Wien

Statements: Die Pathologie – ein modernes Fach im Dienste der Lebenden: Aktuelle Fortschritte der modernen Uro-Pathologie und ihr praktischer Beitrag zur Diagnose und Therapie von Prostata-, Blasen- und Nierenkrebs

PK zur Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie, 24. Februar 2016

Zentrale Rolle der Pathologie in der Früherkennung, Diagnose und Therapie

Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Klimpfinger; Pathologisch-Bakteriologisches Institut, SMZ Süd Kaiser-Franz-Josef-Spital; Präsident der ÖGPath/IAP Austria

Das Fach Pathologie ist in letzten Jahrzehnten vor allem durch zwei Dinge wesentlich aufgewertet worden. Zum einen ist die klinische patientenorientierte Pathologie für lebende Patientinnen und Patienten ins Zentrum unseres Fachs gerückt. 95 Prozent unserer Arbeit machen wir für Lebende – mit den irreführenden Darstellungen in populären Krimiserien, in denen unser Fach meistens mit der Gerichtsmedizin verwechselt wird, hat das alles nur sehr wenig zu tun. Zum anderen wurde diese Entwicklung durch die Molekularpathologie zusätzlich verstärkt, sodass unser Fach eine entscheidende Rolle bei der Früherkennung, Diagnose, Therapie und Therapiekontrolle verschiedenster Erkrankungen spielt. Damit fordert die Pathologie heute auch einen größeren Einsatz in der täglichen Diagnostik und vor allem auch in der Ausbildung junger Kolleginnen und Kollegen.

Das Thema der diesjährigen Frühjahrstagung unserer Fachgesellschaft wird die „Uropathologie“ sein. Dabei haben wir die klinisch pathologische Zusammenarbeit und ihre praktische Bedeutung für die Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt gerückt. Wir haben aus diesem Grund auch den Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Urologie, Herrn Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Rauchenwald eingeladen, an dieser Pressekonferenz teilzunehmen. Die Bedeutung uropathologischer Befunde für Patienten kann wohl niemand besser erklären, als ein versierter Urologe.

Wir haben als Themen primär die urologische Tumorpathologie beim Prostatakarzinom sowie bei Tumoren der Niere und der ableitendente Harnwege ausgewählt. Hier spielt – wie bei anderen Tumorentitäten auch – in der Praxis die klassische Mikroskopie die grundlegende Rolle und wird ergänzt durch molekularpathologische Zusatzuntersuchungen wie Immunhistochemie, also die Molekularpathologie auf der Proteinebene, und zusätzliche Analysen auf DNA-Niveau. Immer geht es dabei um die Zusammenschau aller Befunde.

Im Kontext der klinisch pathologischen Zusammenarbeit möchte ich besonders die Bedeutung der Rolle des Pathologen in Tumorboards hervorheben. In Tumorboards arbeiten grundsätzlich die Spezialisten verschiedenster Disziplinen zusammen und entscheiden vor allem auf der Basis der Pathologiebefunde über bestimmte Behandlungsverfahren. Die moderne Pathologie ist heute keinesfalls nur ein die Klinik unterstützendes, sondern ein eigenständiges modernes, zentrales diagnostisches und therapieentscheidendes Fach. Der modernen Pathologie kommt in Kooperation mit anderen zentralen diagnostischen Fächern wie der Radiologie und der Labormedizin eine zentrale Rolle zu. Alle drei Fächer sind für die Diagnostik und erfolgversprechende Therapie von frühen wie von fortgeschrittenen Krankheitsbildern unerlässlich.

