Wien

Anästhesie-Forschung made in Austria: Zahlreiche österreichische Beiträge beim führenden internationalen Fachkongress Euroanaesthesia 2019

Pressegespräch zum Europäischen Anästhesiekongress Euroanaesthesia 2019, 1.-3. Juni 2019 in Wien

Worunter leiden frisch Operierte am meisten? Ist das Schmerzmanagement in der österreichischen Geburtshilfe auf dem letzten Stand des Wissens? Antworten auf diese und viele andere Arbeiten aus den Bereichen Anästhesiologie, Reanimation, Intensiv- und Schmerzmedizin präsentieren Forschergruppen aller medizinischen Universitäten beim renommierten Fachkongress Euroanaesthesia 2019, der von 1. bis 3. Juni 2019 in Wien stattfindet.

Forschergruppen aus allen medizinischen Universitäten Österreichs sind beim aktuell in Wien tagenden Europäischen Anästhesiekongress Euroanaesthesia 2019 (1.-3. Juni 2019) mit den Ergebnissen aktueller wissenschaftlicher Arbeiten vertreten. Die Euroanaesthesia zählt weltweit zu den wichtigsten Kongressen für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin und verzeichnet heuer 6.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 80 Ländern. Univ.-Prof. Dr. Klaus Markstaller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI): „Unser Fach entwickelt sich derzeit mit hoher Dynamik. Die Potenziale der Digitalisierung, Patientensicherheit und eine bessere Versorgung sind zentrale Themen. Österreich spielt in der angewandten Forschung und Grundlagenarbeit in der Europaliga mit, darauf können wir sehr stolz sein.“ Hier einige der österreichischen Arbeiten, die auf der Euroanaesthesia präsentiert werden.

Frequency Festival: Wann und wie oft ärztliche Hilfe nötig ist

Zum Bedarf an medizinischer Betreuung bei großen Musik-Festivals gibt es kaum publizierte Daten. Dr. Mathias Maleczek (Medizinische Universität Wien) hat diesen für das FM4 Frequency Festival untersucht, und zwar für die Jahre zwischen 2011 und 2017, in denen zwischen 115.000 und 200.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern beim Event waren. Das Ergebnis: Je nach Jahr gab es große Unterschiede bei den benötigten Arzteinsätzen und Krankenhaustransporten.  Brauchten 2016 nur neun von 1.000 Besuchern ärztliche Hilfe, so waren es 2011 fast 21 von 1.000 Besuchern. Im Krankenhaus endete das Festival für die allerwenigsten, im Durchschnitt musste pro 1.000 Teilnehmer nur 0,61 Personen ins Spital gebracht werden. In rund 65 Prozent wurde ärztliche Hilfe aufgrund von Schmerzen angefordert, zu 70 Prozent waren Unfälle die Ursache. 5,4 Prozent der Arzteinsätze waren wegen einer Vergiftung erforderlich – meist zu viel Alkohol, doch auch verschiedene Drogen spielten eine Rolle. Durch die präventive Entfernung von Insektennestern auf dem Festivalgelände gingen die Einsätze wegen Insektenstiche deutlich zurück. Eine höhere Teilnehmerzahl ließ nicht auf mehr Einsätze schließen, eine höhere Temperatur dafür umso mehr.

Kaudalanästhesie bei Neugeborenen kann Opioidgaben reduzieren 

Mit einer retrospektiven Studie konnte Dr. Stefan Heschl (Medizinische Universität Graz) nachweisen, dass eine kontinuierliche Kaudalanästhesie mit intermittierendem Peridural-Morphin eine praktikable anästhetische Technik für große chirurgische Eingriffe bei Neugeborenen ist, und zwar auch für das Schmerzmanagement nach der Operation. Die Technik hat zudem das Potenzial, dass die Menge an intravenös verabreichten Opioiden herabgesetzt, die Gabe früher beendet bzw. ganz auf Opioide zu verzichtet werden kann. Untersucht wurde der Einsatz von Kaudalkathetern bei 33 Neugeborenen im Alter zwischen zwei Tagen und vier Wochen. Bei rund 85 Prozent war eine Laparotomie erforderlich, bei den restlichen Babys eine Thorakotomie. Epidurial verabreicht wurde den Patienten Ropivacain 0,2%, und zwar durchschnittlich 90 Stunden lang, und intermittierend auch Morphin für eine mittlere Zeit von 43 Stunden. Bei mikrobiologischen Tests konnten keine klinisch relevanten Infektionen festgestellt werden. Das lässt den Schluss zu, dass diese Technik auch bei längerem Einsatz zu keinen Komplikationen aufgrund von Infektionen führt.

