Bisher weltgrößter Schlaganfall-Kongress kommt 2020 nach Wien

Statement Univ.-Prof. Dr. Dr. hc mult Michael Brainin, Präsident der World Stroke Organisation, Leiter des Departments für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin, Donau-Universität Krems

Nächstes Jahr wird Wien Welthauptstadt der Schlaganfall-Forschung: Zwischen 12. und 15. Mai 2020 wird in Wien der bisher größte Kongress zum Thema Schlaganfall stattfinden. Die European Stroke Organisation (ESO) und die World Stroke Organisation (WSO) organisieren diese Expertentagung erstmals gemeinsam. Sie erwarten rund 7.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter führende Schlaganfall-Spezialisten aus aller Welt. Die Ergebnisse großer neuer Schlaganfall-Studien werden erstmals präsentiert und aktuelle Themen wie die steigende Bedeutung der Thrombektomie oder der Schutz der Nervenzelle werden diskutiert. Einen großen Schwerpunkt bildet auch die Schlaganfallprävention, die global eine dringende Notwendigkeit ist. Zusätzlich stehen zahlreiche Themen auf dem Programm, die nicht nur für Schlaganfall-Experten und Wissenschaftler relevant sind, sondern auch für Therapeuten und Pflegekräfte, die sich mit Schlaganfallpatientinnen und -patienten beschäftigen. Für diese Berufsgruppen gibt es spezielle Kurse und Schulungen.

Dichtes Stroke-Unit-Netz: Österreich als internationales Vorbild

Wien wurde nicht zufällig als Veranstaltungsort der Weltschlaganfallkonferenz ausgewählt: Österreich hat weltweit Vorbildwirkung für die Schlaganfall-Akutversorgung. Dabei kommt es auf jede Minute an, da bei einem Schlaganfall alle 60 Sekunden zwei Millionen Nervenzellen zugrunde gehen, sofern nichts unternommen wird. In Österreich gibt es zur Schlaganfall-Akutversorgung 39 Stroke-Units. Unabhängig davon, an welchem Ort jemand einen Schlaganfall erleidet: Die Patientin oder der Patient kann binnen 45 Minuten mit dem Rettungswagen in eine dieser Spezialeinrichtungen gebracht werden. Lediglich in Tirol und Vorarlberg ist mitunter ein Hubschraubereinsatz nötig, um diese Zeit einzuhalten. Aufgrund dieses dichten Versorgungsnetzes überleben immer mehr Menschen unbehindert einen Schlaganfall. Der Anteil der Patienten, die nach einem Schlaganfall eine Thrombolyse (medikamentöse Blutgerinnsel-Auflösung) erhielten, stieg an den österreichischen Stroke Units von unter fünf Prozent im Jahr 2003 auf 18,4 Prozent im Jahr 2018. Österreich hat somit gemeinsam mit Dänemark und den Niederlanden die höchste „Lyse-Rate“ in Europa, und die Arbeit der österreichischen Stroke-Units genießt international hohes Ansehen.

Verbesserung der Akutversorgung durch Thrombektomie und Schutz der Nervenzellen

Auch die Thrombektomie etabliert sich zunehmend in der Akuttherapie. Das Kongressprogramm wird die Präsentation neuer Studien dazu bietet. Die Forschung zeigt immer deutlicher, welche Patientinnen und Patienten dafür infrage kommen und wann dieser Eingriff angezeigt ist. So wurde etwa das Zeitfenster größer, in dem eine Thrombektomie durchgeführt werden kann. Auch bei Patienten, bei denen lediglich „kleine“ Gefäße verschlossen sind, kann das Verfahren angewendet werden.

Ein weiteres Gebiet, zu dem intensiv geforscht wird, ist der Schutz der Nervenzellen. Die Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff soll verhindert werden, indem eine schützende Umgebung geschaffen wird. Das kann durch physikalische Methoden geschehen, etwa indem man das Gehirn kühlt, oder mithilfe von Medikamenten.

Schlaganfallprävention weltweit dringend notwendig

Weltweit wird versucht, die Schlaganfallepidemie durch Prävention in den Griff zu bekommen. In zahlreichen Ländern nimmt die Zahl der Schlaganfälle dramatisch zu. In China, Indonesien, Brasilien und Südkorea ist Schlaganfall mittlerweile Todesursache Nummer eins. Das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, liegt weltweit bei 1:3.

Die WSO hat unter dem Titel „cut stroke in half“ ein Projekt gestartet, das weltweit die Halbierung der Inzidenzrate zum Ziel hat. Neben den Bemühungen zur Senkung der bekannten Schlaganfallrisikofaktoren spielt dabei auch die „Polypille“ eine wichtige Rolle. Dieses Medikament vereint niedrig dosierte Blutdrucksenker und Cholesterinsenker. Es wird zurzeit in Brasilien und Indien bei Personen mit mittlerem Schlaganfallrisiko präventiv eingesetzt. Die Polypille ist aber grundsätzlich für alle gedacht. In den USA zeigte eine Studie, dass sie wirksam für die Schlaganfallprävention von unterpriviligierten Bevölkerungsschichten verwendet werden kann.

In Österreich ist die Polypille allerdings kaum zu argumentieren. Die Mehrzahl der Ärztinnen und Ärzte ist der Auffassung, dass Prävention für den einzelnen Patienten maßgeschneidert sein muss. Allerdings findet Schlaganfallprävention in Österreich nur bei Hochrisikopatienten statt, etwa bei Menschen mit sehr hohem Blutdruck. Für Menschen mit mäßigem Risiko gibt es keine nationalen Präventionsstrategien.

Quellen:

Informationen zur Weltschlaganfallkonferenz der European Stroke Organisation (ESO) und der World Stroke Organisation (WSO) unter https://eso-wso-conference.org/

Aguiar de Sousa et al.: Access to and delivery of acute ischaemic stroke treatments: A survey of national scientific societies and stroke experts in 44 European countries. European Stroke Journal 2019, Vol. 4(1) 13–28