Wien

DACH-Vergleichsstudie zu den Gesundheitsausgaben in Österreich, Deutschland und in der Schweiz

Pressegespräch am Mittwoch, 9. Oktober 2019

DACH-Vergleichsstudie zu den Gesundheitsausgaben in Österreich, Deutschland und in der Schweiz Gesprächspartner

  • Hon.-Prof. Dr. Leo Chini (Leiter des Forschungsinstitutes für Freie Berufe an der Wirtschaftsuniversität Wien)
  • Dr. Martin Albrecht (Geschäftsführer und Bereichsleiter Gesundheitspolitik, IGES Institut, Berlin)
  • Dr. Johannes Steinhart (Vizepräsident der Österreichischen und der Wiener Ärztekammer, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte)

 

Wie teuer ist das österreichische Gesundheitssystem tatsächlich?

Das Forschungsinstitut für Freie Berufe der Wirtschaftsuniversität Wien und das Berliner IGES Institut haben in einer aktuellen Kurzstudie die Gesundheitsausgaben in Österreich, Deutschland und der Schweiz analysiert und verglichen.

Die Studienergebnisse ermöglichen eine präzise Standortbestimmung und das Identifizieren von Verbesserungspotenzialen. Insbesondere im Hinblick auf die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen und die Gesundheitspolitik der künftigen Bundesregierung liefert die Studie wertvolle Grundlagen zu den Fragen, wo Österreich im internationalen Vergleich steht und was wir brauchen.

Durch die österreichische Gesundheitspolitik zieht sich häufig das Problem, dass mit unrealistischen Daten operiert wird. Entscheidet man jedoch auf der Basis falscher Zahlen, so trifft man notgedrungen falsche Entscheidungen.

Ein Beispiel dafür ist die Ärztestatistik. Gerade in den vergangenen Jahren wurden in Österreich aufgrund falscher Ärztezahlen viele falsche Entscheidungen getroffen und es wurden die Weichen falsch gestellt. Die Politik ging aufgrund der OECD-Berichte von eine besonders hohen österreichischen Ärztedichte, von einer Überversorgung aus, von der jedoch in der Realität nicht die Rede sein konnte. Die Politik fuhr deshalb gegenüber dem niedergelassenen ärztlichen Bereich einen harten Sparkurs. Jetzt zeigt sich, dass diese Zahlen ein Irrtum waren, dass die getroffenen Entscheidungen den niedergelassenen ärztlichen Bereich in vielen Bereichen massiv geschwächt haben, und dass heute der ärztliche Nachwuchs fehlt. Weit weniger gespart wurde dafür bei den Spitälern. Der stationäre Bereich ist heute auch im internationalen Maßstab in Österreich besonders groß und entsprechend teuer.

Der Dreiländervergleich zeigt, dass die Gesundheitsausgaben im Verhältnis zum BIP in Österreich mit 10,3 Prozent am niedrigsten sind, gegenüber Deutschland mit 11,2 Prozent und der Schweiz mit 12,2 Prozent. In den vergangenen 20 Jahren verzeichnete Österreich im Verhältnis zur Wirtschaftskraft im Dreiländervergleich zudem den geringsten Anstieg der Gesundheitsausgaben. Auch die öffentlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf sind im letzten Jahr in Österreich mit 4.033 USD die niedrigsten der drei Länder (Schweiz: 4.600 USD; Deutschland: 5.056 USD). Öffentliche Gesundheitsausgaben sind Ausgaben, die von öffentlichen bzw. Pflichtsystemen für die Gesundheitsversorgung bezahlt werden (ohne Investitionen). Im Übrigen hat der Anteil laufender öffentlicher Gesundheitsausgaben an den Gesamtgesundheitsausgaben seit dem Jahr 2000 in Österreich etwas abgenommen: Damals betrug er 75,5 Prozent, im Vorjahr 74,7 Prozent. Es zeigt sich außerdem, dass der Anteil stationärer Leistungen (inklusive Reha, ohne Pflege) an den gesamten Gesundheitsausgaben in Österreich im Dreiländervergleich mit 44 Prozent am höchsten ist. In Deutschland liegt dieser Anteil bei 39 Prozent, in der Schweiz bei 36 Prozent. Hier besteht Potenzial für Reformen.