Lagerung von Erythrozyten-Konzentraten: Veränderungen wirken sich nicht auf gerinnungsfördernde Eigenschaften aus

Eine Studie von Dr. Thomas Öhlinger und seinen Kolleginnen und Kollegen (Medizinische Universität Wien) ging der Veränderung von „gepackten Erythrozyten“ (PRBC) im Verlauf ihrer Lagerung und ihrer Qualität am Ende der empfohlenen Lagerdauer nach. Gepackte rote Blutkörperchen oder Erythrozytenkonzentrate werden durch Zentrifugieren von Vollblut gewonnen und zur Transfusion verwendet. Das Forschungsprojekt wurde von der European Society of Anaesthesiology mit einem Young Investigator Start-Up Grant an DMB gefördert. Als Marker für die Speicherqualität der PRBC und ihre Gerinnungseigenschaften wurde Phosphatidylserin untersucht. Für die Untersuchung wurden insgesamt 36 PRBC-Einheiten entsprechend den Blutbank-Standards gewonnen und gelagert. Wöchentlich wurden die Hämolyse, also die Auflösung der roten Blutkörperchen, und der Prozentsatz der Phosphatidylserin exprimierenden Zellen gemessen. Die in-vitro-Gerinnungseigenschaften der PRBC wurden mittels einer viskoelastische Gerinnungsanalyse bewertet. Wie sich zeigte, nehmen Phosphatidylserin und Hämolyse während der Lagerung von PRBC zu. Beide Parameter können die Hämolyse am Ende der Lagerung bereits zu früheren Zeitpunkten der Lagerung vorhersagen. Die Gerinnungszeiten waren am Ende der Lagerung länger als bei Frischblutproben, das könnte einen Einfluss auf den Beginn der Gerinnsel-Bildung haben.

Worunter Patienten im Aufwachraum leiden

Worunter Patienten leiden, wenn sie nach einer allgemeinen oder spinalen Anästhesie im Aufwachraum liegen, hat Dr. Michael Eichinger von der Medizinuniversität Graz in einer retrospektiven Studie untersucht und dafür 476 Fragebögen ausgewertet. Durst war mit 40 Prozent der Nennungen das häufigste Problem, gefolgt von operationsbedingte Schmerzen, mit denen 17 Prozent der Befragten zu kämpfen hatten. Die verschiedenen Nachwirkungen waren gleichmäßig über die Patienten verteilt, nur ein geringer Prozentsatz wies tatsächlich alle in den Fragebögen angeführten Symptome wie Durst, Schmerzen oder Übelkeit auf. Fazit der Untersuchung: Selbst in Spitälern mit ausgezeichnetem zertifiziertem Schmerzmanagement beklagt sich noch ein hoher Patientenanteil über postoperative Beschwerden, auch infolge von Nachwirkungen – das sollte ein Ansporn dafür sein, mehr Augenmerk auf die Patientenwahrnehmung zu legen und entsprechende Maßnahmen zu treffen.

