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Multimodale Therapie setzt bei den körperlichen und seelischen Ursachen gleichermaßen an

Statement Dr. Wolfgang Pipam, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee

Klagenfurt, 05.10.2017

Statement Dr. Wolfgang Pipam, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee

In den Ausführungen meiner Vorredner ist mehrfach der Begriff „multimodale Therapie“ verwendet worden. Ich freue mich, dass ich heute die Gelegenheit habe, Ihnen etwas detaillierter darzulegen, was sich hinter diesem modernen Therapieansatz verbirgt. Entwickelt hat ihn Prof. Likar bereits kurz nach der Gründung des Schmerzzentrums, wirklich etablieren konnten wir dieses Setting aber vor mittlerweile fünf Jahren.

Die mulitmodale Therapie gehört zu den umfassendsten Ansätzen in der modernen Schmerzmedizin weltweit. Sie begreift Schmerzen als eigenständige Krankheit und basiert auf einem bio-psycho-sozialen Modell. Das heißt, dass wir von der Anamnese bis zur Nachbetreuung nicht nur auf die körperlichen Beschwerden sondern auch auf psychische Aspekte sowie die individuellen Lebensumstände der Patientinnen und Patienten eingehen.

So vielschichtig, wie wir uns den Ursachen der Probleme nähern, gehen wir auch an deren Lösung heran. Unsere Schmerzpatienten werden immer von einem interdisziplinären Team aus Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten und physikalischen Medizinern betreut. Und das nicht nach einem fix festgelegten „Schema F“ sondern nach einem individuell auf den jeweiligen Einzelfall abgestimmten Behandlungsplan, den wir laufend evaluieren und gegebenenfalls anpassen. In der Regel sind Patienten, die unter chronischen Kopfschmerzen leiden, zwei Wochen lang für täglich sechs Stunden in einem solchen Programm, bei jenen mit chronischen Rückenschmerzen sind die Therapiepläne meist auf vier Wochen angelegt.

Unsere Hauptzielgruppe sind Menschen, die noch im Erwerbsleben stehen – nicht zuletzt deshalb, weil chronische Schmerzen inzwischen zu den häufigsten Ursachen für den Antritt einer Frühpension zählen. Wir wissen aus Studien, dass die Wahrscheinlichkeit nach mehr als sechs Monaten Arbeitsausfall an den Arbeitsplatz zurückzukehren nur bei 50 Prozent liegt, nach einem Jahr kehrt gar nur noch jeder Fünfte ins Erwerbsleben zurück. Gleichzeitig sehen wir aber, dass das kein unumkehrbarer Weg sein muss. So hat eine internationale Studie, die Modelle wie das unsere untersucht hat, aufgezeigt, dass nur zehn Prozent der multimodal behandelten Patienten in den nächsten zwei Jahren erneut einen Krankenstand in Anspruch nehmen mussten, während es in Vergleichsgruppe 59 Prozent waren.

Am Therapiebeginn gilt es zunächst natürlich, die vorhandenen Schmerzen nach allen Regeln der Kunst und mit allem, was die moderne Schmerztherapie zu bieten hat, soweit wie möglich zu lindern. Parallel dazu beginnt aber bereits ein Programm, das  unter dem Motto „Mehr Aktivität, weniger Schmerz“ steht. Deshalb ist der Vormittag primär der medizinischen Trainings- und Physiotherapie gewidmet. Dabei sollen Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining, Wassergymnastik, Ru?ckenschule und Stabilisierungsu?bungen der Wirbelsäule die Beweglichkeit fördern, die aufgrund schmerzbedingter Vermeidungshaltungen bei vielen schon lange sehr eingeschränkt ist.

Wie Prof. Likar bereits erwähnt hat, sind die Verbesserungen, die wir dabei erzielen, signifikant. Wie eine Evaluation mit 700 Teilnehmern zeigt, verbessert sich das Schmerzempfinden vom Therapiebeginn bis drei Monate nach Therapieende bei affektiven Schmerzen um 28 Prozent, bei sensorischen Schmerzen beträgt der Rückgang 18 Prozent. Aber das ist nur die Statistik. Noch viel beeindruckender ist es, in der täglichen Praxis zu sehen, wie und wie schnell sich die Patientinnen und Patienten verändern. Viele sind anfangs skeptisch und glauben in Anbetracht ihrer oft monate- bis jahrelangen Schmerzerfahrungen nicht mehr daran, dass irgendetwas helfen könnte. Die meisten spüren allerdings schon nach ein- bis zwei Wochen, dass ihr Schicksal kein unabänderliches ist. In der Gruppe schaukelt sich dieser aufkeimende Optimismus, für viele das erste positive Gefühl seit langem, dann zum Vorteil aller auf.

Damit sind wir bei den seelischen Vorgängen, die beim Erleben des Schmerzes und seiner Chronifizierung immer eine große und oft leider immer noch unterschätzte Rolle spielen. Am ZISOP steht der Nachmittag daher ganz im Zeichen der psychologischen Betreuung. In Gruppen von zehn Personen werden Entspannungsverfahren, psychologische Schmerzbewältigungsstrategien, Achtsamkeits- und Akzeptanzübungen, Kognitive Verhaltenstherapie, ACT-Therapie, Achtsamkeitsmeditation oder Stressmanagement angeboten. Ziel der psychologischen Gruppentherapie ist es, möglichst alle Aspekte der Schmerzerkrankung zu berücksichtigen, weil mit zunehmender Dauer der Erkrankung nicht nur die Psyche, sondern auch das soziale Umfeld und die berufliche Situation darunter leiden.

Erfreulicherweise zeigen alle unsere Auswertungen, dass die psychischen Interventionen genauso wirksam sind wie die körperlichen. Während am Beginn der Therapie 28,2 Prozent der Teilnehmer unter auffälliger Ängstlichkeit litten, war das am Ende nur noch bei  12,8 Prozent der Fall. Drei Monate nach Therapieabschluss sank diese Zahl sogar weiter auf nur noch zehn Prozent. Auch die Zahl der depressiven Patienten nahm von eingangs 23,3 Prozent auf acht Prozent bei Therapieende und 6,4 Prozent in der Nachbehandlungsphase ab. Dazu kommt, dass die Schwere der Depressionen im Therapieverlauf auch noch rückläufig war. Insgesamt steigerte sich die subjektive Einschätzung des Gesundheitszustands um beachtliche 33 Prozent. Während die Patienten und Patientinnen ihre Situation am Anfang der Therapie  auf einer Skala von Null bis 100 mit gerade mal 51 Punkten  bewerteten, waren sie am Ende der Therapie schon auf 66 und drei Monate danach bei 68 Punkten.