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Prim. Wiederer: „Physikalische Medizin erfordert sehr individuelle Therapieansätze. In mindestens 90 Prozent der Fälle erreichen wir die individuellen Therapieziele unserer Patienten.“

Statement Prim. Dr. Christian Wiederer; Ärztlicher Direktor Klinikum am Kurpark Baden für Orthopädie und Rheumatologie; Ärztlicher Leiter DAS KURHAUS Bad Gleichenberg; Juniorpräsident der ÖGPMR// Pressegespräch zur Jahrestagung der ÖGPMR, 15. 11. 2017, Billrothhaus, 1090 Wien

Wien,Linz, 15.11.2017

Nachdem Professor Crevenna ausführlich beschrieben hat, wie weit sich der Bogen der Physikalischen Medizin heute spannt, stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit all dieser Methoden und Behandlungsansätze. In der Literatur findet sich dazu vergleichsweise wenig – was aber in der Natur der Sache liegt. Anders als andere Fachgebiete haben wir kein einheitliches Krankheitsbild, sondern individuell sehr unterschiedlich gelagerte Fälle zu behandeln. Dabei gilt es nicht, wie etwa in der Diabetesbehandlung, einen einheitlichen Richtwert zu erreichen, sondern auf den jeweiligen Einzelfall zugeschnittene Behandlungsziele zu erarbeiten. Naturgemäß sind solche Ansätze nicht ohne weiteres mit den herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden wie etwa einer Doppelblindstudie untersuchbar.

Individuelle Behandlungsziele – Individuelle Verträglichkeit von Therapien

Während es bei einem Patienten vielleicht darum geht, dass er nach einem schweren Schlaganfall zumindest wieder alleine sein Frühstück zubereiten können will, ist es für einen anderen womöglich das Ziel, mit dem Auto bis zum Supermarkt fahren und dort mit dem Rollator einkaufen gehen zu können. In beiden Fällen werden wir aus den vielschichtigen Therapieangeboten der Physikalischen Medizin ein jeweils individuelles Maßnahmenpaket zusammenstellen, das den beiden die nach ihren Wünschen und Möglichkeiten definierte Teilnahme am Leben ermöglicht. 

Der Patient, der alleine einkaufen gehen muss, wird unter anderem mittels Physiotherapie, also Bewegungstherapie, trainieren, wieder alleine aufzustehen und bestimmte Bewegungsabläufe erlernen, die er zum Einsteigen in das Auto braucht. In der Ergotherapie wird geprüft, ob und welche Hilfsmittel – etwa eine Lendenstütze oder Schienen – ihn bei diesen Bewegungen unterstützen können. Eine Elektrostimulation kann helfen, die zum Schieben des Rollators nötige Muskulatur zu stärken. Und schließlich kann es sein, dass er für seine Aktivitäten zusätzlich anfangs psychologische Unterstützung braucht, um seine Angst und die verständliche Unsicherheit zu überwinden. 

Im zweiten Fall, wo es darum geht, dass jemand alleine in der Küche zurechtkommen muss, steht vielleicht eine Schmerztherapie am Anfang der Behandlungskette. Danach geht es darum, wieder ganz andere Bewegungsabläufe sicherstellen zu helfen. Es würde dem Patienten nichts nützen, wenn er zwar aufrecht stehen, seine Hand aber nicht nach oben ins nächste Küchenregal strecken kann. Diese Bewegung kann wiederum zu Spannungszuständen in bestimmten Muskelpartien führen, die wir mit Wärmeanwendungen und/oder Massagen behandeln müssen. 

Dazu kommt, dass nicht jeder Betroffene für die gleichen Therapien empfänglich ist oder manche davon – obwohl sie alle extrem nebenwirkungsarm sind – schlecht verträgt. Während z. B. der eine Wärmebestrahlungen oder Wärmepackungen als wohltuend empfindet, braucht ein anderer Elektroden, die mit bestimmten Frequenzen einen entspannenden Effekt erzielen. 

