Wien

Neue Expertenpublikation: Sarkopenie wird eine klinisch anwendbare Diagnose

Pressemitteilung des Karl Landsteiner Instituts für Remobilisation und funktionale Gesundheit

 

 

Ein aktualisiertes europäisches Konsensuspapier definiert jetzt die Muskelerkrankung Sarkopenie völlig neu und liefert eine neue Handlungsanleitung für die Diagnostik mit einfach zu erhebenden Grenzwerten. Sarkopenie wurde bisher in der klinischen Praxis häufig übersehen und unzureichend behandelt, mit den neuen Empfehlungen könnte sich das endlich ändern, hofft Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Quittan.

 

Wien, 04.Dezember 2018 – Ein soeben veröffentlichtes revidiertes europäisches Konsensus-Papier zur Definition und Diagnose der Sarkopenie könnte die häufig unterschätzte Erkrankung besser diagnostizierbar machen, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Quittan, Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Remobilisation und funktionale Gesundheit und Vorstand des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation im SMZ-Süd, Wien.

2010 wurde erstmals eine Leitlinie zur Definition und Diagnose der Sarkopenie veröffentlicht, die sowohl bei der Definition als auch der klinischen Diagnose sehr stark auf die Muskelmasse abstellte. Dies in Anlehnung an die ursprüngliche Sarkopenie-Definition des Ernährungsmediziners Prof. Irwin Rosenberg von der Harvard Universität, der mit dem Begriff Sarkopenie (aus dem Griechischen: sarx für Fleisch und penia für Mangel) den mit fortschreitendem Alter zunehmenden Abbau von Muskelmasse und Muskelkraft und die damit einhergehenden funktionellen Einschränkungen älterer Menschen beschrieb.

„Die nunmehr vorliegende revidierte Version des Europäischen Konsensus ändert diesen Zugang grundlegend“, sagt Prof. Quittan. „Die neue Sichtweise stellt nicht mehr ausschließlich auf das Alter ab, und stellt die Muskelkraft und weniger die Muskelmasse in den Vordergrund. Außerdem bietet der neue Konsensus eine klare Handlungsanleitung für die Diagnostik, mit relevanten, einfach zu erhebenden Grenzwerten.“

Die wichtigsten Änderungen im Überblick:

  • Sarkopenie wurde lange Zeit ausschließlich mit dem Alterungsprozess und alten Menschen in Zusammenhang gebracht. Nunmehr wird ausdrücklich festgehalten, dass sich Sarkopenie bereits in früheren Lebensabschnitten entwickeln kann. Neben dem Alterungsprozess werden mehrere Ursachen dafür verantwortlich gemacht. „Dies bedingt neue Strategien und Interventionen zur Prävention der Sarkopenie“, betont Prof. Quittan.
  • Sarkopenie wird nun als Muskelerkrankung aufgefasst, wobei die verminderte Muskelkraft im Vordergrund steht. „Dies ermöglicht eine rasche Diagnosestellung in der täglichen klinischen Praxis“, kommentiert Prof. Quittan. Als Muskelerkrankung wird Sarkopenie nun auch mit einem ICD-Code (M 62.5) versehen.
  • Sarkopenie wird zwar wie bisher auch mit verminderter Muskelmasse und Muskelqualität in Verbindung gebracht. Doch diese Parameter sind nun vor allem für Forschungszwecke relevant, und nicht für die klinische Diagnostik.