 

Partnerschaft zwischen Pathologen und onkologisch tätigen Fachspezialisten

Prim. Univ.-Doz. Dr. Michael Rauchenwald; Abteilung für Urologie und Andrologie, SMZ Ost – Donauspital; Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie

„Der Pathologe weiß alles, kann alles, aber leider zu spät“ – diese scherzhafte Aussage aus der Vergangenheit (und Buchtitel eines bekannten Autors, der selbst Pathologe war) trifft auf die moderne Pathologie keinesfalls mehr zu. Die Pathologie ist eine Angelegenheit des Hier und Jetzt. Die Pathologen sind gemeinsam mit den Radiologen zu den wichtigsten interdisziplinären Partnern onkologisch chirurgischer, also Krebserkrankungen behandelnder Fachdisziplinen geworden. Die Pathologen entscheiden über „gut“ oder „böse“ – eine elementare Entscheidung. Die Pathologen entscheiden bei Vorliegen von Krebserkrankungen aber auch, um welchen Gewebetyp es sich handelt und legen damit oft schon fest, welche Art von Behandlung der betroffene Patient bekommen wird. Dies wird im Zeitalter der zunehmend personalisierten Medizin immer wichtiger.

Auch die Arbeitsmethoden der Pathologie haben sich grundlegend verändert. War der Pathologe vor 40 Jahren noch vorwiegend der Mann mit dem langen Messer, der die Leichen aufgeschnitten hat, so arbeitet er heute nicht nur vorwiegend am Mikroskop, er verwendet auch ausgefeilte immunhistochemische Methoden und zunehmend molekularbiologische Methoden und in Zukunft wahrscheinlich Gentechniken, um das zu untersuchende Gewebe zu typisieren.

Gerade für das Fachgebiet der Urologie, das insgesamt etwa ein Viertel und beim männlichen Geschlecht sogar mehr als ein Drittel aller Krebserkrankungen behandelt, ist die Pathologie einer der wichtigsten Partner im täglichen klinischen Leben geworden. Nur mehr ganz selten wollen wir vom Pathologen die Todesursache eines verstorbenen Patienten erfahren. Viel wichtiger ist es, im Rahmen von klinisch-pathologischen Konferenzen Informationen zu bekommen, um entscheiden zu können, welchen therapeutischen Weg wir einschlagen sollen. Pathologen sind fixer Bestandteil aller Tumorboards.

7.000 neue urologische Krebserkrankungen pro Jahr

Jährlich werden in Österreich etwa 7.000 neue urologische Krebserkrankungen festgestellt. Der häufigste bösartige Tumor des Mannes ist das Prostatakarzinom mit jährlich etwa 4.800 Neuerkrankungen. Diese werden durch Entnahme von Biopsien, also Gewebsproben, durch den Urologen anschließend vom Pathologen unter dem Mikroskop diagnostiziert. In der vorsichtigen Annahme, dass pro Jahr in Österreich etwa 11.000 derartige Biopsien durchgeführt werden und jede dieser Biopsien im Schnitt 10 bis 14 Proben aufweist, ist unschwer auszurechnen, welcher Arbeitsaufwand hierfür notwendig ist. Jeder dieser einzelnen Biopsie-Zylinder muss auf die Art des Gewebes untersucht werden. Sollten Krebszellen erkennbar sein, so muss der Typ, der Grad der Entartung und für jeden einzelnen Zylinder, der befallen ist, auch das genaue Ausmaß des Befalls angegeben werden: Damit der Urologe entscheiden kann, welche Art der Therapie für den betroffenen Patienten in Frage kommt und welche die für ihn Beste sein könnte.

Eine besonders wichtige Funktion diesbezüglich kommt den Pathologen auch beim Blasenkrebs zu, wo es entscheidend ist, welcher Wachstumstyp und welche Tiefenausdehnung pathologisch festgestellt wird, da bei Befall des Blasenmuskels in der Regel die Harnblase komplett entfernt und durch ein Stück Darm ersetzt werden muss: Eine der größten und kompliziertesten Operationen in der Urologie überhaupt. Blasenkrebs wird in über 50 Prozent der Fälle durch Rauchen mitverursacht.

Eine der herausforderndsten Tätigkeiten für den Pathologen ist sicher die Schnellschnittdiagnostik. Hierbei ist der Pathologe der wichtigste Partner des chirurgisch tätigen Urologen, der während einer Operation aus einem freigelegten Organ eine Probe entnimmt, diese zur Untersuchung auf die Pathologie schickt und auf die Entscheidung der Pathologie wartet, ob der Tumor oder sogar das ganze Organ entfernt werden müssen bzw. ob der Tumor im gesunden Gewebe entfernt werden konnte oder nicht. Dabei steht der Pathologe erstens unter enormem Zeitdruck und zweitens muss er das Gewebe, ohne dass dieses zur besseren Unterscheidung der Zellelemente eingefärbt werden konnte, nativ beurteilen, ob „gut“ oder „böse“. Dies entscheidet mitunter, ob ein junger Mann seinen Hoden wegen eines Tumors verliert oder ob eine Niere erhalten oder entfernt werden muss.