Der Kostenanteil für ambulante Leistungen, im Wesentlichen von niedergelassenen Ärzten, beträgt in Österreich 34 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben und liegt damit deutlich unter den Schweizer Werten. (Deutschland: 32 Prozent).

Entsprechend hoch ist im OECD-Vergleich in Österreich die Zahl der Krankenhausaufenthalte mit 23.067 pro 100.000 Einwohner (im Jahr 2017). Nur in Deutschland (23.455) ist diese Häufigkeit noch etwas höher, in der Schweiz mit etwas mehr als 15.000 deutlich niedriger. Das ist ein klarer Hinweis auf ein beträchtliches ambulantes Potenzial in der Gesundheitsversorgung sowohl in Österreich als auch in Deutschland.

Die Ärztedichte in Österreich betreffend, ist anzumerken, dass die Grundlagen der OECD-Berechnungen von Land zu Land recht unterschiedlich sein können. In Österreich zum Beispiel wurden in der Vergangenheit Ärzte in Ausbildung stets als gleichwertig mitgezählt, obwohl sie noch nicht voll versorgungswirksam sind. In manchen anderen Ländern ist das nicht so. Daher resultiert die Aussage, Österreich hätte nach Griechenland die „zweithöchste Ärztedichte Europas“. Eine differenzierte Betrachtung liefert hier ein anderes Bild. Erhebt man die Zahlen der zur selbstständigen Berufsausbildung berechtigten Ärztinnen und Ärzte auf der Basis eines Vollzeitäquivalents, so liegen Österreich und Deutschland mit 3,56 bzw. 3,55 pro 1.000 Einwohner gleichauf und im europäischen Mittelfeld. In der Schweiz ist diese Zahl mit 3,31 etwas niedriger. Zählt man nur die Köpfe der zur selbstständigen Berufsausübung berechtigten Ärzte ohne Berücksichtigung der von diesen real geleisteten Arbeitszeit, so liegen diese Zahlen für Österreich bei 4,30, für Deutschland bei 4,24 und für die Schweiz bei 3,75. Nur wenn alle Ärztinnen und Ärzte mitgezählt werden, also auch Teilzeitbeschäftigte und in Ausbildung befindliche, kommt es zum Wert von 5,17, die Österreich das Image eines Landes mit besonders hoher Ärztedichte eingebracht haben. Diese Zahl liegt auch deutlich über den Zahlen in Deutschland und der Schweiz. Sie blendet allerdings wesentliche Aspekte aus, die für die verfügbaren Arztkapazitäten letztlich ausschlaggebend sind.

Für einen höheren Ärztebedarf in allen drei Ländern sprechen aber nicht nur die Ärztezahlen, sondern auch eine Reihe aktueller Trends. So ist zum Beispiel in Deutschland in den Jahren von 2012 und 2018 die durchschnittliche ärztliche Arbeitszeit bei Hausärzten um 9,2 Prozent und bei Fachärzten um 9,4 Prozent zurückgegangen. Auch die Häufigkeit von Teilzeitbeschäftigungen nimmt ständig zu. Dazu kommt der rasch wachsende Anteil von Ärzten im Anstellungsverhältnis, der auch mit dem steigenden Anteil von Ärztinnen in der Gesamtärzteschaft verbunden ist. Hier ist der Trend zur Teilzeitarbeit bzw. Arbeitsunterbrechung aus familiären Gründen besonders hoch, was bei der Planung mitberücksichtigt werden muss.

Ein weiterer für die Beurteilung des künftigen Ärztebedarfs maßgeblicher Faktor ist die Altersstruktur. Der Anteil der Ärzte im Alter von mehr als 65 Jahren hat seit dem Jahr 2010 in allen drei untersuchten Ländern klar zugenommen und beträgt inzwischen in Deutschland 54,1 Prozent aller Ärzte, in der Schweiz 54,8 Prozent und ist in Österreich mit 55,9 Prozent am höchsten. Das bedeutet einen von Jahr zu Jahr zunehmenden Bedarf an zusätzlichen Ärzten, wenn das heutige Versorgungsniveau aufrechterhalten werden soll. Vor dieser Herausforderung stehen alle drei untersuchten Länder.

