Wien/Baden/Horn

Physikalische Medizin: Wirksam und nebenwirkungsfrei bei Schmerzen der Wirbelsäule und der Gelenke – Trends und Highlights von der Jahrestagung der ÖGPMR

Pressegespräch zur Jahrestagung der ÖGPMR, 7.11.2019, Café Landtmann

Innovative Methoden der nichtmedikamentösen Schmerzreduktion ermöglichen auch Krebspatienten körperliches Training – Update: Stoßwellentherapie gegen Schmerzen auch bei Krebserkrankungen erlaubt und empfehlenswert – Immer mehr Patienten profitieren von Tele-Rehabilitation – Maßnahmen aus der PMR sind für die berufliche Eingliederung nach schwerwiegenden Erkrankungen am wichtigsten – Neue Behandlungsmethoden werden erforscht – Hohe Kostenersparnis durch PMR – Keine einseitige Auslegung der evidenzbasierten Medizin

Donnerstag 7. November 2019 – Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR) steht unter dem Motto Physikalische Medizin – Wirksam und nebenwirkungsfrei bei Schmerzen der Wirbelsäule und der Gelenke“. „Das Hauptprogramm mit den Themen Schmerztherapie, Rheumatologie, Stoßwellenbehandlungen und Rehabilitation wird den Einblick in wichtige Gebiete der Physikalischen Medizin und ihre neuesten Entwicklungen und aktuellen Innovationen vertiefen“, sagt ÖGPMR-Präsident Prim. Dr. Christian Wiederer (Ärztlicher Direktor Klinikum am Kurpark Baden für Orthopädie und Rheumatologie) bei einem Vorab-Pressegespräch. „Auch das relativ neue Feld der Arbeitsmedizin in der PMR wird beleuchtet, ebenso wie die zunehmende Bedeutung von Video-Rehabilitation.“

Physikalische Therapie ist kostengünstig, nebenwirkungsarm und höchst effektiv, berichtet Dr. Friedrich Hartl (Bundesfachgruppenobmann Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation in der Ärztekammer), der den Festvortrag zur „Bedeutung Physikalischer Modalitäten von Hippokrates bis zur aktuellen Leitlinie Kreuzschmerz“ halten wird. „Physikalische Medizin war und ist ein wesentlicher Motor medizinisch wissenschaftlicher Innovationen, die den Patienten zu Gute kommen.“

Update: Stoßwellentherapie auch bei Krebserkrankungen erlaubt und empfehlenswert

In Österreich erkranken jährlich 36.000 bis 40.000 Menschen an Krebs. Für Patienten mit entsprechendem Bedarf und gutem Rehabilitationspotenzial kommt eine onkologische Rehabilitation in Frage, bei der in der Regel Bewegungs- und Kraft-Training eine wichtige Rolle spielen. Allerdings sind Krebspatienten schmerzbedingt häufig in ihrer Beweglichkeit beeinträchtigt, was aktive Bewegung erschwert oder unmöglich macht. „Ein Ziel der Physikalischen Medizin ist hier, die Schmerzen zu reduzieren und damit die Beweglichkeit zu verbessern“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna (MedUni Wien), Seniorpräsident der ÖGPMR. „Eine neue Erkenntnis ist, dass zum Erreichen dieses Ziels der Einsatz der Stoßwellenbehandlung bei Krebspatienten erlaubt ist.“

Bei der extrakorporalen Stoßwellentherapie (ESWT) wird die Energie der Stoßwellen auf die Schmerzzonen im Körper übertragen, bis vor kurzem galt Krebs als Kontraindikation. „Eine rezente Publikation der MedUni Wien weist ganz klar auf das Gegenteil hin“, sagt Prof. Crevenna. „ESWT ist eine sichere und wichtige Methode für die unterstützende Behandlung und Rehabilitation von Krebspatienten.“ Der Einsatz der ESWT sei bei Diagnosen wie Fersensporn, Schmerzsyndrom der Achillessehne, Kalkschulter, Tennisellbogen, Wundheilungsstörungen oder chronischen Wunden erlaubt, sofern sich der Tumor nicht im behandelten Gebiet befindet. Bei bestimmten Schmerzen des Bewegungsapparates (myofasziales Schmerzsyndrom), erektiler Dysfunktion, Polyneuropathie und Lymphödemen empfiehlt die Internationale Gesellschaft für Medizinische Stoßwellentherapie das Verfahren als Expertenindikation. Prof. Crevenna: „Das ist ein wichtiger Fortschritt, weil damit ermöglicht wird, dass Patienten mit Krebs von den Vorteilen von Bewegungs- und Krafttrainings profitieren.“ (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31446484)

