Wien

Immer mehr Sicherheit für Europas Patientinnen und Patienten: Anämie-Behandlung vor OPs und Big Data im OP können Risiko drastisch senken

Statement Univ.-Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski - Pressegespräch zum Europäischen Anästhesiekongress Euroanaesthesia 2019, 1.-3. Juni 2019 in Wien

Statement Univ.-Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski,President-Elect der European Society of Anaesthesiology (ESA); Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Frankfurt

Rund um die EU-Wahlen war und ist zuletzt besonders viel von Europa die Rede – daran möchte ich als President-Elect der Europäischen Gesellschaft für Anästhesiologie (ESA) hier auch gleich anknüpfen.

Welche Dimensionen hat Europa aus anästhesiologischer Perspektive? Eines gleich vorweg: Es ist eine sehr beeindruckende Dimension. In der Europäischen Union leben mehr als 510 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Was aus unserer Perspektive besonders bemerkenswert ist: Nirgendwo sonst wird so viel operiert wie in Europa. Weltweit verzeichnen wir mehr als 320 Millionen chirurgische Eingriffe pro Jahr, 80 bis 100 Million davon fallen auf Europa. Anders gesagt: Jede dritte bis vierte praktische Erfahrung von Patienten mit dem Spezial-Fachgebiet Anästhesiologie weltweit wird in Europa gemacht, Tag für Tag. Daher können auch gerade die europäischen Anästhesistinnen und Anästhesisten besonders viel zur kontinuierlichen Verbesserung der globalen Patientensicherheit beitragen, zur Weiterentwicklung ihres Fachs, und deshalb ist auch der Europäische Anästhesiekongress eine weltweit so bedeutsame und tonangebende Tagung in der Medizin.

Als President-Elect der Europäischen Gesellschaft für Anästhesiologie ESA ist es mir ein großes Anliegen, ganz besonders die Themen Patientensicherheit, Patientenversorgung und Patientenautonomie in den Mittelpunkt zu rücken. Und gerade diese Themen sind auch besonders stark im Kongressprogramm vertreten. Gemeinsam mit der European Society of Intensive Care Medicine (ESICM) richtet die ESA beispielsweise ein eigenes Symposium aus, in dem wir uns ausschließlich mit Fortschritten und Projekten in Sachen Patientensicherheit beschäftigen. Unter anderem bieten wir auch einen Workshop an, der sich um eine moderne Kultur der Patientensicherheit dreht und um die Frage, wie diese erreicht werden kann. Im wissenschaftlichen Programm bieten wir Vorträge und Symposien an, die sich auch sehr praxisnahen Herausforderungen der Patientensicherheit widmen: Interaktion Mensch-Maschine, Kommunikation zwischen Mitmenschen und fehlende/suboptimale Checklisten, wie sie in der Fliegerei schon lange üblich sind.

Damit Patientensicherheit nicht nur ein Schlagwort bleibt, müssen wir gangbare und auch leistbare Wege finden, um Fortschritte zu erzielen. Wenn ich noch einmal auf die enorm hohe Zahl an Operationen pro Jahr zurückkommen darf: Die Daten, die im Rahmen dieser Eingriffe generiert werden, sind noch weitgehend „ungehobene Schätze“. Sie liegen in Aktenschränken, sind als Bilder abgespeichert oder auf einzelnen Servern verteilt geparkt. Was aber, wenn wir sie miteinander verknüpfen und damit arbeiten, daraus lernen und Optimierungsstrategien ableiten? ÖGARI-Präsident Prof. Markstaller hat eben schon erwähnt, wie Big Data in Form von Decision Support Systemen im OP oder in der Notfallmedizin wertvoll sein könnte. Big Data würde uns aber insbesondere auch helfen, unsere Daten europaweit vergleichbar zu machen. Wir könnten benchmarken und genau analysieren, wo mögliche Schwachstellen sind, an denen man arbeiten kann.

