Wien/Linz/Großgmain

Herztod in Österreich: Wo wir stehen, was wir brauchen – Leistungsbilanz und Forderungen an die Gesundheitspolitik

Pressegespräch der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, Presseclub Concordia, 28.11.2019

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich, anders als in vergleichbaren Länder, noch immer die Haupt-Todesursache. Die Herausforderungen in der Herz-Medizin nehmen zu und verändern sich. Die „Kassenreform“ und die Aussichten auf eine neue Bundesregierung bieten eine historische Chance, geeignete Maßnahmen umzusetzen. Kardiologen und Ärztevertreter fordern wirksame Strategien gegen die Todesursache Nummer eins. Die Ärztekammer erarbeitet zurzeit einen einheitlichen Leistungskatalog für ganz Österreich.

Wien/Linz/Großgmain, Donnerstag 28. November 2019 – „Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich noch immer die Haupt-Todesursache, 39 Prozent der Menschen versterben daran, im internationalen Vergleich ist das eine hohe Zahl“, so Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Siostrzonek (Ordensklinikum Linz), Präsident der ÖKG, auf einem Pressegespräch in Wien. Die niedergelassene, ambulante und stationäre kardiologische Betreuung in Österreich müsse allerdings als erstklassig bezeichnet werden. So wurde die Zahl der Herz-Kreislauf-Todesfälle vom Jahr 1980 bis 2018 von 49.014 auf 32.684 verringert – bei einer um 1,3 Millionen gewachsenen Bevölkerung. An einem akuten Herzinfarkt verstarben in Österreich 1980 noch 10.569 Menschen, 2018 waren es 4.527 – minus 57 Prozent. „Im internationalen Vergleich zeigen sich allerdings in Österreich Besonderheiten“, so Prof. Siostrzonek.

Weltweit ist heute in High Income Countries (HIC) wie Österreich die Todesursache Karzinom um 2,5mal häufiger als eine kardiovaskuläre Ursache. (Quelle: PURE Studie 2019) In Österreich liegen allerdings Krebserkrankungen als Todesursache seit Jahrzehnten mit etwa 20.000 pro Jahr konstant an zweiter Stelle nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Österreich ist in diesem Bereich nicht dort angekommen, wo es hingehört“, sagte der ÖKG-Präsident. „Solche Ergebnisse sind ein Alarmsignal, das von der Gesundheitspolitik nicht überhört werden darf. Die ‚Kassenreform‘ mit der Gründung einer Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und die Aussichten auf eine neue Bundesregierung bieten eine historische Chance, Verbesserungen umzusetzen.“

Der ÖKG-Präsident nennt einige Beispiele:

  • Bei der Früherkennung und Prävention sei noch sehr viel „Luft nach Oben“, eine bessere Koordination und Abstimmung der vielfältigen Maßnahmen sei anzustreben.
  • Es müsse leitliniengerecht behandelt werden und die Kosten dafür müssen von den Krankenkassen übernommen werden – das sei bei Medikamenten nicht immer der Fall.
  • Zu sichern seien ausreichend viele Spitalsambulanzen und kardiologische Abteilungen mit fachspezifischen invasiven und nicht-invasiven Angeboten. Das schließe auch genügend hochwertige Spitalsbetten ein, zum Beispiel für Katheter-Untersuchungen und -Interventionen.
  • Auf eine solide Basis gestellt werden müssten Rehabilitation und Langzeitbetreuung unter intensiver Einbeziehung des niedergelassenen ärztlichen Bereichs. Das schließe auch die konsequente Nutzung telemedizinischer Anwendungen ein, sowie mobile Pflege- und Betreuungsdienste. Es bedürfe eines Gesamtkonzepts mit optimierten Schnittstellen.

