Wien/Linz

Migräne in Europa: Weit verbreitet, aber unterbehandelt

Pressemitteilung zu den 18. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft

Bei zu wenigen Betroffenen wird Migräne richtig diagnostiziert und adäquat behandelt. Das zeigt eine aktuelle europäische Studie. Die Verschreibung spezifischer Medikation zur Prävention und Akutbehandlung ist unzureichend, berichtet Prof. Christian Lampl, einer der Autoren der Eurolight Studie anlässlich der Österreichischen Schmerzwochen.

Wien/Linz, 4. Februar 2019 – Migräne ist weit verbreitet und beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. „Die Beschwerden führen zu vielerlei Einschränkungen, sozialem Rückzug und Problemen am Arbeitsplatz. Trotzdem wird diese Krankheit unterschätzt und häufig vernachlässigt“,  sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl (Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern), Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Vizepräsident der Europäischen Kopfschmerzgesellschaft anlässlich der 18. Österreichischen Schmerzwochen der ÖSG. Noch immer zu selten werden „Kopfschmerzen“ als Migräne diagnostiziert und entsprechend behandelt, so der Experte.

Wie es mit der medizinischen Versorgung von Migränepatienten in Europa aussieht, hat vor kurzem die Eurolight-Studie mit einer Querschnittanalyse untersucht. Rund 9.250 Menschen wurden in insgesamt zehn europäischen Ländern befragt. Erfasst wurden die Prävalenz von Migräne in der Bevölkerung, die Frequenz von Migräneepisoden und inwieweit medizinische Leistungen und Medikamente für die akute und präventive Behandlung in Anspruch genommen werden. Die Ergebnisse werfen kein gutes Licht auf die aktuelle Situation: „Zu wenige Migränepatienten finden den Weg zu einem praktischen Arzt. Umgekehrt gehen zu viele zu einer Fachärztin oder einem Facharzt, obwohl dies nur in schweren Fällen nötig wäre. Mit migränespezifischer Medikation schaut es generell schlecht aus, selbst bei jenen Betroffenen, die in Behandlung sind.“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden in unterschiedlichen Zusammenhängen rekrutiert: In sechs Ländern (Deutschland, Italien, Litauen, Luxemburg, Niederland und Spanien) lief die Untersuchung bevölkerungsbasiert ab. In Frankreich, Großbritannien und Österreich wurden Patienten mit verschiedensten Gesundheitsproblemen in Wartezimmern von praktischen Ärzten befragt. Weitere Daten kamen aus Irland, den Niederlanden und Spanien, wo Mitglieder von Selbsthilfegruppen im Bereich Kopfschmerz rekrutiert und befragt worden waren.

38 Prozent der Befragten leiden an Migräne

Die Auswertung macht deutlich, wie weit Migräne verbreitet ist: Bei 3.466 Personen, also bei fast 38 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wurde mit Sicherheit oder hoher Wahrscheinlichkeit Migräne diagnostiziert. Davon waren 1.175 Personen, also ein Drittel, regelmäßig von Migräne betroffen, und zwar mit mehr als fünf Tagen pro Monat. In Österreich waren es sogar über 40 Prozent. „Diese Patientengruppe würde von medikamentöser Prävention profitieren“, ist Prof. Lampl überzeugt. Bei der bevölkerungsbasierten Stichprobe zeigte sich, dass nur eine Minderheit der Migränepatienten – je nach Land zwischen 9,5 und 18 Prozent – bereits eine Ärztin oder einen Arzt für Allgemeinmedizin konsultiert hatte und ein noch kleinerer Anteil angemessen behandelt wurde. Triptane, eine Medikamentengruppe zur Akutbehandlung von Migräne und Cluster-Kopfschmerz, erhielten nur zwischen 3,4 und elf Prozent der Patienten – lediglich Spanien schnitt hier mit 22,4 Prozent deutlich besser ab. In Österreich erhielten 14,1 Prozent der befragten Migränepatienten Triptane. Mit präventiven Medikamenten, soweit bereits zugelassen, wurden lediglich zwischen 1,6 und 6,4 Prozent der Betroffenen versorgt, in Österreich erhielten 6,6 Prozent der Patienten, die mindestens fünf Migränetage pro Monat haben, eine prophylaktische Behandlung. Spanien lag auch in diesem Fall mit 13,7 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Der Anteil der Patienten, der migränespezifische Medikation erhielt, war unter jenen Teilnehmern am höchsten, die in Arztpraxen befragt oder von Selbsthilfeorganisation rekrutiert worden waren.

Medikamente zur Akutbehandlung zu selten verschrieben

Zwischen 3,1 und 33,8 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten ihren Weg zu einem Facharzt gefunden – in Österreich 17,5 Prozent. Diese Patienten erhielten die beste Akut- und Präventivversorgung. Bei ausschließlicher Selbstmedikation war die Versorgung offensichtlich unzureichend – das traf bei immerhin bei 48 bis 84,2 Prozent zu. „Was uns zu denken geben muss: Selbst wer bei einem praktischem Arzt oder einem Facharzt in Behandlung ist, wird nicht immer optimal versorgt.“ Laut der Studie erhalten nur 51,3 Prozent der infrage kommenden Patienten Triptane für die Akutbehandlung, wenn sie zu Fachärzten gehen, und 35,9 Prozent der Patienten, wenn sie Allgemeinmediziner konsultieren. „Experten-Empfehlungen und Praxis klaffen hier auseinander“, hält Prof. Lampl fest. „Es sind also mehr Anstrengungen in Europa nötig, um die Situation von Migränepatienten zu verbessern – beginnend mit gezielten Schulungen von Gesundheitsdienstleistern wie auch betroffenen Patienten. Es ist nicht zwingend notwendig, alle Migränepatienten in Spezialzentren oder bei einem Neurologen zu behandeln, die deutliche Mehrheit sollte beim Hausarzt bestens versorgt sein“, so Prof. Lampl. Für die große Zahl an Betroffenen fordert er eine abgestufte und koordinierte Versorgung, die von den Hausärzten als Erstansprechpartner über niedergelassene Neurologen bis hin zu einer ausreichenden Zahl spezialisierter Zentren reicht.

Quellen: Katsarava Z , Mania M , Lampl C , Herberhold J , Steiner TJ, Poor medical care for people with migraine in Europe – evidence from the Eurolight study. Headache Pain. 2018 Feb 1;19(1):10. doi: 10.1186/s10194-018-0839-1; Zebenholzer K, Gall W, Wöber C. Triptan use and overuse in Austria – a survey based on nationwide sickness healthcare claims data. 18th Congress of the International Headache Society, Vancouver 2017

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