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Kardiologischen Nachwuchs sichern und Rahmenbedingungen konkurrenzfähig machen – Ärztekammer erarbeitet einheitlichen Leistungskatalog

Pressegespräch der ÖKG, 28.11.2019 - Statement Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen und der Wiener Ärztekammer, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte

Es geht in der medizinischen Versorgung sowohl um Qualität, als auch um Quantität. Das muss gerade in Zeiten, in denen gerne die Kostenbremse gezogen wird, immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Kriterium für eine gute Gesundheitsversorgung ist also nicht nur hohe ärztliche Expertise, sondern auch ein ausreichendes Maß an Ressourcen. Im Zentrum steht dabei die Ressource Ärztin und Arzt.

(Folie Altersverteilung - Stabdiagramm)

Hier sehen Sie die aktuelle ärztliche Altersstatistik für Kardiologinnen und Kardiologen. In Österreich gibt es derzeit 743 Kardiologen (niedergelassene und in Spitälern oder anderswo angestellte). Es gibt außerdem ein Zusatzfach pädiatrische Kardiologie mit rund 80 Vertretern, die in dieser Auswertung nicht erfasst sind.

Die höchste Konzentration in der Altersverteilung gibt es heute beim Lebensalter von 55-60 Jahren. In 10 Jahren werden beinahe 38 Prozent aller Kardiologen, in absoluten Zahlen sind das 278, das Pensionseintrittsalter erreicht haben. Das ist nicht ganz so dramatisch wie in manchen anderen medizinischen Fächern, wo diese Zahlen bei 60 Prozent liegen. Die Nachbesetzung des Status Quo bezüglich Kopfzahl müsste aus heutiger Sicht möglich sein.

(Folie jährlicher Nachbesetzungsbedarf Kardiologen)

Die Ärztekammer hat den mittelfristigen jährlichen Nachbesetzungsbedarf mit mindestens 27,8 Kardiologinnen und Kardiologen pro Jahr errechnet. Das ist die Anzahl zusätzlicher Ärzte, die wir zur Aufrechterhaltung des Status quo benötigen, um die altersbedingten Abgänge auszugleichen. Noch nicht eingerechnet ist hier ein steigender Bedarf infolge von demografischen Veränderungen. Die Kardiologie ist in der Vergangenheit stark gewachsen, es gibt heute um 68 Prozent mehr Kardiologen als vor 10 Jahren. Sie wird das wohl aufgrund der demografischen Entwicklung und der Bedeutung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Alter auch weiterhin tun. Diese Entwicklung muss man also im Auge behalten und ggf. gegensteuern.

 (Folie Altersverteilung §2-Kassenärzte Kardiologie)

Derzeit gibt es in Österreich 119 Kardiologen mit Kassenvertrag und 268 Wahlärzte. Auf den zunehmenden Trend zum Wahlarzt werde ich noch eingehen.

Werfen wir einen Blick auf die Entwicklung der besonders versorgungsrelevanten Gruppe der §2-Kassen-Kardiologen, also der GKK-Ärzte. Davon gibt es 119, von denen 61, das ist jeder Zweite, in den kommenden 10 Jahren das Pensionseintrittsalter erreichen wird.

(Folie Altersverteilung der §2-Vertrags-Kardiologen im Zeitverlauf)

Die Altersverteilung heute im Vergleich mit vor 10 Jahren zeigt in dieser Gruppe zum einen eine deutliche Alterung, aber auch, dass ein zahlenmäßig ausreichender Nachwuchs fehlt.

Schlussfolgerungen aus den aktuellen Zahlen

Aus diesen Zahlen ergeben sich eine Reihe von Schlussfolgerungen:

Es muss zum einen dafür gesorgt werden, dass es ausreichend ärztlichen Nachwuchs in der Kardiologie gibt. Hier sind nicht nur Gesundheitspolitiker gefordert, sondern auch die Bildungspolitik, die Länder sowie die Krankenhäuser und ihre Betreiber. Sie müssen zum Beispiel sicherstellen, dass es genügend geeignete Ausbildungsstellen für Kardiologen gibt.