Multimodales und vielschichtiges Behandlungsregime in Teamarbeit

Wie an diesen Beispielen ersichtlich, ist die Physikalische Medizin und Rehabilitation in hohem Ausmaß Teamarbeit. Nur ein multimodales und vielschichtiges Behandlungsregime – angefangen von der Heilmassage, über Physio-, Thermo-, Elektro- oder Ergotherapie, in manchen Fällen bis hin zu unterstützenden psychotherapeutischen Verfahren – kann sicherstellen, dass wir möglichst vielen Patientinnen und Patienten den Wiedereinstieg in ein aktives und selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Die höchst unterschiedlichen Ausgangslagen und die Vielzahl der zur Verfügung stehenden Methoden sind der Grund, warum allein die Aufnahmeuntersuchung solcher Patienten eine Stunde oder mehr dauert. Dabei ist es wichtig, keine Luftschlösser zu bauen, sondern gemeinsam mit den Betroffenen wirklich realistische Therapieziele zu erarbeiten. Jemand, der mit einer bereits hochgradigen Lähmung zu uns kommt, wird schwerlich wieder Langlaufen oder den Großglockner besteigen können. Und ein 80jähriger, der alleine im Haushalt zurechtkommen muss, muss nicht notwendigerweise mit einer Uhr zurechtkommen, wenn er ohnehin keine Termine mehr hat. Je strukturierter der Behandlungsplan und je realistischer die davor gesetzten Ziele, desto höher ist die Chance, den Patienten mit einem Erfolgserlebnis entlassen zu können.

Neue Methoden erweiterten in den letzten Jahren das Repertoire 

Dass dies immer öfter gelingt, ist auch einer Vielzahl an neuen Methoden zu verdanken, die in den letzten Jahren unser Repertoire erweitert haben. So ermöglicht uns die erst seit wenigen Jahren etablierte Faszientherapie besser, bestimmte Läsionen in den Gewebestrukturen zu optimieren und die Beweglichkeit schneller wieder herstellen zu können. Bei einer Faszientherapie werden Teile des Bindegewebes wieder mobilisiert, die Muskelfasern, Muskelbündeln und die Organe umschließen. 

Ähnliches gilt für die Stoßwellentherapie, bei der Schallwellen zur Behandlung von Kalkdepots im Sehnenbereich oder zur Arthrosebehandlung eingesetzt werden. 

In 9 von 10 Fällen erreichen wir die individuellen Therapieziele der Patienten 

Jede dieser neuen Behandlungsmethoden ist ein weiterer wertvoller Mosaikstein im vielschichtigen Therapieangebot. In Summe tragen sie zu einem Gesamtbild der Physikalischen Medizin bei, das sich wirklich sehen lassen kann. Auch wenn es dazu – aus besagten Gründen – keine allumfassenden Studien gibt, kann ich aus meiner Alltagserfahrung sagen: Mit den modernen Methoden und den multimodalen Therapieansätzen gelingt es uns heute in mindestens 90 Prozent der Fälle, die individuellen Therapieziele unser Patientinnen und Patienten zu erreichen.

Abstracts zum Thema Rehabilitation von der Jahrestagung der ÖGPMR 2017

Die Behandlung des Schnellenden Fingers mittels Radialer Puls Therapie: Ergebnisse einer monozentrischen, retrospektiven Analyse;  Michael Mickel, Christina Gesslbauer, Richard Crevenna

Outcome-Messung im Rahmen einer multiprofessionellen, interdisziplinären Rehabilitation: Fallbeispiel eines geriatrischen Patienten mit pertrochantärer Femurfraktur mit retrospektiver Datenanalyse einer vergleichbaren Patientenkohorte E. Ritter, S. Ganster, B. Münzker, I. Jira, M. Pirchl, M. Fischer

Rehabilitation bei Knochenmetastasen; R. Crevenna, B. Mähr; A. Pataraia; F. Cenik; S. Palma; T. Hasenöhrl; M. Keilani

Verbessert eine Kombination aus aerobem und anaerobem Krafttraining per Motomed die kognitive Leistungsfähigkeit bei geriatrischen Patientinnen? A. Skreiner