Die neue Studie des IGES und des Forschungsinstituts für Freie Berufe ermöglicht einen nüchternen und sachlichen Vergleich zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz. Präzise und belastbare Zahlen sind als Grundlage für sinnvolle gesundheitspolitische Entscheidungen auch dringend nötig - auch für die künftige Bundesregierung, die sich in ihrer Gesundheitspolitik von seriösen Zahlen und Fakten leiten lassen soll und nicht von Vorurteilen und Ideologien. Aus Sicht der Ärzteschaft ergeben sich mehrere Konsequenzen durch die vorgestellten Studienergebnisse:

Diesbezüglich wurde über viele Jahre in den OECD-Statistiken mit Zahlen operiert, die keinen tragfähigen internationalen Vergleich ermöglichten. Das führte zu dem verbreiteten Fehlurteil, Österreich hätte – trotz aller von den Patienten erlebbaren Versorgungengpässen – keine Ärzteknappheit, sondern bloß ein Verteilungsproblem. Dieser Irrtum ist eine der Ursachen von vielen gesundheits- und bildungspolitischen Versäumnissen der vergangenen Jahrzehnte.

Ein  Blick  auf  die  Altersverteilung  aller  österreichischen  Ärzte  (ohne  Ärzte  in Ausbildung/Turnusärzte) gibt einen ersten Übeblick über die Problematik: Siehe Abb.1

Die Grafik zeigt die aktuelle ärztliche Altersstatistik mit Stand Oktober 2019 mit dem Ist-Stand sowie der prognostizierten Entwicklung. Heute haben wir in Österreich die höchste Alters-Konzentration bei Ärztinnen und Ärzten mit einem Lebensalter von 56-58 Jahren. In zehn Jahren werden bereits 37,9 Prozent aller Ärzte, in absoluten Zahlen sind das 14.449 Ärzte, dieses Alter erreicht haben. Somit gehen jedes Jahr Stellen verloren, die bei weitem nicht mit jungen Ärztinnen und Ärzten nachbesetzt werden können, weil die Entwicklung der Ärztezahlen insgesamt deutlich rückläufig ist. Ersichtlich in der Balkengrafik durch ein „Wellental“ links von der Verteilungsspitze. Dann gibt es wieder eine – allerdings wesentlich niedrigere – Spitze bei den heute etwa 42jährigen, danach geht es nur noch bergab.

Ähnlich dramatisch die Situation bei niedergelassenen Ärzten. Jener Bereich der Gesundheitsversorgung, der nach den Ankündigungen mehrerer Regierungsprogramme dringend ausgebaut werden müsste, um die Spitäler zu entlasten: In zehn Jahren wird fast jeder zweite heute ordinierende Arzt in Pension sein, und entsprechender Nachwuchs ist nicht in Sicht: Siehe Abb.2

Der mittelfristigen jährlichen Nachbesetzungsbedarf bei Ärzten liegt mindestens 1.450 pro Jahr. Das ist die Anzahl zusätzlicher Ärzte, die zur Aufrechterhaltung des Status quo benötigt wird, um die pensionsbedingten Abgänge zu kompensieren. Siehe Abb.§

Allerdings sind wir weit davon entfernt, diesen Bedarf decken zu können. An den öffentlichen und privaten Universitäten gibt es jährlich etwa 1.400 Absolventen für Humanmedizin, etwa 40 Prozent davon werden nicht in Österreich als Ärzte arbeiten. Es gibt also ein reales Potenzial von etwa 840 Absolventen pro Jahr, und das sind um 610 zu wenig, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Die Privatuniversitäten werden aus heutiger Sicht auch in Zukunft diese Differenz nicht kompensieren können, weil diese keine Quoten für Ausländer haben. Hier ist nicht nur die Gesundheitspolitik gefordert, sondern auch die Bildungspolitik und die Spitäler. Es muss bereits bei der Ausbildung angesetzt werden. Dazu gehören neben einem Ausbau der Basisausbildungsstellen auch Ausbildungskoordinatoren in allen Krankenhäusern. Außerdem muss die Allgemeinmedizin in Spitälern strukturell verankert werden.