Die Kardiologie, so Prof. Siostrzonek, müsse finanziell entsprechend ausgestattet werden: „Das muss österreichweit auf einem den modernen Entwicklungen entsprechenden Niveau geschehen, und es darf zu keinen Abstrichen bei wichtigen Leistungen wie Labor, Medikamente, Telemedizin und mobile Pflege kommen.“

Herausforderung Herzinsuffizienz: Maßnahmen gegen die neue Volkskrankheit erforderlich

Durch rechtzeitige Intervention an verengten Herzkranzgefäßen und durch rasche Akutversorgung bei Infarkten hat sich, parallel zur steigenden Lebenserwartung, die Zahl der Todesfälle bei Menschen mit „sonstigen ischämischen Erkrankungen“ – dazu zählt die Herzinsuffizienz oder das Vorhofflimmern – vervielfacht. Diese stiegen in dieser Krankheitsgruppe von 3.747 im Jahr 1980 auf 9.250 im Vorjahr. „Herzinsuffizienz entwickelt sich derzeit zu einer regelrechten Volkskrankheit mit weltweit mehr als 26 Millionen Betroffenen“, so Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli (SMZ Ost – Donauspital), Past-Präsident der ÖKG. „Bis zu 45 Prozent der Menschen, die wegen Herzinsuffizienz in ein Krankenhaus aufgenommen werden müssen, sterben innerhalb eines Jahres. In Österreich kommt es zu 25.000 Hospitalisierungen pro Jahr aufgrund von Herzinsuffizienz, sie ist die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte bei Über-65-Jährigen.“

Zu wenig Wissen und Bewusstsein – Maßnahmen für eine bessere Versorgung

Trotzdem wissen 50 Prozent der Patienten bei Diagnosestellung nicht, was Herzschwäche überhaupt ist (Quelle: 1. Österreichischer Patientenbericht zu Herzinsuffizienz, 2018). Viele Betroffene bekommen erst mit großer Verzögerung eine zielführende Behandlung, wertvolle Zeit verstreicht ungenützt. 50 Prozent nehmen ihre Medikation nicht regemäßig ein. (Quelle: Hauptverband der österreichischen SVT). Prof. Stefenelli: „Aufgrund der schlechten Prognose vor allem nach einer Dekompensation bzw. Spitalseinweisung wegen Herzinsuffizienz bedarf es dringend vermehrter Initiativen zur Früherkennung, Schulung und Therapieanpassung, und der Optimierung von Schnittstellen.“

  • Das bedeute die Notwendigkeit von mehr „Heart Failure Units“ (Herzinsuffizienz-Ambulanzen) und ein optimales Zusammenwirken von Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und spezialisierten Pflegepersonen unter Zuhilfenahme von Telemetrie zur Fernüberwachung.
  • Die Bestimmung des NT-proBNP als Maß der Herzkammern-Belastung werde regional recht unterschiedlich von den Kassen bezahlt, was in einzelnen Bundesländern die Verlaufskontrolle bei Herzinsuffizienz erschwerte. Die Kosten müssten österreichweit übernommen werden.
  • Wesentlich sei eine flächendeckende Einbindung mobiler Pflegepersonen, um die positiven Erfahrungen von Aktionen wie KardioMobil Salzburg oder HerzMobil Tirol zu nützen.

„Nicht zuletzt ist es wichtig, die Öffentlichkeit über die Herzinsuffizienz konsequent zu informieren, damit Symptome als Warnhinweise erkannt werden und ein Arzt aufgesucht wird“, so Prof. Stefenelli.

Zentrale Bedeutung von Prävention und Früherkennung in der modernen Kardiologie

„Das Ziel muss sein, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung gar nicht erst zu bekommen. Und, wenn doch eine auftritt, sie frühestmöglich kompetent zu behandeln“, sagte Prim. Priv.-Doz. Dr. Johann Altenberger (Ärztlicher Leiter, Sonderkrankenanstalt Rehabilitationszentrum Großgmain für Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen der PVA, Bereich Medizin). „Prävention und Früherkennung sind in der modernen Kardiologie von zentraler Bedeutung. Primär- und Sekundärprävention haben ein enormes Potenzial.“ Es sei vielfach dokumentiert, dass sich atherosklerotische Veränderungen in 9 von 10 Fällen auf Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht zurückführen lassen. Lebensstilmodifikationen mit Verringerung dieser Risikofaktoren führen zu einer entsprechenden Prognoseverbesserung.