„Sarkopenie wurde bisher in der klinischen Praxis häufig übersehen und unzureichend behandelt“, sagt Prof. Quittan. „Ein Grund dafür war die bisherige Komplexität in der Diagnostik. Daher bietet die Revision des Experten-Konsensus eine klare Handlungsanleitung für die Diagnostik mit relevanten, einfach zu erhebenden Grenzwerten.“

Neuer Diagnoseweg

Als Screening-Test empfehlen die europäischen Sarkopenie-Experten  den einfach durchführbaren SARC-F Test für Sarkopenie. Ergibt dieser vier Punkte oder mehr, so liegt der Verdacht einer Sarkopenie nahe und eine weitere Abklärung ist erforderlich. Folgende Parameter werden dabei erhoben:

  • Eine geringe Muskelkraft wird als primärer Indikator einer möglichen Sarkopenie angesehen. Die Messmethodik ist die Handkraft, die Grenzwerte betragen 27 kg für Männer und 16 kg für Frauen. Alternativ kann der „Chair-Rising-Test“ herangezogen werden, bei dem die getestete Person so schnell wie möglich ohne Einsatz der Arme aus  einem Stuhl in üblicher Höhe aufstehen soll. Hier beträgt der Grenzwert mehr als 15 Sekunden für fünf Wiederholungen.
  • Die Diagnose wird bestätigt durch den Nachweis einer geringen Muskelmasse oder Muskelqualität. Geeignete Diagnosemethoden hierfür sind die Dexamessung, die bioelektrische Impedanzmethode oder entsprechende Muskelmessungen mit MRT und CT.
  • Falls zusätzlich eine geringe körperliche Leistungsfähigkeit nachgewiesen wird, spricht man von schwerer Sarkopenie. Hierfür verwendete Tests sind
    • die Gehgeschwindigkeit mit einem Grenzwert von  0,8 m/s
    • der Short Physical Performance Battery Test mit einem Grenzwert von 8 Punkten oder weniger
    • der „Timed Up & Go-Test“ mit einem Grenzwert von 20 Sekunden oder mehr

Zusätzlich kann noch der 400 m-Gehtest verwendet werden, Kriterium für eine schwere Sarkopenie sind ein Testabbruch oder, dass 6 Minuten oder länger für die Bewältigung der Gehstrecke erforderlich sind.

„Diese neuen Expertenempfehlungen erlauben sowohl ein einfaches Screening als auch eine einfache Diagnostik  der Sarkopenie sowie eine entsprechende diagnostische Dokumentation“, fasst Prof. Quittan zusammen. „Dadurch erhöht sich die Chance, dass Betroffene rechtzeitig eine angemessene Therapie erhalten.“

Sarkopenie wird nunmehr in primäre und sekundäre Ursachen unterteilt. Eine primäre Sarkopenie ist altersbezogen, sekundäre Sarkopenien treten bei chronischen Erkrankungen, Inaktivität sowie bei Über-, Unter- bzw. Mangelernährung auf. „Gerade die unzureichende Eiweißaufnahme trägt zur Bildung einer Sarkopenie bei“, so Prof. Quittan. Darüber hinaus wird Sarkopenie in eine akute Sarkopenie eingeteilt, die bei akuter Erkrankung oder Verletzung auftritt. Sarkopenie, die mehr als sechs Monate dauert, wird als chronisch bezeichnet. Neurologische Erkrankungen, Arthrosen sowie Medikamente können ebenso zur Entstehung einer Sarkopenie beitragen.

Sarkopenie ist definitionsgemäß eine systemische Erkrankung. „Wie mit lokalen muskulären Abbauprozessen, die zum Beispiel bei Gelenkserkrankungen oder bei Rückenschmerzen auftreten, in der Nomenklatur umgegangen wird, ist noch offen. Das sollte jedoch auch unter Sarkopenie subsumiert werden, da die Mechanismen des Muskelschwundes hier teilweise ident sind“, so Prof. Quittan.

Die Therapie der Sarkopenie besteht neben der Behandlung der Grunderkrankung aus medizinischem Krafttraining und einer optimierten Ernährung zur Beseitigung von Ernährungsdefiziten, wobei besonders der Eiweißmangel ausgeglichen werden muss.

Quelle: European Working Group on Sarcopenia in Older People (EWGSOP): Age and Ageing 201 0:1-16

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