Wien/Linz/Großgmain

Hohes Potenzial der Prävention – Zentrale Bündelung aller Info-Maßnahmen für bessere Wirksamkeit

Pressegespräch der ÖKG, 28.11.2019 - Statement Prim. Priv.-Doz. Dr. Johann Altenberger, Ärztlicher Leiter, Sonderkrankenanstalt Rehabilitationszentrum Großgmain für Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen, Bereich Medizin, Pensionsversicherungsanstalt

Das Ziel muss sein, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung gar nicht erst zu bekommen. Und, wenn doch eine auftritt, sie frühestmöglich kompetent zu behandeln. Prävention und Früherkennung sind in der modernen Kardiologie von zentraler Bedeutung.

Prävention hat ein enormes Potenzial, die Primär- als auch die Sekundärprävention. Es ist vielfach dokumentiert, dass sich atherosklerotische Veränderungen in 9 von 10 Fällen auf Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht zurückführen lassen. Lebensstilmodifikationen mit Verringerung dieser Risikofaktoren führen zu einer geringeren Häufigkeit von Adipositas und bereits kurz- bis mittelfristig zu einer Abnahme von Adipositas mit entsprechender Prognoseverbesserung.

Körperliche Aktivität verringert Sterberisiko bei Herzinfarkt

Auf dem letzten Kongress der Europäischen Kardiologiegesellschaft (ESC) in Paris zum Beispiel wurde eine Meta-Analyse vorgestellt, die Studien mit insgesamt fast 845.000 Probanden einschließt. Sie kommt zum Ergebnis, dass moderate bis hohe körperliche Aktivität in einem Zusammenhang mit einem geringeren Sterberisiko bei akutem Herzinfarkt steht. Das betone die Bedeutung von Bewegung in der Primärprävention, bestärke aber auch die These, dass Menschen, die sich regelmäßig sportlich betätigen, im Falle eines Herzinfarkts bessere Überlebenschancen haben. (Quelle: Kim Wadt Hansen; Physical activity as a predictor for instant death in myocardial infarction; A collaborative meta-analysis of cohort studies)

Einfache Maßnahmen zur Prävention

Vier einfache Maßnahmen würden ausreichen, um einen Großteil der Herzinfarkte zu verhindern: Nikotinkarenz, regelmäßige Bewegung (5 x pro Woche zumindest 30 Minuten) gesunde Ernährung (Vermeidung von Übergewicht durch Bewegung und Ernährung) und Vermeidung von chronischen Stressfaktoren. Die Änderung des Lebensstils ist allerdings eine große Herausforderung. 

Ein zweiter wichtiger Punkt in Sachen Prävention: Die Menschen müssen ihre persönlichen Risikofaktoren kennen, damit sie bei Bedarf gegensteuern können. Ist der Blutdruck in Ordnung? Wie steht es um die Cholesterin- oder Blutzuckerwerte? Viel zu oft bleiben leicht beherrschbare Risikofaktoren lange unentdeckt und unbehandelt.

Effektive Primärprävention bereits im Kindesalter

Effektive Primärprävention setzt bereits bei Kindern an und schließt Schulessen, Wissen über Kalorien sowie tägliche Bewegung ein. Aktuelle Daten auch zur Situation in Österreich bieten allerdings wenig Anlass zur Freude. Eine Stunde Bewegung am Tag ist nach Ansicht der WHO für Kinder und Jugendliche ausreichend. „The Lancet“ publizierte jetzt eine WHO-Studie, wonach in Österreich 71,2 Prozent der Buben und 84,5 Prozent der Mädchen körperlich nicht aktiv genug sind (2016).

In Österreich sind außerdem 30 Prozent der Buben und 22 Prozent der Mädchen zwischen sechs und neun Jahren übergewichtig oder adipös. (Quelle: Österreichisches Akademisches Institut für Ernährungsmedizin).

