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Profin. Paternostro-Sluga: „Physikalische Medizin spart Operationen und verkürzte Krankenhausaufenthalte“

Statement Univ.-Profin. Prima. Drin. Tatjana Paternostro-Sluga; Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Sozialmedizinisches Zentrum Ost-Donauspital; Seniorpräsidentin der ÖGPMR Pressegespräch zur Jahrestagung der ÖGPMR, 15. 11. 2017, Billrothhaus, 1090 Wien

Wien,Linz, 15.11.2017

Als Physikalische Mediziner kümmern wir uns vorrangig um komplexe Probleme, Schmerzen und Störungen des Bewegungsapparates. Anders als bei den Kolleginnen und Kollegen anderer Fächer geht es dabei aber selten um ein fokales Problem, das z. B. mit einem chirurgischen Eingriff zu lösen wäre. Die Physikalische Medizin hat einen gesamtheitlichen Ansatz. Unser Blick auf die Patientinnen und Patienten ist holistisch und „weitwinkeliger“. Wenn z. B. ein Patient nach einem Schlaganfall durch lange Liegedauer eine mangelnde Kondition aufweist (Dekonditionierung) und zudem einen Fersensporn hat, der ihm das Gehen zusätzlich erschwert, müssen wir ihn mit einer Vielzahl von verschiedenen Maßnahmen wieder mobilisieren. 

Mit diesem Ansatz decken wir in den Krankenhäusern gleich zwei wichtige Bereiche ab. Zum einen beginnen wir bereits in der Akutphase einer Behandlung gewissermaßen mit der Früh-Rehabilitation, zum anderen sind wir die Spezialisten für komplexe und multifaktorielle Probleme sowie Komplikationen in der Nachbehandlung. Unser Hauptaugenmerk gilt dabei nicht primär der ursächlichen Erkrankung selbst, die ohnehin von den Spezialistinnen und Spezialisten der jeweiligen Abteilung gut abgedeckt wird. Unser Fokus liegt auf der Vielzahl an Problemen und Komplikationen, die in der Folge der Grunderkrankung oder durch den Krankenhausaufenthalt selbst entstehen können. In vielen Fällen gilt es dabei, Schmerzen so rechtzeitig zu bekämpfen, dass Chronifizierungen erst gar nicht entstehen können und vor allem die Bewegungsfunktionen zu erhalten, die für eine frühestmögliche Mobilisierung der Patienten unabdingbar sind. 

Früh-Reha verhindert viele langwierige Komplikationen

Ich will das an zwei klassischen Fälle illustrieren: Eine ältere Dame, deren Oberschenkelfraktur perfekt versorgt wurde, klagt am Tag nach der OP über stärker werdende Schmerzen in der Schulter. Es stellt sich heraus, dass beim Sturz auch ein kleiner Bandscheibenvorfall entstanden ist, der im akuten Geschehen aber keine Beachtung fand. So eine Patientin können wir mit Medikamenten, Wärmeanwendungen und einer Elektrostimulation binnen zwei Tagen schmerzfrei und mobilisierbar machen. Wenn das nicht passiert, sind wochenlange Arztkonsultationen, ein sich verselbstständigender Schmerz und im schlimmsten Fall eine weitere Operation die Folge. 

Das gleiche gilt für Kinder, die etwa nach einer Gehirninfektion beatmet werden müssen. Wenn die dabei oft auftretenden Spastiken nicht behandelt werden, können dauerhafte Fehlbildungen wie z. B. Spitzfüße entstehen. Ein solcher Fersenhochstand kann in der Folge viele weitere Behandlungen und nicht selten eine Operation notwendig machen. Das lässt sich durch eine vergleichsweise unaufwändige Behandlung mit Botulinumtoxin zur Entspannung und einer mechanischen Therapie zur Erhaltung der Beweglichkeit vermeiden.

Therapie von Folgewirkungen der Aktubehandlung

Ebenso, und damit sind wir beim zweiten großen Einsatzgebiet der Physikalischen Medizin im Krankenhausbereich, können Folgewirkungen der Aktubehandlung dazu führen, dass Behandlungen, die mit der eigentlichen Grunderkrankung gar nichts zu tun haben, notwendig werden. Ein häufiges Beispiel dafür ist der sogenannte Morbus Sudeck. Dieses komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) entsteht durch einen irregulären Heilungsverlauf des verletzten Gewebes, häufig nach Operationen oder Verletzungen an Armen oder Beinen. In schlimmen Fällen können die brennenden Ruheschmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen so weit fortschreiten, dass die Patienten in ihrer Lebensführung stark eingeschränkt bleiben. Zur Behandlung braucht es eine genau dosierte Mischung aus abschwellenden und schmerzlindernden Medikamenten und einer gezielten Bewegungs- und Ergotherapie.

Physikalische Behandlungen machen viele Operationen überflüssig

Noch besser als die Begleiterscheinungen und „Nebenwirkungen“ einer Operation zu mildern, ist es, die Möglichkeit auszuloten, mit konservativen Therapien das Auslangen zu finden. Hier hat sich im Zusammenspiel mit den chirurgischen Fächern in den letzten Jahren vieles verbessert. Heute sehen wir uns mit vielen Anfragen der Kollegen konfrontiert, die therapieresistente Patienten – noch bevor sie einen Operationstermin ansetzen – mit der Frage zu uns schicken, ob das Problem nicht doch auch konservativ gelöst werden kann. Die gute Nachricht ist: In vielen Fällen gelingt das mit dem breitgefächerten und vielseitig kombinierbaren physikalischen Behandlungsangebot tatsächlich. Die weniger gute: Leider reichen die vorhandenen Kapazitäten nicht überall in Österreich dazu aus, aufwändige und auch nicht immer risikolose Operationen durch weit billigere und sanftere physikalmedizinische Ansätze zu ersetzen.

Früh-Reha-Teams verkürzen Aufenthalt auf der Intensivstation

Dass eine Verbreiterung dieses Angebots nicht nur vielen Patientinnen und Patienten Leid sondern den Krankenhausträgern auch massiv Kosten ersparen würde, geht nicht zuletzt auch aus einer Studie hervor, die dieses Jahr im American Journal of Physical Medicine & Rehabilitation publiziert wurde.1 Dabei wurde untersucht, ob und wie sich der Einsatz eines physikalisch-medizinischen Früh-Reha-Teams auf einer Intensivstation auswirkt. Dort konnte u.a. gezeigt werden, dass bei Schwerstkranken zum Beispiel durch eine gezielte muskuläre Elektrostimulation Patientinnen und Patienten schneller wieder – im Wortsinn – „auf die Beine“ kommen. Dabei werden Muskelpartien genau in der Reihenfolge bestimmter Bewegungsabläufe stimuliert und so wird die Bewegungsfähigkeit verbesssert. Wie die Studie zeigt, machen sich solche Maßnahmen mehrfach bezahlt: Im Schnitt konnten die Intensivpatienten nach der begleitenden Behandlung durch ein Früh-Reha-Team um durchschnittlich 7 Tage früher entlassen werden. 

Quelle:

1 Gruther W, Pieber K, Steiner I, Hein C, Hiesmayr JM, Paternostro-Sluga T.: Can early rehabilitation on the general ward after an intensive care unit stay reduce hospital length of stay in survivors of critical illness. Am J Phys Med Rehabil 2017; Vol 96(9):607-615