Daten in ausreichender und vergleichbarer Qualität zu erheben, das ist inzwischen leichter möglich als je zuvor und auch keine große Kostenfrage mehr. Wir haben am Universitätsklinikum Frankfurt beispielsweise ein kostengünstiges digitales System implementiert, das ganz einfach auf einem iPad läuft und das es erlaubt, ALLE Daten zusammenzuführen. Vor einer Operation wird das Patientenarmband gescannt, damit ist der Patient zu bereits vorhandenen Informationen zuordenbar. Im Operationssaal verbindet sich das iPad mit der Beatmungsmaschine und dem Monitor. Medikamente und deren Dosierung können einfach per Drag-and-Drop hinzugefügt werden. Besonderheiten wie zum Beispiel kariöse, instabile Zähne oder ähnliche Narkose-relevante Risiken können ebenfalls als Bild dokumentiert und dem Fall hinzugefügt werden. Am Ende haben wir mit minimalem Aufwand ein vollständiges interdisziplinär einsehbares Protokoll zur Verfügung – und vor allem ist damit auch Vergleichbarkeit hergestellt.

Dieses System ist so bestechend und einfach, dass es mittlerweile in zehn deutschen Krankenhäusern im Einsatz ist. Weitere Krankenhäuser wollen sich anschließen. Ich trete dafür ein, dass eine kostengünstige digitale Datenerfassung in der Anästhesiologie in allen europäischen Staaten Standard wird, denn derartige Systeme können sich alle europäischen Staaten leisten. Mit einer einheitlichen Vorgangsweise können wir auch eine Vergleichbarkeit sicherstellen. Sobald ausreichend Daten auf dem Tisch liegen, können wir auch laufend erkennen, wo wir ansetzen müssen, um die Versorgung im OP für alle europäischen Patientinnen und Patienten sicherer zu machen.

Komplikationen durch Anämie-Management drastisch senken

Ein zweiter großer Fortschritt in Sachen Patientensicherheit wäre über Konzepte des Patient Blood Management zu erreichen. Ich möchte das am Beispiel Blutarmut illustrieren. Anämie ist eine völlig unterschätzte Volkskrankheit, jeder vierte Mensch weltweit leidet darunter. Fast die Hälfte dieser Mangelzustände rührt von einem Eisenmangel her.

Was hat das nun mit der Sicherheit in der Anästhesiologie zu tun? Menschen, die schon präoperativ unter Blutarmut leiden, haben ein sehr viel höheres Operationsrisiko. So ist etwa bei nicht-herzchirurgischen Eingriffen in dieser Patientengruppe das Risiko für Infektionen nahezu um das Doppelte, für Nierenschädigungen um das Vierfache erhöht. Zudem brauchen anämische Patienten fünfmal mehr Bluttransfusionen – das ist nicht nur aufwändig, es ist auch nicht frei von Risiken. Bei großen Eingriffen wie dem Einsetzen eines künstlichen Knie- oder Hüftgelenks, bei denen es zu hohem Blutverlust kommt, haben Patienten mit einer leichten Anämie ein 5-faches Sterblichkeitsrisiko. Bei schwerer Blutarmut steigt das Risiko sogar auf das 13-fache!

Ungeachtet all dieser Tatsachen gibt es für den Risikofaktor Anämie viel zu wenig Problembewusstsein. Das möchten wir von der European Society of Anaesthesiology auf europäischer Ebene ändern. Allen muss künftig klar sein: Eisenmangel und Anämie müssen auf jeden Fall noch vor dem Eingriff diagnostiziert und behandelt werden. Das ist weder kompliziert noch langwierig. Eine intravenöse Eisengabe macht anämische (aufgrund eines Eisenmangels) Patientinnen und Patienten binnen zwei Wochen fit für die Operation und trägt wesentlich zu einer besseren Patientensicherheit bei.

Quellen:
www.patientbloodmanagement.de
https://gateway.euro.who.int/en/indicators/hfa_539-6031-total-number-of-inpatient-surgical-procedures-per-year/
Meybohm P, et al. Patient Blood Management. Stand der aktuellen Literatur. Chirurg 2016; 87: 40-46
Fowler AJ, et al. Meta-analysis of the association between preoperative anaemia and mortality after surgery. Br J Surg. 2015; 102(11): 1314-1324
Beattie WS, et al. Risk Associated with Preoperative Anemia in Noncardiac Surgery. Anesthesiology 2009; 110(3): 574-581

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