Es ist also unschwer zu erkennen, dass sich die Pathologen in den letzten Jahrzehnten praktisch vollständig aus der Vergangenheit der Leichenbeschauräume quasi direkt in den Operationssaal der Gegenwart vorgearbeitet haben und mit den klinisch, in erster Linie onkologisch tätigen Fachspezialisten eine enge Partnerschaft bilden.

 

Prostatakrebs: Zentrale Rolle der Pathologie im Tumorboard und in der Beratung der Urologen, klinischen Onkologen und Strahlentherapeuten

Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Klimpfinger

Die Zusammenarbeit von Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen und die Entscheidungen über bestimmte Behandlungsverfahren vor allem auf der Basis der Pathologiebefunde möchte ich am Beispiel Prostatakarzinom veranschaulichen.

Ein neues Graduierungs-System für das Prostatakarzinom (Chicago 2014, WHO 2016)  wurde im Februar 2016 in einer Fachzeitschrift für Pathologie publiziert. Diese neue WHO-Klassifikation hat konkrete Auswirkungen und verbessert eine Histologie-gerechte Behandlung von Prostata-Krebs.

Die Patienten, in erster Linie ältere Männer, sollen sich grundsätzlich einer Vorsorgeuntersuchung durch den Urologen unterziehen. Dabei spielt neben dem klinischen Tastbefund auch die Bestimmung des Tumormarkers PSA eine zentrale Rolle. Bei aussagekräftigen Erhöhungen des PSA-Wertes werden in der Regel durch den Urologen mehrfach Stanzbiopsien durchgeführt und an den Pathologen gesandt. Der Pathologe stellt dann durch mikroskopische Untersuchung fest, ob eine gutartige Veränderung zur PSA-Erhöhung geführt hat, beispielsweise eine Prostata-Entzündung. Liegt der PSA-Erhöhung ein Prostatakrebs zu Grunde, ist es notwendig, nicht nur den Krebs zu diagnostizieren, sondern auch näher zu klassifizieren.

Dafür wird der Gleason-Score verwendet, der der histologischen (feingeweblichen) Beurteilung des Prostatakarzinoms dient. Er beurteilt in erster Linie das Ausbreitungsmuster und die Gewebsreife des Karzinoms. Dazu wird zusätzlich das prozentuelle Ausmaß des Eindringens des Karzinoms in umliegendes Gewebe („Infiltration“) im Pathologiebefund festgehalten. Auf dieser Basis entscheidet dann der Urologe, ob zugewartet werden kann oder ob radikal behandelt werden soll.

Bei radikaler Operation bei hohem Gleason Score werden in der Regel zusätzlich („regionäre“) Lymphknoten entfernt, was eine wesentliche Ausweitung des chirurgischen Eingriffs darstellt. Anschließend tritt wieder der Pathologe auf den Plan und untersucht das Operationspräparat. Dieses wird subklassifiziert, die Ränder des herausgeschnittenen Gewebes („Resektionsränder“) werden auf Tumorfreiheit untersucht und auch das Ausmaß der primären Ausdehnung des Tumors und eventuell vorhandener Lymphknoten-Metastasen klassifiziert.

Durch den Pathologen wird dann das aus der Kombination der Primärtumor-Ausdehnungen, des Lymphknotenbefalls und gegeben Falls bestehender Fernmetastasen das Tumorstadium bestimmt. Das führt zur Entscheidung über zusätzliche Hormontherapie und/oder Chemotherapie-Verfahren.

Aus all dem ergibt sich eine hohe Komplexität des Pathologiebefundes und seiner Vernetzung mit den klinischen Entscheidungen. Die Pathologie spielt also eine zentrale Rolle im Tumorboard und in der Beratung des Urologen, des klinischen Onkologen und des Strahlentherapeuten. Sie ist entscheidend für eine adäquate Tumortherapie, nämlich dafür, dass Patienten Stadien-gerecht behandelt werden, also so konservativ wie möglich und so radikal wie nötig.