Neue Empfehlungen für das Training bei Knochenmetastasen und Multiplem Myelom

Die MedUni Wien hat auch ein Konzept präsentiert, das es Menschen mit Knochenmetastasen und der bösartigen Knochenmarkerkrankung Multiples Myelom, ermöglichen soll, möglichst risikolos Bewegungs- und Kraft-Trainings zu betreiben und physikalische Verfahren zu nutzen. „Damit es dabei nicht zu unerwünschten Effekten wie pathologischen Knochenbrüchen kommt, ist die exakte Kenntnis etwa der Belastbarkeit der betroffenen Skelettstrukturen erforderlich“, so Prof. Crevenna. „Dafür braucht es auf der Grundlage umfassender Untersuchungen in einem interdisziplinären Setting individuell maßgeschneiderte Trainings- und Rehabilitationsprogramme. Diese müssen im Tumor-Bord definiert werden, um die Sicherheit und Wirksamkeit regelmäßiger körperlicher Aktivität, Bewegung und physikalischer Therapien sicher zu stellen.“ (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31267163)

Telerehabilitation spielt in der Physikalischen Medizin eine immer wichtigere Rolle

Zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation und Lebensqualität von Patienten müssen heute nicht mehr indoor oder stationär erfolgen, sondern können dank Online-Programmen zu Hause stattfinden. Ein Beispiel ist die Einführung eines Online-Trainingsprogramms für Menschen mit Hämophilie, der „Bluterkrankheit“, bei denen es durch Blutungen zu starken Schmerzen kommen kann. Prof. Crevenna: „Die MedUni Wien hat ein Online-Trainingsprogramm für Betroffene entwickelt, denen der regelmäßige Besuch eines spezialisierten Trainingszentrums nicht möglich ist.“ Es kann über https://physmedrehab.meduniwien.ac.at/patientinneninformationen/online-trainingsprogramm ebenso bezogen werden wie über Handy oder Tablet über das Scannen eines QR-Codes.  Prof. Crevenna: „Patienten können so niedrigschwellig, zeitsparend und kostenlos zu Hause trainieren und von den vielen Vorteilen einer verbesserten körperlichen Fitness und Gelenksstabilität profitieren.“ (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31535221)

PMR für berufliche Eingliederung nach schwerwiegenden Erkrankungen am wichtigsten

Moderne Krebstherapien führen zu höheren Überlebensraten, was für Patienten auch die Bedeutung der Wiederaufnahme ihrer Arbeit erhöht. Etwa 35 Prozent der Krebspatienten sind in einem Alter zwischen 15 und 65 Jahren, etwa ein Drittel von ihnen wird im Zuge der Erkrankung arbeitslos.

Multidisziplinäre Programme im Rahmen des Wiedereingliederungsteilzeitgesetzes (WIETZ) sollen einen Brückenschlag zur Wiederaufnahme der Arbeit bieten. „Maßnahmen der Physikalischen Therapie bei der Krebs-Rehabilitation spielen eine zentrale Rolle in der Verbesserung der Lebensqualität, der Funktion und Teilhabe“, so Prof. Crevenna. „Sie reduzieren außerdem krebs- und behandlungsbezogene Symptome.“ Das ist das Ergebnis einer Befragung von 30 Experten ein halbes Jahr, nachdem 2017 in Österreich das WIETZ nach Langzeitkrankenständen in Kraft getreten ist. Es sei besonders wichtig, Patienten über das WIETZ und die Möglichkeiten der Krebsrehabilitation zu informieren. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31087151)

Neue Therapien zeigen sehr hohen Wirkungsgrad – Weitere Innovationen werden erforscht

Die Studienlage belegt eindeutig den hohen Wirkungsgrad der von der PM&R angebotenen multimodalen Schmerztherapie, berichtet Prim. Dr. Roland Celoud (Horn), Juniorpräsident der ÖGPMR: „Neue Methoden wie die Extrakorporale Stoßwellentherapie zeigen einen Wirkungsgrad bezüglich des Behandlungserfolges von teilweise weit über 90 Prozent.“

Die Elektrotherapie zum Beispiel entfalte eine dreimal bessere Schmerzwirksamkeit als Placebo, Opiate eine zweieinhalbfach bessere Schmerzwirksamkeit als Placebo, nennt Dr. Hartl ein weiteres Beispiel. Elektrotherapie habe aber im Gegensatz zu Opiaten weder ein Suchtpotenzial noch nennenswerte Nebenwirkungen. Im Asklepion, der Wirkstätte von Hippokrates, wurden 400 v. Chr. Zitterrochen zur Elektrotherapie eingesetzt. Er wurde auch zur Behandlung von Migräne oder Fußgicht empfohlen.

