Innsbruck/Paris

Neue Studie zu plötzlichem Herztod: Innovative computerbasierte EKG-Methode zeigt, wer von vorbeugender ICD-Implantation profitiert

PA der Österreichischen Kardiologengesellschaft zum Europäischen Kardiologiekongress (Paris)

Die Ergebnisse der „EU-CERT-ICD“ Studie zeigen erstmals die Möglichkeit, den Therapieeffekt der prophylaktischen Implantation eines Cardioverter-Defibrillators (ICD) individuell vorauszusagen. Das erspart unnötige Implantate und verringert Risiken und Kosten. Periodic Repolarization Dynamics ist eine nicht-invasive und für Patienten nicht belastende computerbasierte EKG-Methode, die das ermöglicht. Damit sei die moderne Kardiologie in der Bekämpfung des plötzlichen Herztodes einen entscheidenden Schritt weitergekommen, berichtet Studien-Erstautor Univ.-Prof. Dr. Axel Bauer (Medizinische Universität Innsbruck) auf dem Europäischen Kardiologiekongress in Paris.

Innsbruck/Paris, Montag, 2. September 2019 - Die Ergebnisse der internationalen „EU-CERT-ICD“ Studie zeigen erstmals die Möglichkeit, den Therapieeffekt der prophylaktischen Implantation eines Cardioverter-Defibrillators (ICD) individuell vorauszusagen. „Wir sind einen entscheidenden Schritt in der Bekämpfung des plötzlichen Herztodes weitergekommen. Mit ‚Periodic Repolarization Dynamics‘ (PRD), sind wir nun erstmals in der Lage, personalisierte Therapieentscheidungen zu treffen“, berichtet Studien-Erstautor Univ.-Prof. Dr. Axel Bauer (Direktor der Innsbrucker Univ.-Klinik für Innere Medizin III) in einer „Late-Breaking Science“-Sitzung auf dem Europäischen Kardiologiekongress in Paris. Zeitgleich erscheint eine Publikation in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“.

In Paris kommen von 31. August bis 4. September 32.000 Teilnehmer aus 150 Ländern zusammen – der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) ist einer der weltweit größten Medizinkongresse.

PRD ist eine nicht-invasive und für Patienten nicht belastende computerbasierte EKG-Methode, um Stressnerv-induzierte elektrische Instabilitäten sensibel zu quantifizieren. „Je höher der PRD-Wert, desto stärker der lebensverlängernde Effekt einer prophylaktischen ICD-Therapie“, sagt Prof. Bauer. „Patienten mit hohem PRD-Wert profitierten von einer ICD-Implantation hinsichtlich einer Sterblichkeitsreduktion deutlich mehr als Patienten mit niedrigem PRD.“ In Vorstudien erwies sich ein erhöhter PRD als starker und unabhängiger Prädiktor für bösartige Herzrhythmusstörungen und plötzlichen Herztod.

„Die Studienergebnisse haben große Bedeutung für den einzelnen Patienten, wenn es darum geht, individuell die Vor- und Nachteile einer prophylaktischen ICD-Therapie abzuwägen“, so Prof. Bauer. Die Ergebnisse haben darüber hinaus große gesundheitsökonomische Bedeutung: „So kann die Zahl der ICD-Implantationen, die nötig sind, um ein Leben zu retten (,number needed to treat‘), durch PRD-Bestimmung deutlich reduziert werden.“

Die Algorithmen hinter der PRD-Bestimmung sind frei verfügbar, die technischen Voraussetzungen für eine PRD-Bestimmung vergleichsweise gering. „Wir rechnen damit, dass die Methode aufgrund der klaren Ergebnisse bald in die klinische Routine Eingang erhalten wird“, sagt Prof, Bauer.

Das Ziel: Patienten identifizieren, die von prophylaktischer ICD-Therapie besonders profitieren

Die in Paris vorgestellte, groß angelegten europäischen Studie „EU-CERT-ICD“, die an 44 Zentren in 15 europäischen Ländern über 5 Jahre durchgeführt wurde, haben Wissenschaftler um Prof. Bauer (ehemals Ludwig-Maximilians-Universität München), Prof. Georg Schmidt (Technische Universität München) und Prof. Markus Zabel (Universität Göttingen) die aktuelle Effektivität der prophylaktischen ICD-Therapie in Europa untersucht. Ein Hauptziel war dabei, Patienten zu identifizieren, die von einer prophylaktischen ICD-Therapie besonders profitieren. In ihrer Studie begleiteten die Wissenschaftler insgesamt 1371 Patienten mit Herzschwäche. Bei 968 Patienten wurde ein ICD implantiert, bei 403 entschied man sich für ein konservatives Vorgehen ohne ICD-Implantation. Bei allen Patienten wurde PRD vor ICD-Implantation bzw. bei Studieneinschluss bestimmt. Das Hauptergebnis der Studie war, dass durch PRD der Therapieeffekt einer prophylaktischen ICD-Implantation vorausgesagt werden konnte.

Ein vielversprechender Ansatz, Hochrisikopatienten für lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen zu identifizieren, besteht darin, Biosignale des Menschen zu analysieren, um hierdurch Rückschlüsse auf Steuerungsprozesse des kardialen autonomen Nervensystems („unbewusstes Nervensystem“) zu ziehen. Insbesondere eine Überaktivität des Stressnervs kann bei vorgeschädigtem Herzen die Neigung zu bösartigen Herzrhythmusstörungen erhöhen. Der Forschergruppe um Univ-Prof. Axel Bauer ist es vor einigen Jahren gelungen, diese Effekte mittels eines computerbasierten EKG-Verfahrens („Periodic Repolarization Dynamics“ – PRD)  sichtbar zu machen und zu quantifizieren.

Plötzlicher Herztod: Eine der häufigsten Todesursachen der westlichen Welt

Der plötzliche Herztod ist eine der häufigsten Todesursachen der westlichen Welt. Er wird meist durch bösartige Herzrhythmusstörungen verursacht, die unerwartet entstehen und innerhalb von Minuten zu irreversiblen Hirnschäden führen. Effektiv verhindert werden kann er nur durch prophylaktische Implantation eines ICD), der Rhythmusstörungen durch einen elektrischen Schock beendet. Dieser „eingebaute Notarzt“ birgt jedoch auch Risiken – von Infektionen bis hin zu falschen Schockabgaben. Etwa jeder vierte Patient mit ICD erleidet schwerwiegende Komplikationen.

„Die entscheidende Frage also lautet, welcher Patient einen ICD benötigt und welcher nicht“, so Prof. Bauer. Aktuelle nationale und internationale Empfehlungen sprechen sich für eine prophylaktische ICD-Implantation bei Patienten mit eingeschränkter Herzleistung aus. Prof. Bauer: „Diese Empfehlung basieren auf Studien vor teilweise 20 Jahren. Das Management von Patienten mit Herzschwäche hat sich über die Zeit erheblich verbessert. Heutzutage erleiden nur die allerwenigsten Patienten, welchen aus prophylaktischen Gründen ein ICD implantiert wird, tatsächlich lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen.“

Zudem stelle die ICD-Therapie eine erhebliche Belastung für die Gesundheitssysteme dar. Die EU gibt für rund 100.000 ICD-Implantationen pro Jahr und deren Nachsorge ca. 2 Milliarden Euro aus.

Bauer at al.: Prediction of mortality benefit by means of Periodic repolarization dynamics in patients undergoing prophylactic implantation of a defibrillator: EU-CERT ICD substudy

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