Wien, Linz, Mistelbach-Gänserndorf

Mehr Aufgaben, weniger Pathologen: Moderne Diagnosen und Therapien in Gefahr!

Statement Univ.-Prof. Dr. Martin Klimpflinger, Leiter des Pathologisch-bakteriologischen Instituts am Kaiser Franz-Josef-Spital SMZ Süd (Wien), Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie.

„Nichts geht mehr“, könnte es in wenigen Jahren heißen, wenn die Gesundheitspolitik beim Personalmangel in der Pathologie nicht möglichst schnell handelt. Denn ohne Pathologie gibt es keine fundierte und – unter dem Megatrend zur Präzisionsmedizin – immer feiner und individueller werdende Diagnose von Krankheiten und auch keine Kontrolle der Wirksamkeit der gewählten Therapie. Krebserkrankungen bilden hier ein zentrales Beispiel.

Die moderne Pathologie wird immer komplexer: Die Begutachtung von Gewebeproben unter dem Mikroskop durch Pathologen ist weiterhin die Basis. Aber hinzu kommen immer mehr spezialisierte molekularbiologische Verfahren, zu denen auch das Next Generation Sequencing (NGS) gehört, das Auskunft über die molekularbiologischen Charakteristika von Tumoren Auskunft gibt und einen immer größeren Einfluss auf die Therapieentscheidung im Rahmen der individualisierten Krebsmedizin hat. Ohne NGS lassen sich zielgerichtete Therapie und Immuntherapie in der klinischen Praxis nicht umsetzen. Diese beiden Therapieformen sind aber bei immer mehr Krebserkrankungen dabei, die traditionelle Chemotherapie nebenwirkungsärmer und mit größerer Wirkung zu ersetzen oder zumindest den Effekt einer solchen Behandlung zu erhöhen.

Pathologen untersuchen zunächst Tumor-Gewebeproben auf ihre morphologischen Charakteristika unter dem Mikroskop. Aus den geeigneten bösartigen Zellen aus den Gewebeproben wird die Erbsubstanz (DNA) isoliert. Die Erbsubstanz bekommt eine Art „Barcode“. Binnen weniger Stunden erfolgt in den Sequenzier-Maschinen das Entschlüsseln der DNA bzw. die Feststellung, ob in den Zellen charakteristische Mutationen aufgetreten sind, die für den Einsatz bestimmter Therapien (zielgerichtete Medikamente, Immuntherapie, Kombinationen mit anderen Behandlungsformen wie Chemo- oder Strahlentherapie etc.) sprechen. Dabei wird die Zahl der per NGS untersuchten Gene bzw. Genabschnitte immer größer. Mittlerweile können das pro Untersuchung bereits 50 und mehr analysierte DNA-Sequenzen sein. Zusätzlich lassen sich in einem Durchgang Proben von mehreren Patienten untersuchen.

Diagnostisch-Therapeutisches System ist in Österreich bedroht

Doch das gesamte System – inklusive der neuen und zukunftsweisenden Entwicklungen der Molekularpathologie – ist in Österreich in Gefahr. Für ein pathologisches Institut in einem Schwerpunktspital benötigt man üblicherweise acht bis zehn Pathologen. Es sollte ein gemischtes Team aus in Ausbildung Stehenden, Fachärzten im mittleren Alter und Experten mit langjähriger Berufserfahrung bestehen. Gerade hier tut sich bei den 40- bis 50-Jährigen Pathologen in Österreich ein riesiges Loch auf. Wir haben einen Altersgipfel bei den 58- bis 63-Jährigen. Die werden in den kommenden Jahren in Pension gehen. Dahinter kommen aber viel zu wenige 40- bis 50-jährige Pathologen nach.

Professional Productive Aging-Programm

Die Konsequenz dieser Entwicklung: Schon in den Jahren 2022/2023 könnte das flächendeckende Versorgungsnetz der Pathologie mit derzeit 32 Instituten in Krankenhäusern und 22 niedergelassenen Pathologen zusammenbrechen. Die Gesundheitspolitik muss jetzt handeln. Wir brauchen von der Gesundheitspolitik jetzt die Rechtsgrundlagen für ein Professional Productive Aging-Programm, in dem Pathologen im Pensionsalter über Sonderverträge zumindest noch in Teilzeitarbeit auf freiwilliger Basis weiter aktiv bleiben können. Damit kann zum einen die Personalkapazität für die Aufrechterhaltung der Versorgung aufrechterhalten werden. Zum anderen können erfahrene Fachleute für die fachliche Ausbildung des Nachwuchses gewonnen werden. Damit ließe sich die Lücke überbrücken, bis die jungen derzeit in Ausbildung stehenden Pathologen die Diagnostik übernehmen können. Und dann muss alles darangesetzt werden, dass die jetzt in Ausbildung stehenden zukünftigen Fachärzte für Pathologie auch in Österreich bleiben. Man muss die beruflichen Rahmenbedingungen für die Pathologen so gestalten, dass sie nicht als höchst qualifizierte Fachärzte zum Beispiel nach Deutschland oder in die Schweiz auswandern. Dort gibt es nämlich auch einen eklatanten Mangel an Pathologen.