 

Im Einzelfall pathologisch abklären, ob ein Prostatakarzinom behandlungsbedürftig ist

Univ.-Prof. Dr. Martin Susani; Klinisches Institut für Pathologie MedUni/AKH Wien; Referenzpathologe für Uropathologie

Beim Prostatakrebs hat die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu konsequenter Anpassung der Diagnosen nach dem neuesten Wissensstand geführt. So wird das Gleason Score System laufend neuen Erkenntnissen und Bedürfnissen angepasst (Chicago 2014, WHO Band 2016).

In der Frühdiagnostik des Prostatakarzinoms führt die MRT-gezielte Biopsie inzwischen zu einer erhöhten Treffsicherheit. Eine Verbesserung des Screenings wird in Zukunft vorwiegend auf der Basis einer besseren Risikoabschätzung der Erkrankung möglich sein. Die Frage, die wir im Einzelfall beantworten müssen, ist also, ob ein Karzinom behandlungsbedürftig ist oder nicht.

Das Verhältnis von Krankheitshäufigkeit (Morbidität) und Sterblichkeit (Mortalität) beim Prostatakrebs beträgt in Westeuropa 7,5:1. Risikoeinschätzungen bezüglich des Krankheitsverlaufs sind also besonders wichtig, um dort zu therapieren, wo es erforderlich ist. Der therapeutische Ansatz beim wenig aggressiven Tumor ist zunächst die aktive Überwachung („Active Surveillance“): Der Tumor wird beobachtet und erst dann behandelt, wenn er progressiv wird.

Wir wissen heute, dass Prostatakrebs ein Tumor ist, der bei früher Diagnose das biologische Programm der Seneszenz (Zellalterung) in sich trägt: Das bedeutet, dass der Tumor mehr oder weniger schläft. Verliert ein Tumor dieses Seneszenz-Programm, wird er aggressiv und neigt zu Metastasierung. Das ist im Experiment bewiesen, doch haben wir in der klinischen Pathologie noch keine verlässlichen Marker. Sobald diese definiert sein werden, lässt sich der Verlust der Seneszenz feststellen. Das wird im individuellen Fall den Anstoß geben, von der aktiven Überwachung zur aktiven Behandlung des Tumors überzugehen.

Neue Erkenntnisse werden möglicherweise dazu führen, dass wir mit hoher Sicherheit beurteilen können, welche Therapievariante bei einem individuellen Tumor die besten Ergebnisse erzielen wird.

 

Blasenkrebs: Männer häufiger betroffen, Frauen mit schlechterer Prognose

Prim. Dr. Christa Freibauer; Institut für Pathologie, Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf; Schriftführerin der ÖGPath/IAP Austria, Stv. Bundesfachgruppenobfrau in der Ärztekammer

Das Harnblasenkarzinom ist in Österreich die sechsthäufigste Krebserkrankung. 2012 wurden 1.496 Neuerkrankungen und 540 Sterbefälle an invasiven, also bereits in umliegendes Gewebe vorgedrungenen Karzinomen der Harnblase registriert. Männer sind fast 4mal so häufig davon betroffen wie Frauen, doch haben Frauen eine schlechtere Prognose als Männer Etwa 50 Prozent der Erkrankten sind oder waren Raucher. Weitere Ursachen sind z.B. chemische Stoffe, die in der chemischen, Leder- und Stahlindustrie verwendet werden.

Das Urothel ist das Gewebe, das die ableitenden Harnwege auskleidet. Urothelkarzinome sind bösartige Tumoren, die von diesem Gewebe ausgehen. Diese können im gesamten Harntrakt entstehen, mehr als 90 Prozent betreffen die Harnblase.