Anästhesie in der Geburtshilfe entspricht nicht internationalen Empfehlungen

Dr. Julia Oji-Zurmeyer von der Medizinischen Universität Innsbruck hat untersucht, wie die Anästhesie in der Geburtshilfe in Österreich gehandhabt wird und dazu Fragebögen an 81 Geburtsstationen geschickt. Die Responserate betrug 80 Prozent, was 84 Prozent der jährlichen Geburten abdeckt. Ein paar Ergebnisse: Epidualanalgesie, also der so genannte Kreuzstich, wurde allgemein angeboten – und zwar bei weniger als 30 Prozent der Geburten in 86 Prozent der teilnehmenden Krankenhäuser. Die Kaiserschnittrate lag bei 68 Prozent der Geburtsstationen bei unter 30 Prozent. Spinalanästhesie wird von allen Spitälern als Narkose erster Wahl für den Kaiserschnitt verwendet. Lediglich fünf Prozent der Krankenhäuser verabreichen langfristig wirksames intrathekales Morphin, 28 Prozent verabreichen generell keine intrathekalen Opioide. Wundinfiltration zur Beherrschung akuter postoperativer Schmerzen gab es nur in drei Prozent der teilnehmenden Stationen. Eine Epiduralrate von weniger als 20 Prozent korrelierte signifikant mit der Verwendung des Schmerzmittels Nalbuphin. Dies deutet darauf hin, dass die analgetische Therapie mit Nalbuphin als effizient genug und der Kreuzstich als weniger notwendig erscheinen. Eine Epiduralrate von über 20 Prozent korrelierte hingegen signifikant mit der Bestimmung der PT- und PTT-Gerinnungsparameter trotz negativer Koagulopathie in der Vorgeschichte. Ein möglicher Grund dafür sind unentdeckte Gerinnungsstörungen. Ein frühzeitiger Test der Gerinnungsparameter könnte den werdenden Müttern mehr Zeit für eine selbstbestimmte Entscheidung über die Art der Anästhesie während der Geburt geben. Insgesamt zeigt sich, dass die österreichische Praxis von den aktuellen europäischen und amerikanischen Richtlinien abweicht. Darum wurde auch eine nationale Arbeitsgruppe gegründet, um den internationalen Austausch zu fördern und Praxisempfehlungen zu implementieren.

Weitere österreichische Arbeiten auf der Euroanaesthesia 2019:

Dr. Petra Höbart (Wien) und Kollegen haben alternative Angiotensin-Metaboliten untersucht, die bei Patienten mit hoher Plasma-Renin-Aktivität während einer größeren Bauchoperation nachgewiesen wurden.

Dr. Felix Kraft (Wien) hat die Epiduralanästhesie bei Routinegeburten unter die Lupe genommen und eine retrospektive Zehn-Jahres-Analyse des nationalen österreichischen Geburtenregisters erstellt.

Dr. Gabriel Putzer (Innsbruck) hat die Auswirkungen unterschiedlicher Adrenalindosen auf die zerebrale kortikale Perfusion, die zerebrale Sauerstoffversorgung und den zerebralen Stoffwechsel während der kardiopulmonalen Wiederbelebung bei Schweinen erforscht und präsentiert vorläufige Ergebnisse. Mit einer multimodalen Neuromonitoring-Studie bei Schweinen konnte er zudem nachweisen, dass die zerebrale Autoregulation bei tiefer Unterkühlung beeinträchtigt ist.

Dr. Martin Hermann Bernardi (Wien) hat in einer Studie den Einfluss der intraoperativen Kreatinin-Clearance auf akute Nierenverletzung nach Herzoperation untersucht.

Prim. Sibylle Kietaibl (Wien) untersuchte, ob sich der Prozess der Retransfusion von Eigenblut auf die Verformbarkeit der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) auswirkt.

Quellen: ESA-Abstracts2019: Medical care at a mass-gathering music festival: A retrospective study over seven years (2011 - 2017): Mathias Maleczek (Vienna, Austria); Caudal Catheters for major abdominal and thoracic surgery in Neonates – A 6 year retrospective study: Stefan Heschl (Graz, Austria); Deformability of erythrocytes is maintained after autologous cell salvage: Sibylle Kietaibl (Vienna, Austria); Disturbances for patient`s well-being in the PACU after general or spinal anaesthesia: Michael Eichinger (Graz, Austria); National survey of the practice of obstetric anaesthesia in Austria: Julia Oji-Zurmeyer (Innsbruck, Austria); Alternative angiotensin metabolites detected in patients with high plasma renin activity during major abdominal surgery: Petra Höbart (Vienna, Austria); Epidural anesthesia during routine childbirth: A 10 years retrospective analysis from the National Birth Registry Austria: Felix Kraft (Vienna, Austria); Effects of different adrenaline (epinephrine) doses on cerebral cortical perfusion, cerebral oxygenation and cerebral metabolism during cardiopulmonary resuscitation in pigs – preliminary data: Gabriel Putzer (Innsbruck, Austria); Storage-dependent increase in phosphatidylserine exposure does not augment in vitro pro-coagulant properties of packed red blood cells: Thomas Öhlinger (Vienna, Austria); Cerebral autoregulation is impaired during deep hypothermia – a porcine multimodal neuromonitoring study: Gabriel Putzer (Innsbruck, Austria); Influence of intraoperative creatinine clearance on acute kidney injury after cardiac surgery: Martin Hermann Bernardi (Vienna, Austria)

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