Wien

Konsequenter Einsatz modernster Diagnose und Therapie: Schlaganfall-Versorgung in Österreich wird immer besser

Statement Prim. Univ.-Prof. Mag. Dr. Eugen Trinka; Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie, neurologische Intensivmedizin und Neurorehabilitation, Uniklinikum Salzburg

 

Schlaganfall ist die zweithäufigste Todesursache und die Hauptursache für Behinderungen. Weltweit erleiden pro Jahr etwa 17 Millionen Menschen einen Schlaganfall. 6,5 Millionen Menschen überleben ihn nicht. In Österreich ereignen sich jedes Jahr etwa 24.000 Schlaganfälle, jeder sechste Betroffene stirbt. Der Anteil schwerer und schwerster Schlaganfälle nimmt jedoch in allen Altersgruppen kontinuierlich ab. Gut die Hälfte der Überlebenden kann nach einer adäquaten Therapie und Rehabilitation wieder ein normales Leben führen. Allerdings bleiben 15 Prozent ein Leben lang mehr oder weniger stark beeinträchtigt, ebenso viele werden zum Pflegefall.

1,1 Milliarden Schlaganfall-Folgekosten pro Jahr durch optimale Behandlung reduzieren

Durch Schlaganfälle entstehen in Österreich pro Jahr rund 1,1 Milliarden Euro an Kosten. Rund die Hälfte davon sind Behandlungskosten. Die andere Hälfte entsteht nach der medizinischen Behandlung durch Arbeitsunfähigkeit, Invalidität und Pflege. Optimale Schlaganfallversorgung kann diese Folgekosten deutlich reduzieren.

Optimale Schlaganfallversorgung: Stroke Units und Thrombektomie-Zentren

Voraussetzung für eine optimale Schlaganfallversorgung ist ein flächendeckendes Netz von „Stroke Units“. Ebenfalls notwendig sind Schlaganfallzentren, die rund um die Uhr Thrombektomien durchführen können, also mechanische Entfernungen von Blutgerinnseln aus Gehirngefäßen per Endoskop. Dabei wird das Gerinnsel zum Beispiel intravenös mit einem winzigen korbähnlichen Geflecht im betroffenen Gefäß eingefangen und entfernt. Das Blut kann dann wieder fließen und den entsprechenden Teil des Gehirns versorgen. Dazu braucht es ein interdisziplinäres Setting, in dem Neurologen, Neurochirurgen und Neuroradiologen kooperieren. 5 bis 10 Prozent der Schlaganfälle sind so schwer, dass diese Therapie erforderlich ist. In Österreich ist das 1.200 bis 2.400 Mal pro Jahr.

Behandlungspfade – Wie auch Laien einen Schlaganfall erkennen können

Um rasche Hilfe zu ermöglichen, sollten auch Laien einen Schlaganfall erkennen können. Dabei hilft der FAST-Test (Face-Arms-Speech-Time). Kann die betroffene Person nach Aufforderung nicht lächeln, beide Arme gleichzeitig heben oder einen einfachen Satz nachsprechen, deutet das auf einen Schlaganfall hin. Weitere Symptome sind akuter Schwindel oder plötzliches Erblinden auf einem Auge.

Bei Verdacht auf Schlaganfall sollte man sofort die Rettung (144) verständigen. In der Stroke Unit muss dann rasch entschieden werden, ob der Patient mit einer Thrombolyse (Gerinnsel-Auflösung) alleine oder mit einer Bridging-Lyse mit späterer Thrombektomie behandelt werden muss. Wird die Notfallambulanz von Neurologen geführt, ist der Patient sofort am richtigen Behandlungspfad, ansonsten müssen die Neurologen und das CT-Team alarmiert werden.

Ist nicht bekannt, wann der Schlaganfall stattgefunden hat, muss mittels MRT die Durchblutung und das Gewebe im Gehirn untersucht werden. Sofern es noch rettbares Hirngewebe gibt, kann auch noch 15 Stunden nach dem Schlaganfall so geholfen werden, dass die Folgen gering bleiben.

Alle an der Akutbehandlung Beteiligten müssen einem strikten Handlungsprotokoll folgen. In der Steiermark, in Tirol, Oberösterreich und seit Kurzem auch in Niederösterreich wurden bereits qualitativ gute „Behandlungspfade“ implementiert.

Frühe Rehabilitation notwendig

Wesentlich für die Schlaganfallversorgung ist auch, dass die Rehabilitation sehr früh einsetzt. Schon in der unmittelbaren Zeit nach der Akutphase wird mit der Nachsorge begonnen, die in der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses stattfinden muss. Ideal ist in der Folge ein kontinuierlicher Ablauf der Rehabilitation mit einer raschen Anbindung an ein Reha-Zentrum.