Sekundärprävention: schlimmeren Schaden vermeiden

In der Sekundärprävention geht es darum, nach dem Auftreten einer Erkrankung wie einem Herzinfarkt schlimmeren Schaden zu vermeiden. Auch hier gelten zunächst die Prinzipien: Rauchen aufgeben, Gewicht reduzieren und körperlich trainieren. Es kann die Einnahme von Medikamenten erforderlich sein, in der Regel lebenslang.

Alle diese Maßnahmen bringen messbaren Nutzen. Nach einem Herzinfarkt senkt die tägliche Einnahme von niedrig dosiertem Aspirin die Mortalität um rund 13 Prozent pro Jahr. Blutfettsenker vom Typ der Statine reduzieren die Sterblichkeit um 25 Prozent. In vergleichbarer Größenordnung liegen die lebensverlängernden Wirkungen der Blutdruckmedikamente ACE-Hemmer und Betablocker. Lebensstilmodifikation wie Nichtrauchen, Gewichtreduktion, gesunde Ernährung und regelmäßiges körperliches Training erzielen Effekte in der Größenordnung von mindestens 20 Prozent.

Wir haben im Rehabilitationszentrum Großgmain der PVA kürzlich eine eigene Reha-App für Menschen nach einem Herzinfarkt entwickelt, die Patienten daran erinnert, ihre Medikamente einzunehmen, das Körpergewicht festzustellen und den Blutdruck zu messen, sich an die Bewegungsvorgaben zu halten, etc. Ein System mit den Ampelfarben Grün, Gelb, Rot signalisiert den Anwendern, wo sie stehen und wo sie besser werden müssen. Wir testen dieses System gegenwärtig im Rahmen einer Studie mit 300 Teilnehmern von drei Standorten und werden die Ergebnisse schon bald vorstellen können.

Präventive Maßnahmen – sei es in der Primär- oder in der Sekundärprävention – bieten ein enormes Potential zur Reduktion von kardiovaskuläre Erkrankungen und zur Reduktion der Sterblichkeit. In Österreich engagieren sich insbesondere die Sozialversicherungen im Bereich der Gesundheitsförderung, der Primär- und der Sekundärprävention. Zahlreiche Präventionsprojekte an Schulen und in den Gemeinden werden finanziert. Auch Vorsorgeprojekte und der breite Anteil der „Gesundheitsvorsorge aktiv“ sowie die Rehabilitation dienen der Prävention. Zudem gibt es viele Einzelinitiativen. Arbeitsgruppen, Gesellschaften, Institutionen, Unternehmen und sonstige Initiativen, die sich im Bereich der Prävention engagieren, Tipps im Internet anbieten, Apps erarbeiten, Broschüren herausbringen, Gesundheitstage veranstalten, Sprechstunden abhalten etc. Das ist verdienstvoll, aber nicht ausreichend effizient, wie zum Beispiel die hohe Häufigkeit von Bewegungsarmut, Übergewicht und Rauchen bei jungen Menschen zeigt.

Info-Maßnahmen besser abstimmen und konzentrieren

Für eine effiziente zielgruppenorientierte und kostengünstige Strategie ist ein konzentriertes und koordiniertes Vorgehen wichtig. Zu fordern ist eine klare Definition, welche Ziele vorrangig erreicht werden sollen, und in der Folge eine gut abgestimmte Koordination all dieser Info- und Aufklärungs-Maßnahmen. Dies muss in einem breiten Konsens unter Einbeziehung der entsprechenden kardiologischen Fachdisziplinen erfolgen. Das alles muss von einer ausgewiesen erfahrenen und kompetenten Stelle zentral koordiniert und jeweils lokal umgesetzt werden.

Einen besonderen Stellenwert wird künftig der Bereich Digital Health Care im Sinne von durchdachten, zielgruppenorientierten und gut aufgesetzten telemedizinischen Anwendungen bekommen. Dies könnte für die Primärprävention gelten – man denke nur an die Nutzung des Smartphones zur Vermittlung von Aspekten der Gesundheitsförderung an Jugendliche. Dies gilt aber jedenfalls für die Sekundärprävention. Beispiele dafür sind die RehaAPP und die telemedizinische Komponente des Projekts Herzmobil Tirol.

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