Auf dem letzten Kongress der Europäischen Kardiologiegesellschaft in Paris wurde zum Beispiel eine Meta-Analyse mit fast 845.000 eingeschlossenen Probanden vorgestellt: Moderate bis hohe körperliche Aktivität stehe in einem Zusammenhang mit einem geringeren Sterberisiko bei akutem Herzinfarkt. Das betone die Bedeutung von Bewegung in der Primärprävention, bestärke aber auch die These, dass Menschen, die sich regelmäßig sportlich betätigen, bei einem Herzinfarkt bessere Überlebenschancen haben. (Quelle: Hansen; Physical activity as a predictor for instant death in myocardial infarction)

Einfache Maßnahmen zur Prävention

Vier einfache Maßnahmen reichen aus, um einen Großteil der Herzinfarkte zu verhindern: Nikotinkarenz, regelmäßige Bewegung (5 x pro Woche zumindest 30 Minuten), gesunde Ernährung und Vermeidung von chronischen Stressfaktoren. Die Änderung des Lebensstils ist allerdings eine große Herausforderung.

Effektive Primärprävention setzt bereits bei Kindern an und schließt Schulessen, Wissen über Kalorien sowie tägliche Bewegung ein. „Der Bereich Digital Health Care im Sinne von durchdachten, zielgruppenorientierten und gut aufgesetzten telemedizinischen Anwendungen wird künftig einen besonderen Stellenwert bekommen“, sagte Prim. Altenberger. „Ewa durch die Nutzung des Smartphones zur Vermittlung von Aspekten der Gesundheitsförderung an Jugendliche.“

Außerdem müssten die Menschen ihre persönlichen Risikofaktoren wie hohe Blutdruck-, Blutzucker- und Cholesterinwerte kennen, damit sie bei Bedarf gegensteuern könne“, so Prim. Altenberger: „Viel zu oft bleiben leicht beherrschbare Risikofaktoren lange unentdeckt und unbehandelt.“

Sekundärprävention: schlimmeren Schaden vermeiden – Kommunikationstechnik kann unterstützen

Auch in der Sekundärprävention gilt es, das Rauchen aufzugeben, das Gewicht zu reduzieren und körperlich zu trainieren, um nach dem Auftreten z. B. eines Herzinfarkts schlimmeren Schaden zu vermeiden. Die Einnahme von Medikamenten kann erforderlich sein, in der Regel lebenslang. Dabei kann die Unterstützung durch moderne Info-Technik hilfreich sein. „Wir haben kürzlich im Rehabilitationszentrum Großgmain der PVA eine eigene Reha-App für Menschen nach einem Herzinfarkt entwickelt, die daran erinnert, die Medikamente einzunehmen, das Körpergewicht festzustellen, den Blutdruck zu messen, sich an die Bewegungsvorgaben zu halten, etc. Ein System mit den Ampelfarben grün, gelb und rot signalisiert den Anwendern, wo sie stehen und wo sie besser werden müssen“, berichtete Prim. Altenberger. „Wir testen dieses System gegenwärtig im Rahmen einer Studie mit 300 Teilnehmern von drei Standorten und werden die Ergebnisse schon bald vorstellen können.“

Info-Maßnahmen besser abstimmen und konzentrieren

Die Zahl der Anbieter von Informationen und Projekten zu präventiven Maßnahmen ist heute sehr groß. „Das ist verdienstvoll, aber nicht ausreichend effizient“, sagte Prim. Altenberger. Für eine wirksame zielgruppenorientierte und kostengünstige Strategie sei ein konzentriertes und koordiniertes Vorgehen wichtig: „Zu fordern ist eine klare Definition, welche Ziele vorrangig erreicht werden sollen, und in der Folge eine gut abgestimmte Koordination all dieser Info- und Aufklärungs-Maßnahmen. Dies muss in einem breiten Konsens unter Einbeziehung der entsprechenden kardiologischen Fachdisziplinen erfolgen. Das alles muss von einer ausgewiesen erfahrenen und kompetenten Stelle zentral koordiniert und jeweils lokal umgesetzt werden.“

Rahmenbedingungen konkurrenzfähig machen – ÖÄK erarbeitet einheitlichen Leistungskatalog

„Es geht in der medizinischen Versorgung sowohl um Qualität, als auch um Quantität. Kriterium für eine gute Gesundheitsversorgung ist also nicht nur hohe ärztliche Expertise, sondern auch ein ausreichendes Maß an Ressourcen“, führte Dr. Johannes Steinhart (Vizepräsident der Österreichischen und der Wiener Ärztekammer, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte) aus. „Im Zentrum steht dabei die Ressource Ärztin und Arzt.“