Was den Bereich der niedergelassenen Kassen-Kardiologen betrifft, müssen die beruflichen Rahmenbedingungen wieder so attraktiv gestaltet werden, dass Kardiologen gerne eine Kassenarztpraxis betreiben. Der aktuelle Trend hin zum Wahlarzt zeigt sehr klar, dass diese Attraktivität ganz offensichtlich nicht gegeben ist. Außerdem müssen der kassenärztliche Leistungs- und Honorarkatalog modernen Versorgungserfordernissen Rechnung tragen.

Will man die Krankenhäuser wirksam entlasten, und viele Generationen von Gesundheitsministern haben das bereits vorgehabt, so muss man den niedergelassenen kardiologischen Bereich deutlich ausbauen. Das bedeutet unter anderem, dass wir mehr niedergelassene Kardiologen brauchen. Das ist ökonomischer und, weil zum Beispiel wohnortnäher, auch patientenfreundlicher. Im Zusammenwirken von Allgemeinmedizinern, niedergelassenen Kardiologen und moderner Online-Überwachung von Patienten, unter Einbindung anderer Gesundheitsberufe wie spezialisierter Pflegepersonen ist heute sehr viel möglich, um die Spitäler zu entlasten. Dafür braucht man allerdings Geld, doch wenn die Sprache darauf kommt, will mancher Entscheider von der versprochenen Entlastung der Spitäler nichts mehr wissen.

Von zentraler Bedeutung ist generell, die Rahmenbedingungen der ärztlichen Tätigkeit in Österreich so attraktiv zu gestalten, dass Ärzte aller Altersgruppen nicht abwandern. Dabei geht es nicht nur um entsprechende Honorare, sondern auch um flexible Verträge und Arbeitsbedingungen, die den individuellen Vorstellungen entsprechen. Die Kardiologie ist ein international sehr nachgefragtes Fach, und wir müssen in Österreich in diesem internationalen Wettbewerb bestehen können. Tun wir das nicht, darf sich niemand wundern, wenn Kardiologen abwandern.

Neuer Leistungskatalog als Basis für die ÖGK der Zukunft

Was die Sozialversicherungen und die Gesundheitspolitik generell betrifft, so befinden wir uns gegenwärtig in einer interessanten Situation. Die GKK werden im Rahmen der „Kassenreform“ zu einer Österreichischen Gesundheitskasse fusioniert, und es wird eine neue Bundesregierung geben. Solche Perioden der Veränderungen eröffnen auch Chancen. Eine dieser Chance besteht in der Modernisierung und Vereinheitlichung des kassenärztlichen Leistungskataloges, der sich über Jahrzehnte auf regionalen Ebenen oft recht uneinheitlich entwickelt hat. Unser Ziel ist ein einheitlicher Leistungskatalog für ganz Österreich, damit allen Menschen das Gleiche angeboten werden kann und damit erbrachte Kassenleistungen nicht mehr vom Zufall der Wohnadresse abhängen.

Die Bundeskurie Niedergelassene Ärzte arbeitet seit zwei Jahren gemeinsam mit den Bundesfachgruppen und weiteren Fachleuten an diesem Leistungskatalog, und wir sind unserem Ziel schon sehr nahe. Die Herausforderungen dabei sind hoch: Es muss sichergestellt werden, dass im neuen Leistungskatalog auch wirklich alle Leistungen eines Faches abgebildet sind, und zwar den medizinischen Fortschritten und der gelebten Realität entsprechend. Und dass Überholtes gestrichen wird.

Dieser Leistungskatalog ist, sobald er fertig gestellt ist, der Beitrag der Ärztekammer zur „Kassenreform“ und eine Ausgangs- und Verhandlungsbasis für einen völlig neuen und zeitgemäßen Honorarkatalog.

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