Patientensicherheit und die Grenzen der Digitalisierung

Statement Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Eva Schaden, Stellvertreterin für den Bereich Intensivmedizin der ÖGARI; Leiterin einer Intensivstation an der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie, Medizinische Universität Wien/AKH Wien; Leiterin des Programms „Health Professional Empowerment with Digital Tools“ am Ludwig Boltzmann Institut „Digital Health and Patient Safety“

 

Online-Pressegespräch der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI)

anlässlich der virtuellen ÖGARI-Jahrestagung (AIC DIGITAL 2020) am 26. und 27. November 2020

 

Im Allgemeinen bedeutet Patientensicherheit, Fehler und Zwischenfälle zu vermeiden, die sich negativ auf die Patientinnen und Patienten auswirken. Die fortschreitende Digitalisierung des Gesundheitswesens verspricht, die Patientensicherheit zu erhöhen. Dies geschieht unter anderem, indem die Artificial Intelligence (AI) große Mengen an Daten auswertet und damit eine Art von Wissen generiert. Dieses „Wissen“ kann Ärztinnen und Ärzte in ihren Entscheidungsfindungen, ihren Diagnosen und auch in den Therapien unterstützen und helfen, menschliches Versagen wie etwa Patientenverwechslung oder falsche Medikamentengabe zu vermeiden. Weiters trägt die rasche und einfache Übermittlung digitaler Daten zur Patientensicherheit bei, da dadurch Patientinnen und Patienten seltener transferiert werden müssen.

Es gibt Patientinnen und Patienten, die sich sicherer fühlen, wenn möglichst viele ihrer Gesundheitsdaten digital erfasst werden und sie mit medizinischen High-tech-Geräten umgeben sind. Patientensicherheit ist jedoch auch ein subjektives Gefühl, das von Menschen vermittelt wird. Insbesondere in der Anästhesie und Intensivmedizin ist die menschliche Zuwendung ein hoher Wert, denn unsere Patientinnen und Patienten sind oft schwer krank. Sie fühlen sich gut aufgehoben, wenn sie die Aufmerksamkeit und Zuwendung der betreuenden Ärztinnen und Ärzte und des Pflegepersonals erfahren.

Patientinnen und Patienten sind ein komplexes menschliches Ganzes und keine Ansammlung digitaler Daten. Wir brauchen Zeit für persönliche Kontakte, um ihre vielfältigen Bedürfnisse zu verstehen. Digitalisierung führt zwar zu einer erwünschten Rationalisierung der medizinischen Arbeit, sie darf jedoch nicht zur Wegrationalisierung des menschlichen Anteils der Betreuung führen. Wenn etwa die Datensuche digital wesentlich schneller geht, so sollte die gewonnene Zeit dafür verwendet werden können, sich den Patientinnen und Patienten zuzuwenden.

Digitalen Möglichkeiten und menschliche Entscheidungen

Artificial Intelligence-Systeme präsentieren Möglichkeiten, treffen jedoch keine Entscheidungen. Gebe ich Symptome in eine Symptom-App ein, so erhalte ich Vorschläge, woran der Patient/die Patientin leiden könnte. Schlussendlich müssen aber Arzt oder Ärztin entscheiden, welche von den vorgeschlagenen Erkrankungen am wahrscheinlichsten ist, und die Abklärung weiter fortführen. Die Beziehungen zwischen der angebotenen riesigen Anzahl an Daten, der Datenverarbeitung, den ärztlichen Entscheidungen und der Patientensicherheit müssen beständig überprüft und erforscht werden. Das geschieht etwa am neuen Ludwig Boltzmann Institut „Digital Health and Patient Safety“.

Für die Ausbildung bedeutet das, dass wir medizinische Expertinnen und Experten weiterhin so schulen müssen, dass sie in der Lage sind, diese Entscheidungen zu treffen. Die Aus- und Weiterbildung muss mit persönlichem Austausch verbunden bleiben, denn eine Einschränkung auf vorprogrammierte Diskussionen in digitalen Medien macht die Welt kleiner und konfrontiert nicht mit völlig anderen Meinungen. Das ist in jedem Bildungsbereich schlecht, daher wünsche ich mir bei allem digitalen Fortschritt in der Lehre, dass wir weiter auch konventionelle Methoden verwenden.

Nützlichkeit digitaler Tools überprüfen

Die Digitalisierung hat noch nicht durchgängig Eingang in die Praxis der Anästhesie und Intensivmedizin gefunden, da wir erst lernen müssen, welche Vorteile die einzelnen Tools tatsächlich bringen. Erstellt und übermittelt etwa ein Diabetiker wöchentlich seine Blutwerte mit digitaler Unterstützung, so ist das von großem Wert, weil damit Abläufe beschleunigt und standardisiert werden. Auch für die Steuerung von intensivmedizinischen Therapien gibt es bereits nützliche Tools, wie etwa eines, das automatisch die „Entwöhnung“ von der Beatmungsmaschine regelt. Mehr als fraglich ist hingegen die Nützlichkeit einer Smartwatch, die Vorhofflimmern diagnostiziert, obwohl die Träger gar keine Diagnose haben wollen.

Datensicherheit

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie ist die Datensicherheit nicht vorrangig beachtet worden. Diagnosegespräche mit den Patientinnen und Patienten fanden auch über digitale Medien statt, die für diese Zwecke nicht verifiziert waren. Da kaum Zeit blieb, den virtuellen Kontakt detailliert vorzubereiten, wurde nicht immer die sicherste Lösung verwendet. Institutionen, die die Telemedizin langfristig ins Laufen bringen wollen, lassen bezüglich Datensicherheit aber selbstverständlich größte Sorgfalt walten. Für unsere Projekte verwenden wir sichere Systeme, wie sie auch vom Militär genutzt werden. Für Studien der MedUni Wien oder des Ludwig Boltzmann Instituts gibt es neben einer Begutachtung durch eine Ethikkommission immer auch die Freigabe einer Datenschutzkommission, die speziell auf die Datensicherheit achtet.

 

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