Wien

Intensivmedizinische Nachbetreuung nach großen OPs muss ausgebaut werden

Statement Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder, Präsident-Stellvertreter Intensivmedizin, ÖGARI Vorstand; Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Krankenhaus St. Vinzenz, Zams

Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) – Wien, 20. November 2018

Nach großen chirurgischen Eingriffen ist eine intensivmedizinische Nachbetreuung unabdingbar, denn sie senkt die Sterberate deutlich. Viele große Operationen an Hochrisikopatienten können nur mit entsprechender postoperativer intensivmedizinischer Nachbetreuung sicher durchgeführt werden. Doch noch gibt es zu wenig Betten in Übergangsbereich zwischen OP bzw. Intensiv- und Normalstation, die ÖGARI fordert einen dringenden Ausbau dieses Angebotes.

Nach großen chirurgische Eingriffen und komplexen Operationen an Hochrisikopatienten ist eine postoperative, intensivmedizinische Betreuung unabdingbar. Der ganze Körper befindet sich einer Ausnahmesituation und reagiert ähnlich wie nach z.B. ausgedehnten Verletzungen. Jeder große chirurgische Eingriff kann beispielsweise mit massiver Entzündungsreaktion im Körper und mit Schädigungen an mehreren Organen einhergehen (z.B. Niere, Herzkreislaufsystem...). Operationen verursachen große hormonelle Veränderungen, die zu lebensbedrohlichen Störungen des Wasser- und Elektrolythaushaltes führen können. Schmerzen und Entzündungsreaktion aktivieren das sympathische Nervensystem im Übermaß, was zu schweren Komplikationen am Herzkreislaufsystem führen kann. Bei 20 bis 40 Prozent der älteren Patientinnen und Patienten treten nach der Operation zeitliche Veränderungen der Gehirnfunktion auf. Diese können mit Selbstgefährdung und mit gestörter Körperhomöostase, also der Fähigkeit des Körpers, wichtige Parameter wie Körpertemperatur, Blutdruck oder Blutzuckerspiegel in einem optimalen Bereich zu halten, verbunden sein. All das sind Gründe für die Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung und rasch verfügbaren Hilfe, um Komplikationen zeitgerecht zu erkennen und aufzufangen.

Große chirurgische Eingriffe und OPs an Hochrisikopatienten können nur dann qualitativ hochwertig und sicher durchgeführt werden, wenn eine entsprechende postoperative intensivmedizinischer Betreuung gewährleistet ist. Doch das ist nicht immer selbstverständlich. Global betrachtet hat Österreich zwar eine sehr gute intensivmedizinische Versorgung, es ließe sich aber noch einiges verbessern.

Die Kolleginnen und Kollegen im Spitalsalltag sind immer wieder damit konfrontiert, dass es zu wenig "Intermediate Care"-Betten gibt, das heißt der Übergangbereich zwischen OP bzw. Intensivstation zur Normalstation unzureichend ausgebaut ist. In "Intermediate Care"-Stationen werden Patienten mit erhöhter Pflegebedürftigkeit und erhöhtem Risiko für postoperative Organfunktionsstörungen betreut und deren Vitalfunktionen kontinuierlich überwacht. Für diese komplexen Aufgaben haben Normalstationen weder die personellen Kapazitäten noch die Infrastruktur und die entsprechende Fachexpertise. Deshalb führen Engpässe im operativen Bereich immer wieder dazu, dass Patienten nach großen Eingriffen mit erhöhtem Risiko für postoperative Komplikationen nicht auf Intensivstationen oder Intermediate-Care-Stationen gepflegt werden, sondern in sogenannten „Aufwachräumen“ oder, im ungünstigsten Fall, sofort auf Normalstationen.

Aus Sicht der ÖGARI ist es nicht zu rechtfertigen, dass Menschen mit größtem Aufwand operiert werden, aber eine qualitativ hochwertige Nachbehandlung zu kurz, mangelhaft oder gar nicht erfolgt. Denn Studien zeigen klar, dass eine postoperative intensivmedizinische Betreuung die Sterberate dieser Patienten deutlich senkt. Eine im Jahr 2012 publizierte große internationale Studie untersuchte die Mortalität nach chirurgischen Eingriffen in fast 500 Europäischen Krankenhäusern in 28 Ländern bis zum 60. Tag. Die Untersuchung umfasste Daten von über 46.500 Patientinnen und Patienten. Wie sich herausstellte, lag die mittlere postoperative Mortalität in Europa bei vier Prozent. Aber: Nur sechs bis sieben Prozent aller Patienten waren einer intensivmedizinischen Behandlung zugeführt worden – und wo die Intensivstruktur unzureichend war, da war auch die Sterberate deutlich höher. Die besten Ergebnisse in der Studie erzielte Island mit einer Mortalitätsrate von nur 1,1 Prozent. Am schlechtesten schnitt Lettland ab – mit einer perioperativen Sterblichkeit von 23,6 Prozent (Abbildung 1).

Österreich war in dieser Studie leider nicht vertreten. Ich kann aber exemplarisch die Daten von zwei österreichischen Krankenhäusern ergänzen: St. Vinzenz Krankenhaus Zams und Krankenhaus der BHS Ried im Innkreis (Abbildung 2). Beide können mit den exzellenten isländischen Ergebnissen mithalten. Interessant wäre allerdings eine gesamtösterreichische Betrachtung, die alle Spitäler erfasst, um jene Verbesserungspotenziale auszuloten, die es in diesem Bereich zweifellos gibt.

Was das konkret bringen kann, illustriert eine schottische Studie aus dem Jahr 2017 mit über einer halben Million Teilnehmerinnen und Teilnehmern (Gillies MA et al. BJA 2017; 118:123-131). Sie bestätigt: Hochrisikopatienten und Patienten nach großen chirurgischen Eingriffen profitieren von einer sofortigen postoperativen intensivmedizinischen Betreuung. Die Sterberate konnte durch intensivmedizinische Behandlung unmittelbar nach dem Eingriff halbiert werden.

Die ÖGARI fordert daher besonders den Ausbau des "Intermediate Care" Betten Angebotes, integriert in erweiterten Intensiveinrichtungen. Das Intensivpersonal garantiert die entsprechende Expertise und Kontinuität in der postoperativen Betreuung bis zur sicheren Entlassung auf die Normalstationen.

 

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