Rezepte gegen den perspektivischen Ärztemangel sind bekannt. In der Schweiz und in Deutschland zum Beispiel werden sie in vielen Bundesländern bereits zügig umgesetzt und auch die österreichische Politik lässt inzwischen Problembewusstsein erkennen und reagiert auf die bedrohlichen Entwicklungen. Welche Möglichkeiten gibt es? Man kann die Zahl der Medizinstudenten erhöhen und/oder Landarztstipendien vergeben: Wer eines bekommt, verpflichtet sich, nach Abschluss des Studiums einige Jahre in der jeweiligen Region zu arbeiten. Außerdem können Spitäler Stipendien vergeben, wenn Studierende nach dem Studium eine Zeitlang dort arbeiten – in Deutschland gibt es das bereits. Das Land Niederösterreich hat für Absolventen der Humanmedizin an der Universität Krems einen Kreditzuschuss für den Fall vorgesehen, dass die Absolventen in einer Krankenanstalt des Landes Niederösterreich oder als niedergelassene Ärzte für die Dauer der Kreditrückzahlung in Niederösterreich tätig sind. Und schließlich können Jungärzte von ländlichen Regionen mit Geld und attraktiven Zusatzleistungen geködert werden.

Zentral ist allerdings, die Rahmenbedingungen der ärztlichen Tätigkeit in Österreich so attraktiv zu gestalten, dass Jungärzte nicht abwandern. Hier geht es nicht nur um entsprechende Honorare, sondern auch um flexible Verträge und Arbeitsbedingungen, die den jeweiligen individuellen Vorstellungen entsprechen. Der Trend zur Gruppenpraxis, sowohl innerhalb eines Fachs als auch fächerübergreifend, ist hier unübersehbar und auch für die Versorgung der Zukunft besonders wichtig. Was die ärztliche Tätigkeit betrifft, stehen heute Länder und Gesundheitssysteme in einem internationalen Wettbewerb. Österreich darf nicht hinter das Niveau anderer Länder zurückfallen, wenn man Absolventen im Land behalten und für Ärzte aus anderen Ländern attraktiv werden möchte.

Niedergelassener Versorgungsbereich in Österreich abgeschlagen

Die Ergebnisse der Dreiländer-Untersuchung zeigen auch sehr deutlich auf, dass in Österreich der niedergelassene Versorgungsbereich besonders stark hinter den Krankenhausbereich zurückfällt, der für 44 Prozent aller Gesundheitsausgaben verantwortlich ist. Tatsächlich könnten viele Leistungen, die jetzt in Spitälern erbracht werden, auch von niedergelassenen Ärzten wahrgenommen werden. Das ist nicht nur für das Gesundheitssystem preiswerter, sondern auch patientenfreundlicher, weil eine wohnortnahe Versorgung in der Arztpraxis oft der „Best point of service“ ist. Dazu ist es allerdings erforderlich, dass im niedergelassenen Bereich die ärztlichen Kapazitäten zur Verfügung stehen.

Damit künftig mehr Leistungen im niedergelassenen Bereich angeboten werden können, muss der niedergelassene ärztliche Bereich allerdings zügig und massiv ausgebaut werden und es ist eine Ausweitung des Leistungsspektrums in der Kassenmedizin erforderlich. Diesbezüglich fordert die Ärztekammer 1.300 zusätzlichen Kassenärzten österreichweit. Unabhängig von tatsächlich realisierten Einsparungen oder Mehrkosten durch die Schaffung der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), fordert die Ärztekammer auch wiederholt die von der Politik angekündigte Patientenmilliarde.

Aufholbedarf der öffentlichen Gesundheitsausgaben in Österreich

Der Dreiländervergleich zeigt aber auch, dass in Österreich die Gesundheitsausgaben mit 10,33 Prozent des BIP gegenüber Deutschland (11,23) und der Schweiz (12,18 Prozent) zurückfallen. Die Ärztekammer fordert deshalb von der nächsten Bundesregierung eine Anhebung der Ausgaben für das Gesundheitswesen auf 12 Prozent des BIP, damit das österreichische Gesundheitssystem mit dem der beiden Nachbarländer schritthalten kann und nicht zurückfällt.

Die Power Point Präsentation und eine PDF-Datei mit allen Grafiken finden Sie ebenfalls unten zum Download.

Rückfragen:

Mag. Bernhard Salzer

Abteilung Medien und Fortbildung der Ärztekammer für Wien 1010 Wien, Weihburggasse 10-12 Tel. +43 1 51501-1407

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Fax +43 1 5126023-1407

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Mag. Roland Bettschart

B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung

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