Wien

Neue Wertediskussion gefordert: Das ÖGARI Manifest für eine menschliche Medizin

Statement Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc, Präsident der ÖGARI, Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee

Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin

(ÖGARI) – Wien, 20. November 2018

 

Unter dem Motto „Zurück zum Ursprung“ rückt die ÖGARI-Jahrestagung (AIC 2018) das Zusammenspiel der einzelnen Säulen der Anästhesiologie in den Fokus. Mit einem neuen Manifest tritt die Fachgesellschaft für eine menschliche Medizin ein und fordert eine neue Wertediskussion.

In den vergangenen Jahren hat das Fachgebiet der Anästhesiologie eine sehr spannende Entwicklung erlebt: Zur ursprünglichen Aufgabe, sichere Narkosen bei Operationen und Eingriffen zu gewährleisten, ist viel dazugekommen. Zuerst entwickelte sich die Intensivmedizin als untrennbarer Zwilling der Anästhesiologie. Auch hier geht es darum, die Vitalfunktionen von Patienten zu überwachen und zu erhalten. Als weitere Tätigkeitsbereiche differenzierten sich die Notfallmedizin, Schmerzmedizin und Palliativmedizin heraus. Heute bilden diese Bereiche die fünf Säulen der modernen Anästhesiologie. Nach vielen Jahren zunehmender Spezialisierung halte ich es nun für wichtig, die Synthese und das Zusammenspiel der einzelnen Subspezialitäten der Anästhesiologie wieder stärker in den Fokus zu rücken.

Das ist ein Grund, warum wir unsere Jahrestagung unter das Motto „Zurück zum Ursprung“ stellen. Es ist wichtig, einer Aufspaltung unseres Fachgebietes entgegenzutreten. Denn die genannten Bereiche ergänzen und beeinflussen einander, jeden Tag, durch die gelebte Praxis. In vielen Fällen haben Patientinnen und Patienten schon bei einem Rettungseinsatz den ersten Kontakt mit einem Anästhesisten. In der Notfallfallaufnahme oder im Schockraum werden sie wiederum von anästhesiologischem Personal betreut, ebenso während Operationen, in der Intensivstation oder in der palliativen Versorgung. Wir müssen also sicherstellen, dass unsere Expertise gebündelt bleibt – für jeden einzelnen Kranken, für eine optimale Patientenversorgung.

Unsere Jahrestagung soll aber auch einer grundsätzlichen Reflexion unserer Rolle und unseres Selbstverständnisses Raum geben. Was macht die ethische DNA der Anästhesiologie und Intensivmedizin aus? Wofür stehen wir? Ich halte es aktuell für besonders wichtig, diese Haltung zu definieren und zu festigen. Es ist an der Zeit für eine neue Wertediskussion. Denn medizinisch ist mehr möglich denn je, technisch überschlagen sich die Entwicklungen, der demografische Wandel bringt einen gesteigerten Versorgungsbedarf und innovative Therapien haben ihren Preis. Gleichzeitig stehen gesundheitsökonomisch und -politisch viele Zeichen auf Sparen und Effizienzsteigerung.

Aus Sicht der ÖGARI erfordern die genannten Rahmenbedingungen eine Besinnung auf zentrale Werte und Tugenden des ärztlichen Handelns. Wir haben daher ein  Ethik-Manifest verabschiedet, das sich für eine menschlichere Medizin stark macht. Es ist unser Versprechen an unsere Patientinnen und Patienten, ihr Wohl und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Kolleginnen und Kollegen anderer Fächer und Gesundheitsberufe laden wir ein, diese Werte zu unterstützen und gemeinsam zu leben. Gleichzeitig appellieren wir damit auch an die gesundheitspolitischen Verantwortungs- und Entscheidungsträger, für die entsprechenden Rahmenbedingungen zu sorgen.

Konkret fordern wir mit dem sieben Punkte umfassenden Manifest, der Zuwendungsmedizin genügend Zeit einzuräumen. Die innovativste High-Tech-Medizin kann eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung nicht ersetzen. Ausreichend Gesprächszeit ist die Voraussetzung für gute Therapie. Dass uns neue Technologien in der Arbeit unterstützen, ist wunderbar, ersetzt aber nicht den Menschen, der letztlich die Entscheidungen trifft.

Natürlich ist es ein Gebot der Stunde, mit knappen Ressourcen effizient umzugehen. Es darf aber nicht an der menschlichen Arbeitskraft gespart werden, wo sie nötig ist: Investitionen in technische Ausstattung und in Strukturen müssen immer auch Hand in Hand gehen mit einer entsprechenden Anpassung der Personalkapazitäten. Und weil wir das Risiko für Ungleichbehandlungen sehen, fordern wir auch ganz klar ein solidarisches und bedarfsgerechtes Gesundheitssystem: Der medizinische Fortschritt und die breite Palette diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten muss allen Patientinnen und Patienten zugutekommen, die davon profitieren können – unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen, Wohnort, ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit.

Wir müssen außerdem sicherstellen, dass medizinisch Notwendiges und Zweckmäßiges in jedem Fall durchgeführt werden kann. Diagnostische oder therapeutische Entscheidungen dürfen nicht von wirtschaftlichen Kriterien abhängen. Gleichzeitig muss aber auch jede Maßnahme daraufhin überprüft werden, welche Patientennutzen sie bringt.

Natürlich ist es im Interesse aller, mögliche Potenziale zur Effektivitäts- und Effizienzsteigerungen im Behandlungsalltag auszuloten. Das darf aber nicht einem abstrakten Sparziel als eigenständigem Wert dienen. Freiwerdende Ressourcen müssen in die bestmögliche Patientenversorgung reinvestiert werden – insbesondere in die Zuwendungsmedizin, mit hoher zwischenmenschlicher Qualität.

An die Politik appellieren wir auch, ärztliche Expertise verstärkt bei strategischen und planerischen Entscheidungen in Krankenhäusern oder auf gesundheitspolitischer Ebene zu berücksichtigen. Wir sind dem Patientenwohl verpflichtet und wollen diese Verpflichtung und unsere Erfahrungen auch jenseits des Behandlungsalltags einbringen. Davon würde das gesamte Versorgungssystem profitieren. Wir Anästhesistinnen und Anästhesisten wollen Helfer und Unterstützer, Vertrauenspersonen und Behandler, Anwälte und Begleiter unserer Patienten sein und in diesem Sinne erforderliche Veränderungen mitgestalten. Das ist für uns der Weg zu einer menschlicheren Medizin!

Medienkontakt:

B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung
Dr. Birgit Kofler

0676 6368930; 01 3194378

kofler[at]bkkommunikation.com