Wien

Physikalische Medizin seit Jahrtausenden Innovationstreiber des Gesundheitswesens – Modernste Entwicklungen im Vortrags- und Ausstellungs-Programm der ÖGPMR-Jahrestagung

Statement Dr. Friedrich Hartl, Bundesfachgruppenobmann Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation in der Österreichischen Ärztekammer, Pressegespräch zur Jahrestagung der ÖGPMR, 7.11.2019

Entscheidende Neuerungen der Diagnostik und Behandlung werden seit Jahrtausenden durch die Physikalische Medizin in die Heilkunde eingebracht. Die in der jeweiligen Epoche zur Verfügung stehenden Einsatzmöglichkeiten von Kraft, Wärme und Elektrizität waren maßgebliche Solidaritätsleistungen der Gemeinschaft der Gesunden für ihre Kranken.

Sogar zentralistisch geführte, undemokratische Gesellschaften wussten, dass ihr Bestand nur dann gesichert ist, wenn der Einzelne im Ernstfall mit einer angemessenen Behandlung seiner Erkrankungen rechnen kann. Insbesondere galt dies seit jeher für den militärischen Bereich: ein Soldat der weiß, im Verwundungsfall optimal rehabilitiert zu werden, trägt mehr zur Schlagkraft der Truppe bei, als jemand der damit rechnen muss, im Stich gelassen zu werden.

Diesem Umstand verdanken Sie übrigens, dass Sie heute hier an diesem Ort sitzen können: Vindobona war eine Veteranenstadt, in der die Veteranen und Verwundeten der römischen Legionen mit den Mitteln der Physikalischen Medizin geheilt bzw. rehabilitiert wurden. Dabei halfen die Thermalvorkommen. Die Behandlung bestand in Massagen, Wärmetherapie, Unterwassertherapie und Krankengymnastik.

Auch in der Neuzeit war die Physikalische Medizin und Rehabilitation (PMR) in den beiden Weltkriegen und bei späteren Konflikten ein wesentlicher Faktor in diesem Sinne. Konflikte sind und waren auch Innnovationstreiber: Innovationen wie die Kurzwellenbehandlung und die Ultraschalltherapie entstammen Technologien des 1. und 2. Weltkriegs. Modernste Entwicklungen wie die Rehabilitation mittels Exoskeletten, Brain-Computer-Interfaces bis hin zur Telerehabilitation stehen im Zusammenhang mit den Konflikten der Jetztzeit.

Enorme Kosteneinsparung durch Physikalische Medizin und Rehabilitation

Auch bei weniger martialischer Betrachtung beweist die Physikalische Medizin tagtäglich ihren gesellschaftlichen Nutzen. Ein Zentralinstitut für PMR in einem Krankenhaus bringt gemäß empirischen Daten eines Krankenhausträgers eines Bundeslandes Einsparungen von ca. 20 Prozent der Gesamtkosten im intramuralen Bereich. Eine physikalische Kombinationsbehandlung verkürzt den Krankenstand bei Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates um fast ein Viertel.

Ein in physikalischer Therapie investierter Euro erspart zwei Euro an Folgekosten zum Beispiel für Krankenstand, Hospitalisierung, Frühpensionierung oder medikamentöse Schmerzbehandlung.

Hohe Schmerzwirksamkeit von Elektrotherapie ohne Nebenwirkungen und Suchtpotenzial

Am Beispiel der Elektrotherapie: Diese entfaltet eine dreimal bessere Schmerzwirksamkeit als Placebo, Opiate eine zweieinhalbfach bessere Schmerzwirksamkeit als Placebo. Elektrotherapie hat aber im Gegensatz zu Opiaten weder ein Suchtpotenzial noch nennenswerte Nebenwirkungen. Diese Vorteile werden seit Jahrtausenden genützt. Im Asklepion, der Wirkstätte von Hippokrates, wurden ca. 400 v. Chr. Zitterrochen zur Elektrotherapie eingesetzt. Scribonius Largus empfahl 46 n. Chr. Zitterrochen zur Behandlung von Migräne oder Fußgicht.

1758 sind im Wiener AKH 23 Fallgeschichten mit Elektrotherapie zur Behandlung von Lähmungen, Schmerzzuständen und Arsenvergiftungen beschrieben. Die moderne Elektrotherapie zur Schmerzbehandlung bzw. Stimulation gelähmter und nichtgelähmter Muskeln hat übrigens wesentliche Ursprünge in der Behandlung kriegsverletzter Personen nach dem 1. und 2. Weltkrieg bzw. dem Vietnamkrieg.

Apropos Innovation und PMR: Die Österreichische Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation wurde ursprünglich als Ultraschallgesellschaft gegründet, um diesem Spin-off der Rüstungsindustrie den Weg in die Heilkunde zu ebnen. Eine Subgesellschaft der ÖGPMR ist die Österreichische Gesellschaft für Elektrodiagnostik und die Österreichische Gesellschaft für Gefäßdiagnostik, die ebenfalls jeweils gegründet wurden um physikalische Prinzipien in der Diagnostik zu verbreitern.

Auch der Einsatz mechanischer Kräfte zur Beeinflussung von Gewebe, der als Massage schon in China 2600 v. Chr., im ägyptischen Reich 2300 v. Chr., sowie bei Griechen, Römern und in vielen anderen Kulturen zum Einsatz kam, wurde in der Neuzeit weiterentwickelt und findet modernst im Fasziendistorsionsmodell in der PMR Anwendung.

Modernste Entwicklungen im Vortrags- und Ausstellungsprogramm der ÖGPMR-Jahrestagung

Modernste Entwicklungen im Bereich der Physikalischen Medizin und Rehabilitation finden sich heuer im Vortrags- und Ausstellungsprogramm der Wissenschaftlichen Jahrestagung der ÖGPMR: z. B. die Steuerung einer Elektrostimulation mittels Brain-Computer-Interface zur Schlaganfallrehabilitation.

Zusammengefasst: Physikalische Therapie ist kostengünstig, nebenwirkungsarm und höchst effektiv. Eine breite Zurverfügungstellung stabilisiert seit jeher in allen Epochen die Gesellschaft durch hochqualitative Solidaritätsleistungen. Physikalische Medizin war und ist ein wesentlicher Motor medizinisch wissenschaftlicher Innovationen, die den Patienten zu Gute kommen.