Wien

Anästhesisten-Mangel verhindern, medizinischen Nachwuchs fördern

Statement Prim. Priv.-Doz. Dr. Achim von Goedecke MSc, Stellvertreter Anästhesiologie, ÖGARI-Vorstand; Leiter des Instituts für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landeskrankenhaus Steyr

Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) – Wien, 20. November 2018

Steigender Bedarf an Anästhesisten, Pensionierungswelle, zu wenig Nachwuchsförderung: Österreich steuert auf einen veritablen Mangel an Anästhesisten zu, warnt ÖGARI-Vorstandsmitglied Prim. PD Dr. Achim von Goedecke. Er fordert mehr Engagement in der Facharztausbildung und eine langfristige Personalplanung. Das Fachgebiet Anästhesiologie und Intensivmedizin bietet angehenden MedizinerInnen jedenfalls attraktive Karrierechancen.

In Österreich bahnt sich gerade ein spürbarer Mangel an Anästhesisten an. Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist der Bedarf in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das mag zum Teil mit der Umsetzung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes zu tun haben, das die zeitliche Präsenz von Ärztinnen und Ärzten im Spital stärker einschränkt, und somit den Personalbedarf erhöht. Gleichzeitig hat sich aber auch das Tätigkeitsgebiet von Anästhesistinnen und Anästhesisten stark erweitert. Anästhesistinnen und Anästhesisten sind nicht nur im OP selbst aktiv, sondern zunehmend in der Operationsvorbereitung und -nachbetreuung und weiterhin auch im operativ intensivmedizinischen Bereich, in der Notfallmedizin, sowie der Schmerz- und Palliativmedizin.

Um den gestiegenen Bedarf auch quantitativ auszudrücken: Innerhalb der letzten 20 Jahre hat sich die Zahl der in Österreich tätigen Anästhesistinnen und Anästhesisten verdoppelt. Allein in den vergangenen fünf Jahren ist ihre Zahl um rund 20 Prozent auf rund 3.000 Personen gestiegen. Wurden 2010 noch 90 Fachärzte aus diesem Fachgebiet neu anerkannt, waren es im Jahr 2017 bereits ein Drittel mehr.

Trotz dieser Zuwächse müssen wir allerdings feststellen, dass es schon jetzt zu wenig Fachärztinnen und Fachärzte für Anästhesiologie und Intensivmedizin gibt. Und diese Situation wird sich in absehbarer Zeit weiter verschärfen, denn in den nächsten vier bis fünf Jahren erreichen jährlich zwischen 130 und 150 Anästhesisten das Pensionsalter. Im Moment sind fast 700 Kolleginnen und Kollegen in Ausbildung zum Facharzt, pro Jahr gibt es durchschnittlich 120 neue Facharztanerkennungen. Das reicht aber nicht aus, um den drohenden Abgang zu kompensieren.

Ein Grund dafür: Nicht alle Krankenhäuser bilden in gleichem Ausmaß neue Fachärzte aus, wie sie selbst aufgrund der absehbaren Ruhestands-bedingten Lücken benötigen werden. D. h. in den kommenden Jahren brauchen wir eine Erhöhung der Anästhesisten, die die Ausbildung abschließen, um mindestens 25 Prozent, damit die altersbedingt ausscheidenden Anästhesistinnen und Anästhesisten ersetzt werden. Ein Ausscheiden aus anderen Gründen ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Bei der Ausbildung gibt es erhebliche regionale Unterschiede, das Verhältnis von Anästhesisten zu Fachärzten in Ausbildung – und somit die „Nachwuchspflege“ – unterscheiden sich je nach Bundesland deutlich. Spitzenreiter bei der Ausbildungsquote sind 2018 Tirol (24 Prozent), Oberösterreich, Salzburg und Kärnten (jeweils 20 Prozent). Schlusslichter sind Niederösterreich, Wien, Burgenland (jeweils 17 Prozent) und Vorarlberg (13 Prozent). Der Österreich-Schnitt liegt bei 19 Prozent – benötigt würde aber eine bundesweite Ausbildungsquote von  mindestens 23 Prozent, um in Zukunft auch dem steigenden Bedarf an Anästhesistinnen und Anästhesisten gerecht zu werden.

