Wien/Wiener Neustadt

Hitzewelle: Hochbetrieb für Notärzte

Expertentipps für die Kreislaufstabilisierung an heißen Sommertagen – Erhöhtes Unfallrisiko durch reduzierte Leistungsfähigkeit und Konzentration

Notärztinnen und Notärzte und Rettungsdienste haben Hochbetrieb, wenn die Temperaturen in die Höhe schießen. Häufig ist es der Kreislauf, der den erhöhten Belastungen nicht gewachsen ist. Doch auch die Unfallhäufigkeit steigt an: Zum einen ist dies vermehrten Badezwischenfällen bei heißem Wetter geschuldet, zum anderen aber erhöhen reduzierte Konzentration und Leistungsfähigkeit das Risiko für Verkehrs- und Arbeitsunfälle. ÖGARI-Vizepräsident Prim. Priv.-Doz. Dr. Helmut Trimmel erläutert die Zusammenhänge und gibt Tipps, wie man sich bei starker Hitze vor dem Kollaps schützt.

Wien/Wiener Neustadt, 28. Juni 2019 – Bei sommerlichen Höchsttemperaturen, wie sie derzeit herrschen, haben Rettungsdienste sowie Notärztinnen und Notärzte Hochbetrieb. Schon die ansteigende Unfallhäufigkeit führt immer wieder zu Notfalleinsätzen, weiß Prim. Priv.-Doz. Dr. Helmut Trimmel, MSc, Vizepräsident und Vorsitzender der Sektion Notfallmedizin der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) und Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie, Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin am Landesklinikum Wiener Neustadt: „Das Badewetter lockt an Seen, Flüsse und an den Pool, und hier kann man nicht oft genug auf die Gefahr hinweisen, die vor allem unbeobachteten Kleinkindern droht.“

Risikofaktor Konzentrationsverlust – Gesetzlicher Schutz am Arbeitsplatz

Ein weiterer, häufig unterschätzter Faktor für vermehrte Unfallgefahren, so der Experte: „Generell lassen Leistungsfähigkeit und Konzentration mit steigenden Temperaturen nach, dies muss vor allem im beruflichen Kontext und im Straßenverkehr stärker berücksichtigt werden.“ Um unfallträchtigen Leistungstiefs vorzubeugen ist eine regelmäßige Flüssigkeitsaufnahme von zentraler Bedeutung. „Zuckerfreie Getränke sind zu bevorzugen, ideal sind Tee, Leitungswasser oder kohlensäurearmes Mineralwasser“, so der Experte. „Zur Vermeidung übermäßiger gesundheitliche Belastungen im Arbeitsumfeld gibt es mit § 28 der Arbeitsstättenverordnung eine gesetzliche Regelung.“  Diese Bestimmung regelt generell das Raumklima von Arbeitsplätzen und sieht unter anderem vor, dass in der warmen Jahreszeit „Maßnahmen durchzuführen sind, um nach Möglichkeit eine Temperaturabsenkung zu erreichen“. Möglichkeiten dazu sind etwa eine Abschattung durch Jalousien oder Rollos bzw. Durchlüftung am Morgen und Abend.

Kreislauf in Gefahr

Wie der Körper auf die hohe Hitzebelastung reagiert, erklärt Prim. Trimmel so: „Die biologische Reaktion auf eine gesteigerte Temperatur besteht in der Erweiterung der Blutgefäße, um vermehrt  Wärme abzugeben. Dadurch kann der Blutdruck deutlich absinken. Weiters kommt es zu gesteigerter Schweißabsonderung, um dem Körper durch die Verdunstung Wärme zu entziehen und einen Hitzestau zu vermeiden.“  Ganz besonders wichtig sei es deshalb, für einen ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalt zu sorgen – also auf die tägliche Trinkmenge zu achten, so der Experte: „Diese sollte unter ‚Normalbedingungen‘ rund 30 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht betragen, also insgesamt etwa 2,5 bis 3 Liter. An heißen Tagen muss sie je nach körperlicher Aktivität und Umgebungsbedingungen aber deutlich gesteigert werden.“ Patienten, die entwässernde Medikamente einnehmen müssen, sollten mit ihrem Arzt diesbezüglich Rücksprache halten.

 

Von der enormen Kreislaufbelastung durch Hitze sind insbesondere Senioren betroffen, sagt Prim. Trimmel: „Ihre Kreislaufreagibilität ist bereits unter normalen Witterungsbedingungen eingeschränkt, Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Arteriosklerose und Diabetes mellitus können die Situation weiter verschlimmern. Zudem haben ältere Menschen häufig ein drastisch reduziertes Durstgefühl.“ Die große Hitze bedeutet schon für gesunde Menschen eine große Belastung. „Für betagte und kranke Menschen ist sie unter Umständen lebensgefährlich", erklärt Prim. Trimmel.

In den vergangenen Jahren haben Hitzewellen bereits ebenso viele oder sogar mehr Todesfälle gefordert wie der Straßenverkehr. Im Jahr 2018 starben Daten der  Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) zufolge in Österreich mindestens 766 Personen. Bei Verkehrsunfällen waren es 409 Todesfälle.

Lüftung und Schatten – Vorsicht bei Klimageräten und Thermen

Weitere Maßnahmen zum Schutz vor Hitzefolgen: Direkte Sonneneinwirkung und körperliche Belastungen, auch durch Sport, sollten weitgehend vermieden werden. „Wichtig ist auch eine ausreichende Durchlüftung von Arbeits- und Wohnräumen und eine Abschattung während des Tages durch Jalousien oder Vorhänge.“  Auch Ventilatoren oder Klimageräte können Erleichterung bringen. Letzter sind aber mit Bedacht einzusetzen, wie Prim. Trimmel warnt: „Auf die Gefahren von Klimageräten in Bereichen, in denen Gasthermen aktiv sind, muss unbedingt hingewiesen werden. Hier kann gefährliches Kohlenmonoxid entstehen, welches völlig geruchlos ist und den Sauerstoff vom Hämoglobin im Blut verdrängt: es droht der Erstickungstod. Leider gab es hier zuletzt nicht nur mehrere Unfälle, sondern sogar einen Todesfall.“

Erste Hilfe beim Hitzekollaps

Wenn Kreislaufkollaps oder Hitzschlag drohen, können erste Symptome Kopfschmerzen, Schwindel, Schwäche, Übelkeit, und Erbrechen sein, auch Verwirrungszustände sind möglich. „Als Erstmaßnahmen sind kühle Kompressen, sowie bei klarem Bewusstsein die Verabreichung von nicht zu kalter Flüssigkeit sinnvoll“, rät Prim. Trimmel. „Wenn Verwirrtheitszustände, sehr starke Kopfschmerzen, Sehstörungen oder gar eine Bewusstseinstrübung auftreten, sollte sofort Hilfe unter der Notrufnummer 144 angefordert werden.“

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