Qualitätssicherung der Schlaganfallversorgung in Österreich

Die Qualiltät der Schlaganfallversorgung in Österreich wird durch mehrere Maßnahmen garantiert. Der „Österreichische Strukturplan Gesundheit“ legt die Kriterien für die Strukturqualität der Stroke Units fest und definiert auch erstmals ein interdisziplinäres Expertisezentrum namens „endovaskuläre Neurointervention“. Eine Stroke Unit muss verpflichtend einer neurologischen Abteilung angeschlossen sein. Sie muss jeden Tag rund um die Uhr verfügbar, innerhalb von maximal 60 Minuten erreichbar sein und einen Versorgungsbereich von mindestens 200.000 Einwohnern umfassen.

Weiters zeichnet die österreichische Versorgung aus, dass in den letzten 15 Jahren kontinuierlich Qualitätskontrolle betrieben wurde. In einem Register werden alle wichtigen Informationen zum Management aller Stroke Unit-Patienten gesammelt. Durch die regelmäßigen Auswertungen dieser Daten kann jede Stroke Unit allfällige Schwächen erkennen und beseitigen. Da auch die Kerndaten jener Schlaganfallpatienten, die in anderen Einrichtungen behandelt wurden, erfasst werden, läßt sich zudem feststellen, wie viele Schlaganfälle nicht von einer Stroke Unit versorgt wurden. Das Gesundheitsministerium hat einen „Qualitätsstandard integrierte Versorgung Schlaganfall“ für ganz Österreich ausgearbeitet.

Künftige Verbesserungen

Eines der Ziele für die weitere Verbesserung der Schlaganfallversorgung in Österreich ist es, flächendeckend Zentren zu etablieren, in denen die Thrombektomie rund um die Uhr durchgeführt werden kann. Die Qualität und Leistungsfähigkeit eines solchen Zentrums ist allerdings an die hohe Expertise der dort tätigen Neuroradiologen und interventionellen Radiologen gebunden. Zudem erfolgt die Thrombektomie idealerweise an einer neurologischen Intensivstation, die auch über eine Neurochirurgie verfügt. Die Bedarfserhebung, wo Thrombektomie-Zentren in Österreich eingerichtet werden sollten, hängt stark von den geografischen Gegebenheiten ab und muss von der Gesundheitsplanung gesamtheitlich betrachtet werden. Während es in Ostösterreich eine sehr gute Verkehrsanbindung gibt und Transporte mit dem Rettungswagen wie mit dem Hubschrauber rund um die Uhr möglich sind, sind im gebirgigen Westen des Landes Hubschraubereinsätze nur eingeschränkt möglich.

Weiters wird in nächster Zeit der Rehabilitationsplan überarbeitet, damit der Bedarf an neurologischer Rehabilitation klar dargestellt werden kann. Zurzeit gibt es zu wenige Stufe-B-Betten in fondsfinanzierten Krankenhäusern, die an Schlaganfallzentren angebunden sind.

Zwar ist in den vergangenen 15 Jahren das mittlere Schlaganfall-Alter von 72 auf 75 Jahre gestiegen, da aber die Lebenserwartung steigt, wird die Zahl der Schlaganfälle in Österreich dramatisch zunehmen. Auf diese Tatsache müssen die regionalen Gesundheitsstrukturpläne jedenfalls reagieren.

Verbesserungspotenzial in der Schlaganfallversorgung

Eine gelungene Thrombektomie bedeutet noch nicht, dass das betroffene Hirngefäß auch offenbleibt. Wir brauchen daher ein intensives kontinuierliches EEG-Monitoring, das einen möglichen bevorstehenden Gefäßverschluss anzeigen kann. In Österreich ist diese Verbesserung der Thrombektomie bisher nur in wenigen großen Zentren etabliert.

Verbesserungspotenzial besteht zudem in der Ausbildung: Jede Ärztin, jeder Arzt muss Schlaganfallsymptome sofort erkennen können. Es ist untragbar, dass auszubildende Ärztinnen und Ärzte nicht mit solchen Krankheitsbildern konfrontiert werden, weil sie ihre Basisausbildung nicht an neurologischen, sondern an chirurgischen und internistischen Abteilungen absolvieren. Auch für die Ausbildung von Allgemeinmedizinern muss Neurologie zum Pflichtfach werden.

Quellen:

GBD 2015 Neurological Disorders Collaborator Group: Global, regional, and national burden of neurological disorders during 1990–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015, Lancet Neurol 2017; 16: 877–97

„Qualitätsstandard integrierte Versorgung Schlaganfall“: https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/9/3/0/CH3970/CMS1545300762455/qs_schlaganfall.pdf

Positionspapier der ÖGSF – Update 2014 Akutmanagement und Sekundärprävention des Schlaganfalls. Neurologisch – Fachmagazin für Neurologie. 2014 Supplementum 4/14