Urothelkarzinome haben einige Eigenschaften, die sie für Pathologen im diagnostischen Alltag und in den Tumorboards bedeutsam machen: Sie können zum Beispiel an mehreren Stellen des gesamten Harntrakts gleichzeitig auftreten. Bestimmte Formen (Low-grade-Tumoren) haben ein hohes Risiko des Wiederauftretens (Rezidivneigung), High-grade-Tumoren wachsen aggressiver und metastasieren häufiger. Eine exakte Diagnose ist Aufgabe des Pathologen, darauf basierend werden die Weichen für die Therapie gestellt.

Früherkennung und Diagnose - die Bedeutung der Harnzytologie

Eine Vorsorgeuntersuchung im Sinne eines allgemeinen Screenings gibt es für Harnblasenkrebs nicht. Erste Beschwerden sind meist ein schmerzloses, vermehrtes Auftreten von Blut im Harn (Hämaturie) oder Harnblasenentzündungs-ähnliche Beschwerden. Bei Patienten mit Symptomen beginnt die Diagnostik mit einer mikroskopischen Untersuchung der mit dem Harn ausgeschiedenen Zellen (Harnzytologie), Harnblasenspiegelung und eventuell nichtinvasiven bildgebenden Verfahren. Bei positiver Zytologie bzw. verdächtigen Arealen wird Gewebe entnommen und vom Pathologen untersucht.

Die Harnzytologie ist auch ein wichtiges Instrument zur Diagnose und Verlaufskontrolle bei Vorliegen eines Tumors, in der postoperativen Nachsorge und beim Screening von Risikopatienten. Die diagnostische Sicherheit beträgt bei High-Grade-Blasenkrebs mindestens 90 Prozent, bei Low-Grade Blasenkrebs liegt sie unter 50 Prozent. Eine negative Harnzytologie schließt vor allem gut differenzierte Tumoren nicht aus.

In der postoperativen Nachsorge kann die diagnostische Sicherheit bei bestimmten Fragestellungen durch Zusatzuntersuchungen, die genetische Veränderungen von Tumorzellen nachweisen, erhöht werden: Die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) kann bei nicht-invasiven Low-Grade Tumoren die Sensitivität der Zytologie auf 60 bis 80 Prozent erhöhen. Das spielt z.B. in der Abgrenzung stark reaktiver postoperativer Veränderungen von Zellen einer High-grade-Neubildung eine Rolle.

Rezidiv- und Progressionswahrscheinlichkeit

Zur wirksamen Therapieplanung und Einschätzung des Rezidiv- und Progressions-Risikos beantworten Pathologen folgende Fragen: Zum Beispiel Low-grade oder High-grade Läsionen, Muskelinvasion ja oder nein. Zusätzlich Marker in der Immunhistochemie und Mutationsanalysen, wie die Bestimmung von p53 oder FGFR3, untermauern unsere Entscheidungen.

Rund 70 Prozent der bösartigen Tumoren der Harnblase werden in einem frühen Tumorstadium entdeckt, in dem der Tumor die Organgrenzen noch nicht durchbrochen hat. Bei den nichtinvasiven Vorstufen ist die Abgrenzung zwischen Low-grade und High-grade für das weitere Vorgehen wesentlich. Low-grade Karzinome weisen eine Progressionsrate (Fortschreiten der Krankheit) von weniger als 5 Prozent und eine hohe Rezidivneigung von bis zu 71 Prozent auf. Das führt in der Praxis dazu, dass bei Low-grade Karzinomen im ersten Jahr dreimonatlich zystoskopiert wird. Kommt es innerhalb des ersten Jahres zu keinem Rezidiv, kann im zweiten und dritten Jahr halbjährlich zystoskopiert werden, später in jährlichen Abständen.

Bei High-grade Karzinomen wiederum ist invasives Wachstum zu erwarten. Etwa 30 Prozent der Blasenkarzinome sind zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bereits muskelinvasiv. Das muskelinvasive Karzinom hat eine 5-Jahres-Überlebensrate von etwa 50 Prozent, verbunden mit einer hohen Metastasierungsrate. Konventionelle Prognosefaktoren wie Tumorgrad und Tumorstadium sind nicht geeignet, das Ansprechen auf Chemotherapie vorherzusagen. Das bedeutet, dass wir nach Hinweisen wie genetische Veränderungen oder Biomarkern suchen, die uns das Ansprechen auf Chemotherapie voraussagen.