In Österreich gibt es derzeit insgesamt 743 Kardiologen. In 10 Jahren werden 38 Prozent das Pensionseintrittsalter erreicht haben. Der mittelfristige jährliche Nachbesetzungsbedarf liegt bei mindestens 27,8 Kardiologen pro Jahr. Das ist die Anzahl benötigter zusätzlicher Ärzte, um altersbedingte Abgänge auszugleichen. Nicht eingerechnet ist hier ein steigender Bedarf infolge von demografischen Veränderungen. „Die Kardiologie wird wohl aufgrund der Bevölkerungs-Entwicklung und der Bedeutung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Alter auch weiterhin wachsen“, sagte Dr. Steinhart. „Diese Entwicklung muss man auch bezüglich des ausreichenden Nachwuchses im Auge behalten.“

In der besonders versorgungsrelevanten Gruppe der GKK-Kardiologen wird jeder Zweite in den kommenden 10 Jahren das Pensionseintrittsalter erreichen. Dr. Steinhart: „Die Altersverteilung heute im Vergleich mit vor 10 Jahren zeigt in dieser Gruppe eine deutliche Alterung, aber auch, dass ein zahlenmäßig ausreichender Nachwuchs fehlt.“

Schlussfolgerungen aus den aktuellen Zahlen

Aus diesen Zahlen ergeben sich eine Reihe von Schlussfolgerungen, sagte Steinhart:

  • Es müsse für ausreichend ärztlichen Nachwuchs in der Kardiologie gesorgt werden. Hier seien nicht nur die Gesundheitspolitik gefordert, sondern auch die Bildungspolitik, die Länder und die Krankenhausbetreiber. Sie müssen für genügend geeignete Kardiologie-Ausbildungsstellen sorgen.
  • Im Bereich der niedergelassenen Kassen-Kardiologen müssten die beruflichen Rahmenbedingungen wieder so attraktiv gestaltet werden, dass Kardiologen gerne eine Kassenarztpraxis betreiben. Der aktuelle Trend hin zum Wahlarzt zeige sehr klar, dass diese Attraktivität ganz offensichtlich nicht gegeben ist.
  • Zur wirksamen Entlastung der Krankenhäuser müsse der niedergelassene kardiologische Bereich deutlich ausgebaut werden. Das sei ökonomischer, wohnortnäher und patientenfreundlicher.
  • Kardiologen seien international sehr nachgefragt, und Österreich müsse in diesem Wettbewerb bestehen können. Dr. Steinhart: „Wenn bei uns die Rahmenbedingungen nicht mithalten können, darf sich niemand wundern, wenn Kardiologen abwandern.“

Neuer Leistungskatalog als Basis für die ÖGK der Zukunft

„Was die Sozialversicherungen und die Gesundheitspolitik generell betrifft, so befinden wir uns gegenwärtig in einer Umbruchphase“, sagte Dr. Steinhart. „Solche Perioden der Veränderungen eröffnen auch Chancen. Eine dieser Chance besteht in der Modernisierung und Vereinheitlichung des kassenärztlichen Leistungskataloges, der sich über Jahrzehnte auf regionalen Ebenen oft recht uneinheitlich entwickelt hat. Unser Ziel ist ein einheitlicher Leistungskatalog für ganz Österreich, damit allen Menschen das Gleiche angeboten werden kann und Kassenleistungen nicht vom Zufall der Wohnadresse abhängen.“

Die Bundeskurie Niedergelassene Ärzte arbeitet seit zwei Jahren gemeinsam mit den Bundesfachgruppen und weiteren Fachleuten an diesem Leistungskatalog, und die Ärztekammer ist ihrem Ziel schon sehr nahe. Die Herausforderungen dabei seien hoch: „Es muss sichergestellt werden, dass im neuen Leistungskatalog auch wirklich alle Leistungen eines Faches abgebildet sind, und zwar den medizinischen Fortschritten und der gelebten Realität entsprechend. Und dass Überholtes gestrichen wird“, sagte Dr. Steinhart. „Dieser Leistungskatalog ist, sobald er fertig gestellt ist, der Beitrag der Ärztekammer zur ‚Kassenreform‘ und eine Ausgangs- und Verhandlungsbasis für einen völlig neuen und zeitgemäßen Honorarkatalog.“

In Kooperation mit Novartis Pharma

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