Nur ein Detail aus internationaler Sicht: In Schweden existiert ein Modell, wonach jemand, der ein Jahr über das Regelpensionsalter hinaus arbeitet, später acht Prozent mehr Pension erhält, hört er ein Jahr früher auf, bekommt er acht Prozent weniger.

Next Generation Sequencing als nationales und Wiener Projekt

Um die Weichen für die individualisierte Präzisions-Krebsmedizin der Zukunft zu stellen, die bereits bestehenden Möglichkeiten zu nützen und an den aktuellen Entwicklungen mit sich explosionsartig vergrößerndem Wissen teilzuhaben, muss das Next Generation Sequencing (NGS) österreichweit etabliert werden.

Auf diesem Gebiet brauchen wir ein österreichweit flächendeckendes Netz von spezialisierten Pathologien, die diese Untersuchungen durchführen können. Dieses Netzwerk wird gerade aufgebaut. In Österreich existieren Pathologie-Institute an 32 Krankenhäusern sowie 22 niedergelassene Pathologen. Geplant sind insgesamt an die 13 Next Generation Sequencing Labors im gesamten Bundesgebiet. Neun davon sind bereits implementiert, vier sind in Planung. Es dauert für die Umsetzung auch immer einige Zeit, bis solche Einrichtungen im Routinebetrieb funktionieren.

NGS-Labors existieren bereits in Feldkirch (Vorarlberg), im Rahmen einer niedergelassenen Praxis in Zams in Tirol, an der Universitätsklinik Salzburg, ebenso in Linz. Am Krankenhaus Wels läuft NGS ebenfalls. In Kärnten befindet man sich am Klinikum Klagenfurt in der Planungsphase. In der Steiermark ist die „NGS-Hochburg“ bisher die Grazer Universitätsklinik. Ein bis maximal zwei andere Zentren könnten folgen. In Mistelbach (NÖ) ist man im Routinebetrieb, in Wiener Neustadt läuft die Einrichtung an, für das LKH St. Pölten ist eine geplant. Im Burgenland gibt es derzeit noch nichts. Andere Pathologieinstitute, die über keine eigene Ausstattung in der NGS-Technologie verfügen, kooperieren teilweise mit einem der oben genannten Zentren wie zum, Beispiel  Amstetten mit einer Linzer Einrichtung, Horn mit dem Grazer Institut.

1 + 3-Konzept in Wien

Bereits weit gediehen ist auch das NGS-Konzept in Wien. Im Rahmen des Wiener Masterplans 2030 für die KAV-Spitäler und in Abstimmung mit dem Vienna Cancer Center wurde ein Konzept 1 + 3 geschaffen, welches auch eine enge Kooperation der Pathologie-Institute mit den Instituten für Labordiagnostik vorsieht.

Wien versorgt mit seinem Krankenhauswesen einen Einzugsbereich von rund 2,3 Millionen Menschen. Die insgesamt sechs onkologischen Abteilungen versorgen 72 Prozent aller Krebspatienten, die stationär aufgenommen werden müssen.

Statt die NGS-Untersuchungen an einem Standort zu konzentrieren, was eine Einrichtung enormen Ausmaßes mit langen Transport- und Managementwegen im Sinne einer Hyperzentralisierung bedeuten würde, sieht das 1 + 3-Konzept insgesamt vier NGS-Einrichtungen in Pathologie-Instituten vor:

An der Spitze steht, als zweite „NGS-Hochburg“ in Österreich, das AKH Wien mit den Universitätskliniken und den in der MedUni Wien bzw. in deren Umfeld angesiedelten Forschungseinrichtungen (z.B. Forschungszentrum für Molekulare Medizin – CeMM). Die Pathologen am AKH werden im Rahmen einer stufenförmigen Aufgabenteilung auch jene NGS-Untersuchungen durchführen, die besonders seltene Erkrankungsformen oder sehr spezielle Fragestellungen betreffen.

Hinzu kommen weitere NGS-Labors in Wien - Im Donauspital/KH Nord  und im Kaiser Franz Josef Spital werden die NGS-Technologie ebenfalls schon in der Routinediagnostik bereits eingesetzt, im Wilhelminenspital läuft bereits die in-house-Validierungsphase, sodass in Kürze ebenfalls mit dem Einsatz in der täglichen Diagnostik zu rechnen ist. In den genannten Häusern werden Serviceleistungen auch für die jeweiligen Partnerspitäler KH Hietzing, Krankenanstalt Rudolfstiftung und andere Spitäler wie auch für niedergelassene Pathologen erbracht.

Kontakt:

B&K - Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung; Mag. Roland Bettschart; +43-1-319 437 80, 06766356775; bettschart[at]bkkommunikation.com; www.bkkommunikation.com