 

Blasenkrebs: Auf der Suche nach individualisierten Therapien

Univ.-Prof. Dr. Martin Susani

Ziel neuer Therapieansätze ist es, die Wiederauftrittsraten (Rezidivraten) zu senken und die Überlebensraten zu verbessern.

Eine verbesserte Früherkennung von Tumorvorstufen beim Harnblasenkarzinom ermöglicht eine frühzeitige Therapie und verhindert in vielen Fällen ein Fortschreiten der Erkrankung. Eine Rolle spielt hier die Fluoreszenz-Zystoskopie (Blasenspiegelung), bei der z.B. eine lichtempfindliche Substanz aus Johanniskraut eingesetzt wird. Hypericin reichert sich in Tumorzellen an, jedoch nicht in gesunden Zellen. Bei nachfolgender Beleuchtung lassen sich Tumorareale deutlich von der gesunden Blasenschleimhaut unterscheiden, in der sich der Farbstoff nicht anreichert. Die bessere Visualisierung ermöglicht eine bessere Früherkennung von Tumoren. Das verdächtig erscheinende Gewebe kann noch während der Blasenspiegelung entfernt werden. Ein derartiges Produkt ist bereits auf dem Markt, ein anderes in der Pipeline.

Die frühzeitige Behandlung mit BCG, einer früher als TBC-Impfung verwendeten Substanz, und anderen Präparaten, die in die Blase verabreicht werden, führen zur Freisetzung von Interleukinen (körpereigene Botenstoffe der Zellen des Immunsystems), was in einem hohen Prozentsatz zur Rückbildung der Krebsvorstufen führt.

Einer der Zukunftsaspekte beim Blasenkrebs liegt in der Mitberücksichtigung von genetischen Eigenschaften in der Tumorklassifizierung. Bei Tumoren der harnableitenden Wege zeichnet sich ein relativ vielfältiges Muster an genetischen Defekten ab, deren selektiver Nachweis möglicherweise zu unterschiedlichen therapeutischen Maßnahmen Anlass geben wird. Früher wurde zum Beispiel die Entstehung des Karzinoms in Kaskaden dargestellt mit einer P53-Mutation am Ende. Heute weiß man, dass das Protein P-53 nur in einem Teil der Tumoren mutiert ist. Auch bekannte Genmutationen wie Her2neu, H-RAS und FGFR3 spielen in der Tumorgenetik eine Rolle. Blasentumoren sind also offensichtlich genetisch sehr unterschiedlich. Gelingt es, diese Unterschiede nachzuweisen, werden voraussichtlich differenzierte, individualisierte Therapien möglich.

Biomarker und genetische Eigenschaften des Tumors könnten nicht nur das Potential haben, High-Risk-Blasenkarzinome zu identifizieren, sondern auch jene Patienten herauszufiltern, die am meisten von einer Chemotherapie profitieren. Der personalisierte Ansatz hat das Potential, Nebenwirkungen und Toxizität zu reduzieren und das klinische Outcome zu verbessern.

Alternative Ansätze für individualisierte Therapien sind die Proteine ERCC1, CD147, die möglicherweise ein Nichtansprechen auf Chemotherapie vorsagen können.

Ein weiterer möglicher Ansatz für die individualisierte Therapie beim Harnblasenkarzinom sind die Immuntherapeutika. Sie versprechen auch beim Harnblasenkarzinom eine Verlängerung des Gesamtüberlebens. Statt wie bei der klassischen Onkologie mit Zellgiften oder Biologika gegen die Krebszellen vorzugehen, wird das Immunsystem aktiviert und die Attacke der Immunzellen auf die Tumorzellen gelenkt. PD-1 (Programmed Death-1) und PDL1 (Programmed Death Ligand-1) Inhibitoren lassen neue hoffnungsvolle Therapieansätze für das Harnblasenkarzinom erwarten. Klinische Studien der Phase III stehen vor dem Abschluss.