„Weitere neue Behandlungsverfahren sind im Kommen, aber noch nicht vollständig wissenschaftlich analysiert“, so Prim. Celoud. Die Gepulste hochenergetische Magnetfeldtherapie erzeugt nach den Angaben von Geräteherstellern mittels eines Stimulationsgeräts ein tiefeindringendes pulsierendes Magnetfeld, das eine aktivierende, schmerzlindernde und durchblutungsfördernde Wirkung haben soll. Bei der Behandlung mittels Hämo Laser wird das Blut über die Venen einer Laserbestrahlung ausgesetzt, wodurch sich Stoffwechsel, Durchblutung und Sauerstoffversorgung verbessern sollen. Bei diesen Verfahren bedürfe es noch wissenschaftlicher Arbeiten zu Wirkungsweise und Wirksamkeit.

Weniger Krankenstände, raschere Mobilisation und Genesung, frühere KH-Entlassung

In einer Studie der GÖG konnte eine Verringerung der Krankenstände um 23 Prozent durch Leistungen der PM&R – unter anderem der physikalischen Kombinationsbehandlung – gezeigt werden. Dadurch konnte eine Einsparung der Gesundheitsausgaben von 450 Millionen Euro pro Jahr für Österreich erzielt werden, berichtet Prim. Celoud.

Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeige, dass im Wiener Donauspital bei Patienten nach einer kritischen Erkrankung durch ein Rehabilitationsprogramm, das durch einen Facharzt für PM&R individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt wird – „im Unterschied zu den vielen in Österreich leider noch immer üblichen Standard-Programmen“ – raschere Mobilisation, frühere Entlassung aus dem Akutkrankenhaus sowie schnellere Genesung erzielt wurde, so Prim. Celoud. Diese Patienten seien in weiterer Folge auch wieder rascher in ihren persönlichen Alltag integrierbar oder sogar selbständig.

Unhaltbarer Vorwurf mangelnder Evidenzbasierung

„Umso erstaunlicher ist es, dass der Physikalischen Medizin von Kritikern immer wieder mangelnde Evidenzbasierung vorgeworfen wird, weil es angeblich in diesem Bereich nur wenige randomisierte kontrollierte klinische Studien gäbe“, so ÖGPMR-Präsident Wiederer. „Prinzipiell gilt, dass Medizin eine Dienstleistung ist, die sich wissenschaftlicher Methoden bedient. Das Ziel ist, Kranken zu helfen, und nicht bestimmte Konzepte von Wissenschaft zu administrieren, also z. B. ausschließlich die Ergebnisse kontrollierter klinischer Studien auf den einzelnen Patienten anzuwenden.“

Keine einseitige Auslegung der evidenzbasierten Medizin

Vielmehr seien Therapie und Heilung etwas sehr komplexes und facettenreiches. Doch bei den engen Studiendesigns von kontrollierten klinischen Studien spielen in der Praxis bedeutsame Gesichtspunkte wie die Persönlichkeit des Arztes, die Beziehung zwischen Arzt und Patient, oder die Vorstellungen der Patienten von einer Behandlung keine Rolle. Prim. Wiederer: „Kontrollierte klinische Studien bilden nur einen Teilausschnitt der Wirklichkeit ab.“

Außerdem seien „doppelblinde“ Vergleichsstudien in der Physikalischen Medizin nur schwer durchzuführen. Therapien würden sehr individuell auf einen Patienten abgestimmt, es können durchaus mehrere Patienten mit ähnlichen Beschwerden unterschiedliche Therapien verordnet bekommen.

Schon Pioniere einer Evidenz-basierten Medizin wie Professor David Sackett von der McMaster University in Ontario (Kanada) haben in den 1990er Jahren postuliert, die Praxis der EbM bedeute die Integration individueller klinischer Expertise des Arztes und der Bedürfnisse des Patienten mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung. Prim. Wiederer: „Gegenwärtig ist allerdings der Trend zu beobachten, der mitunter auch gegen die Physikalische Medizin gerichtet wird, dass von den drei Säulen der EbM nur noch die Evidenz aus klinischen Studien berücksichtigt wird. Die individuelle ärztliche Erfahrung und die Patientenbedürfnisse werden zunehmend vernachlässigt.“

Das berge außerdem das Problem, dass durch die Selektion der berücksichtigten Studien in Metaanalysen oder Reviews die Evidenzergebnisse beeinflusst werden können. Prim. Wiederer: „Zum Beispiel mit dem Ziel, dass Krankenkassen bestimmte ärztliche Leistungen nicht bezahlen müssen.“

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