Die ÖGARI appelliert daher an alle Krankenhäuser bzw. Krankenhausträger, bei der Zahl der Ausbildungsstellen die langfristige Personalplanung zu berücksichtigen, auch mit Bedacht auf Voll- und Teilzeitmodelle, und jedenfalls so viele Anästhesisten und Intensivmediziner auszubilden, wie in Pension gehen werden. Jetzt ist noch Zeit, dass langgediente Kräfte ihren Erfahrungsschatz weitergeben. Ich appelliere auch an die Gesundheitspolitik, dafür ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen und die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.

Werden keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen, ist mit einem drastischen Engpass zu rechnen. Und der lässt sich auch nicht mit den neuen, datengetriebenen Möglichkeiten und der Digitalisierung kompensieren, wie gelegentlich in die Diskussion eingebracht wird: „Decision Support Systems“ leiten von großen Datenmengen Algorithmen ab. Verknüpft mit den Vitaldaten des Patienten und Informationen zum Krankheitsverlauf, können Trends aufbereitet, mögliche riskante Konstellationen erkannt und wahrscheinliche Komplikationen vorausgesagt werden. Das hat großes Potenzial, vor allem im Rahmen der Narkose, der Intensiv- oder der Notfallmedizin, wo oft unter hohem Zeitdruck Entscheidungen von großer Tragweite getroffen werden müssen. Doch Datenanalyse ersetzt keine Humanressourcen. Es braucht keine Roboter, sondern immer gut ausgebildete, erfahrene Anästhesistinnen und Anästhesisten, die die Fakten bewerten und letztlich die richtige Entscheidung in ihrem spezifischen Umfeld treffen. Gute Anästhesiologie und Intensivmedizin ist und bleibt personal- und zeitintensiv. Künstliche Intelligenz kann den Anästhesisten nicht gänzlich ersetzen. Würde hier rationalisiert, kann dies nur auf Kosten der Patienten und ihrer Sicherheit gehen.

Konkret bedeutet ein Anästhesisten-Mangel für Patientinnen und Patienten beispielsweise, dass weniger OP-Termine vergeben werden können und sich bei geplanten Eingriffen die Wartezeiten erhöhen; dass es zu Engpässen in der Intensivbetreuung kommen kann; dass Spezialangebote wie zum Beispiel sehr oft von Anästhesistinnen und Anästhesisten betreute Schmerzambulanzen noch stärker eingeschränkt werden müssen oder dass es weniger Notärzte gibt, die für lebensrettende Einsätze zur Verfügung stehen. So sind die Notärzte in den Rettungshubschraubern fast ausschließlich Anästhesistinnen und Anästhesisten.

Daher engagieren wir uns als ÖGARI auch besonders, Absolventinnen und Absolventen des Medizinstudiums für unser Fach zu interessieren. Wir haben spezielles Informationsmaterial für Studierende entwickelt und Vertreterinnen und Vertreter der „Jungen Anästhesie“ sind auf Berufsmessen und anderen Informationsveranstaltungen präsent.

Für junge Medizinerinnen und Mediziner gibt es viele gute Gründe, eine Facharztausbildung in der Anästhesiologie und Intensivmedizin anzustreben: Der anästhesiologische Nachwuchs hat exzellente Karriereaussichten und viele Optionen, denn in jedem Krankenhaus gibt es zwingend eine Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin – das ist bei anderen Fächern nicht der Fall. Bei vielen Trägern sind flexible Arbeitszeitgestaltung und attraktive Teilzeitmodelle möglich. Zahlenmäßig sind wir Anästhesisten unter den größten medizinischen Fächern, und bieten eine starke Interessensvertretung. Und auch sonst sprechen viele Gründe für die Wahl dieser Fachrichtung: Die Anästhesie zählt zu den vielfältigsten und abwechslungsreichsten Fächern der Medizin, unter anderem wegen der fünf Säulen Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerz- und Palliativmedizin. Das lässt die Tätigkeit auch nach Jahren nie zur Routine werden. Anders als in anderen Fächern ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgewogen. Anästhesisten sind Nahtstellen zu vielen Abteilungen, Teil von interdisziplinären Teams und somit oft Vermittler – als Anwälte der Patientinnen und Patienten. Wir sorgen für ihre umfassende Betreuung, und sind gleichzeitig auch ein technikaffines Fach. Gute Karten also für alle, die an eine entsprechende Facharztausbildung denken.

Der Folder „Nichts für schwache Nerven ist verfügbar unter www.anaesthesie.news/junge-anaesthesie/flyer-fuer-angehende-mediziner-innen/.

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