 

Nierenkrebs: Von einer tödlichen zu einer chronischen Krankheit

Univ.-Prof. Dr. Martin Susani

Das Nierenkarzinom steht bei Frauen an 10. und bei Männern an 8. Stelle der Krebserkrankungen. Männer sind doppelt so häufig betroffen wie Frauen. Bei 90 Prozent der bösartigen Nierenerkrankungen geht die Tumorbildung von entarteten Zellen des Nierengewebes aus („Nierenzellkrebs“). Etwa 10 Prozent treten im Nierenbecken und den ableitenden Harnwegen auf.

Wird der Tumor in einem frühen Stadium entdeckt, bestehen in der Regel gute Aussichten auf Heilung oder einen günstigen Krankheitsverlauf. In vielen Fällen verursacht Nierenzellkrebs lange Zeit keine Symptome und wird eher zufällig bei einer bildgebenden Untersuchung entdeckt, die aus anderen Gründen durchgeführt wurde.

In einem fortgeschrittenen Stadium kann sich Nierenkrebs mit unterschiedlichen, zum Teil unspezifischen Symptomen bemerkbar machen: z.B. Schmerzen im Rückenbereich oder Koliken ohne erkennbaren Grund, Blutbeimengung im Urin, tastbare Schwellung im Bereich einer Flanke, Lymphknotenschwellungen oder Schwellungen der Beine, bei Männern neu entstandene Krampfadern im linken Hodensack, oder allgemeine Beschwerden wie Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Blutarmut, Fieber, Husten, hoher oder niedriger Blutdruck, Verdauungsbeschwerden, Muskel- und Knochenschmerzen, Abgeschlagenheit.

Die Karzinome der Niere sind sehr unterschiedliche Erkrankungen. Die einzelnen Tumorarten sind für den Patienten unterschiedlich gefährlich und bedürfen unterschiedlicher Behandlungsmethoden. Durch die Definition von seltenen Tumoren wird die diagnostische Genauigkeit deutlich gesteigert. Heute beruht die Diagnostik auf dem Einsatz des Mikroskops, in Kombination mit Genetik und Immunhistochemie, eine Methode, mit der Proteine oder andere Strukturen mit Hilfe von markierten Antikörpern sichtbar gemacht werden könne.

Die exakte Unterteilung verschiedener Tumorerkrankungen in der Niere ermöglicht eine zielgerichtete Therapie für den individuellen Patienten. Während Nierenkrebs früher Metastasierung und eine sehr hohe Sterblichkeit aufwies, ist er heute dank neuer therapeutischer Maßnahmen zu einer chronischen Krankheit geworden.

Die histologisch-pathologische Diagnose von Nierentumoren aus der Biopsie vor der Therapie gewinnt immer mehr Bedeutung und beeinflusst das weitere Vorgehen.


Was sich die Pathologie von der Zukunft erwartet

Die morphologische Tumordiagnostik unter dem Mikroskop, basierend auf dem Gewebeaufbau, wird zunehmend mehr durch biochemische und molekulare Charakteristika ergänzt werden. Dazu zählen die Immunhistochemie, mit der man verschiedenste Proteine oder auch Bakterien oder Viren nachweist, Mutationen von Genen, Vermehrung (Amplifikationen) oder Abschaltungen von Genen (epigenetetische Mechanismen). Aus der Zusammenschau aller Befunde wird man exakt abschätzen können, ob man einen Tumor überhaupt behandeln soll oder nicht. Ist er behandlungsbedürftig, wird durch seine Eigenschaften bestimmt werden können, ob eine medikamentöse Therapie oder ein chirurgisches Vorgehen die bessere Wahl ist und welche Medikamente beim einzelnen Patienten am besten wirken werden.

Die richtige Therapie für den individuellen Patienten kann durch objektive Befunde bestimmt werden mit dem Vorteil, dass keine Zeitverzögerung bei der Therapie entsteht und unnötig Kosten für das Gesundheitssystem wegfallen, da die Kosten der Gewebe-Untersuchungen im Vergleich mit den therapeutische Maßnahmen wesentlich billiger sind.

Kontakt: B&K, Mag. Roland Bettschart; 01 3194378, 06766356775; 1090 Wien, Liechtensteinstrasse 46a; bettschart@bkkommunikation.comwww.bkkommunikation.com