erkranken an einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche).

Todesfälle bei Menschen mit „sonstigen ischämischen Erkrankungen“ vervielfacht

Durch rechtzeitige Intervention an verengten Herzkranzgefäßen und durch rasche Akutversorgung bei Infarkten hat sich somit, parallel zur steigenden Lebenserwartung, die Zahl der Todesfälle bei Menschen mit „sonstigen ischämischen Erkrankungen“ vervielfacht. Zu dieser Gruppe zählt etwa die Herzinsuffizienz oder das Vorhofflimmern, die häufigste Form von Herzrhythmusstörungen. Präzise stiegen die Zahl der Todesfälle in dieser Krankheitsgruppe von 3.747 im Jahr 1980 auf 9.250 im Vorjahr – also ein gegenläufiger Trend zu den abnehmenden Todesfällen infolge von Herz-Kreislauf-Krankheiten im Allgemeinen und durch akute Herzinfarkte im Besonderen.

Herzinsuffizienz entwickelt sich derzeit zu einer regelrechten Volkskrankheit. Weltweit sind heute mehr als 26 Millionen Menschen daran erkrankt, in Europa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Bis zu 45 Prozent der Menschen, die wegen Herzinsuffizienz in ein Krankenhaus aufgenommen werden müssen, sterben innerhalb eines Jahres. In Österreich kommt es zu 25.000 Hospitalisierungen pro Jahr aufgrund von Herzinsuffizienz (Quelle: Statistik Austria), sie ist die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte bei Über-65-Jährigen.

Zu wenig Wissen und Bewusstsein

Ungeachtet dieser beträchtlichen Krankheitslast bleibt der Wissensstand der Bevölkerung trotz jahrelanger konsequenter Aufklärungskampagnen weit hinter dem Notwendigen zurück. Nicht einmal einer von zehn Bürgern kennt die drei häufigsten Symptome einer Herzinsuffizienz, das sind geschwollene Beine, Atemnot und/oder Husten und rapide Gewichtszunahme.

Einer von drei hält die Symptome einer Herzinsuffizienz – dazu zählen außerdem verminderte Leistungsfähigkeit, Müdigkeit und Appetitlosigkeit – für normale Alterserscheinungen. 50 Prozent der Herzinsuffizienz-Patienten wissen bei Diagnosestellung nicht, was Herzschwäche überhaupt ist (Quelle: 1. Österreichischer Patientenbericht zu Herzinsuffizienz, 2018), und 50 Prozent nehmen ihre Medikation nicht regemäßig ein. (Quelle: Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger)

Wissen und Bewusstsein sind also im Zusammenhang mit dieser schwerwiegenden Erkrankung viel zu wenig ausgeprägt. Mit der Konsequenz, dass viele Menschen mit Herzinsuffizienz erst mit großer Verzögerung eine zielführende Behandlung bekommen und bereits wertvolle Zeit diagnostisch und therapeutisch ungenützt verstrichen ist.

Aufgrund der schlechten Prognose vor allem nach einer Dekompensation bzw. Spitalseinweisung wegen Herzinsuffizienz bedarf es dringend vermehrter Initiativen zur Früherkennung, Schulung und Therapieanpassung, und der Optimierung von Schnittstellen.

Maßnahmen für eine bessere Versorgung

Das bedeutet im Kern die Notwendigkeit von mehr „Heart Failure Units“ (Herzinsuffizienz-Ambulanzen) und ein optimales Zusammenwirken von Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und spezialisierten Pflegepersonen unter konsequenter Zuhilfenahme von Telemetrie zur Fernüberwachung.

Die Bestimmung des Laborparameters NT-proBNP als Maß der Belastung der Herzkammern wird, was schwer verständlich ist, regional recht unterschiedlich von den Kassen bezahlt, was in einzelnen Bundesländern die Verlaufskontrolle bei Herzinsuffizienz erschwert. Hier müssen die Kosten österreichweit übernommen werden.

Wesentlich ist auch die flächendeckende Einbindung von mobilen Pflegepersonen, um die positiven Erfahrungen von Aktionen wie KardioMobil Salzburg oder HerzMobil Tirol den Patienten österreichweit anbieten zu können.

Nicht zuletzt ist es wichtig, die Öffentlichkeit über die Herzinsuffizienz konsequent zu informieren, damit Symptome als Warnhinweise erkannt werden und ein Arzt aufgesucht wird. 

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