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Kärntner Vorbild sollte in ganz Österreich Versorgungsstandard in der Schmerzbehandlung werden

Statement Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc, Vorstand Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Leiter Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie und Palliativmedizin, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee

Klagenfurt, 05.10.2017

 

 

Statement Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc, Vorstand Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Leiter Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie und Palliativmedizin, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee

Ich möchte Frau Dr. Prettner nicht nur für die lobenden Worte danken, sondern auch für ihre Hinweise auf die schmerzmedizinische Versorgungssituation. Denn österreichweit mobilisieren Schmerzmediziner, um auf den dringlichen Bedarf zur Verbesserung der Strukturen aufmerksam zu machen. In diesem Punkt ist Kärnten wirklich anders: Ich bin froh und im Namen unserer Patientinnen und Patienten dankbar, dass es hier schon vor 25 Jahren gelungen ist, den damaligen Landeshauptmann von der Notwendigkeit eines solchen spezialisierten Angebotes zu überzeugen.  

Was wir damals geschaffen haben, stellt bis heute eine vorbildliche Einrichtung in der österreichischen Schmerzmedizin dar. Wir bieten Menschen, die aus unterschiedlichsten Ursachen an chronischen Schmerzen leiden, die gesamte Palette von nichtinvasiven und invasiven Methoden an, die die moderne Schmerzmedizin zu bieten hat. Speziell unterstützen wir jene besonders schwer betroffenen Patientinnen und Patienten, deren Schmerzen sich – oft durch zu lange Nichtbehandlung – zu einer eigenständigen Schmerzkrankheit verselbständigt haben und die unter komplexen, körperlichen, seelischen und sozialen Beeinträchtigungen leiden. Wir gehen davon aus, dass das bei rund 20 Prozent aller von chronischen Schmerzen Betroffenen – also in ganz Österreich rund 340.000 Personen – der Fall ist. 

Mit der Einführung unseres multimodalen Behandlungskonzeptes vor fünf Jahren zielen wir zudem auf eine spezielle Patientengruppe ab. Dieser Zugang ist besonders für Menschen im erwerbsfähigen Alter gedacht, die seit mindestens sechs Wochen an viszeralen Schmerzen, Kopf- oder Rückenschmerzen leiden und bei denen die üblichen Therapien mit Analgetika aller Art, Blockaden, Infiltrationen oder gar Operationen keine oder zu wenig Wirkung gezeigt haben. Für diese Gruppe bietet unser interdisziplinäres Team aus Anästhesisten, Neurologen, Physikalischen Medizinern, Physiotherapeuten, Psychologen und Psychotherapeuten, ein sehr spezifisches Programm. Details dazu wird Ihnen Dr. Pipam noch erläutern.

Mit diesem umfassenden Ansatz zielen wir nicht auf die kurzfristige Beseitigung des Schmerzes allein ab, sondern wollen die dauerhaften Voraussetzungen zur Bewältigung des Alltags schaffen. Dazu ist es wichtig, alle somatischen, psychischen und psychosozialen Ursachen der Schmerzerkrankung zu identifizieren und zu beseitigen. Wo das nicht möglich ist, geben wir den Patientinnen und Patienten Bewältigungsstrategien in die Hand, die ein verändertes Schmerzerleben und eine Steigerung der Eigenkontrolle ermöglichen. Das ist die Grundvoraussetzung, um übergeordnete Ziele wie die Verringerung von Krankenständen und die Wiedereingliederung ins Berufsleben erreichen zu können.

Wie unsere Auswertungen zeigen, gelingt das auch – und zwar deutlich effektiver als mit jeder einzelnen der bei uns kombinierten Therapieverfahren allein. Während die Teilnehmer zu Beginn der Behandlung ihre heftig-lähmenden Schmerzen mit 34,9 Punkten auf der Schmerzempfindungsskala einstufen,  liegt der Wert bei Therapieende nur noch bei 25,2 Punkten. Beim sensorischen, also stechend-brennenden Schmerzen reduziert sich dieser von 21,9 auf 18,2 Punkte. Die nach dem Pain Disability Index (PDI) gemessene Funktionsbeeinträchtigung verringert sich von 29,4 zu Therapiebeginn auf 17,7. Das erfreulichste daran ist aber, dass sich diese für die Lebensqualität ausschlaggebenden Werte drei Monate nach dem Behandlungsende sogar noch weiter verbessern.

Diese Zahlen zeigen, dass sich die Kosten für unser Zentrum – wie Frau Landeshauptmannstellvertreterin Dr. Prettner schon betont hat – wirklich gut rechnen. Das hat nicht zuletzt auch eine externe Evaluierung durch die Kärntner Gebietskrankenkasse belegt. Die kam zu dem Schluss, dass sich – wenn man alle direkten und indirekten Kosten berücksichtigt – die Gesamtaufwendungen auf 60,35 Prozent reduzieren lassen.

So gesehen ist es unverständlich, dass sich im restlichen Österreich auf dem Gebiet der Versorgungsstrukturen so wenig bewegt. Nach wie vor müssen sehr viele chronische Schmerzpatienten eine mühsame und kostenintensive Odyssee durch das Gesundheitssystem auf sich nehmen, ehe sie Hilfe finden. Im Schnitt vergehen  eineinhalb bis zwei Jahre bis zu einer aussagekräftigen Diagnose, fast jeder Fünfte erhält überhaupt gar keine. Und selbst wenn, führt das bei 23 Prozent der Betroffenen zu keiner adäquaten Behandlung.1

Natürlich bedeutet der geforderte Ausbau der schmerzrelevanten Ressourcen nicht, dass alle Schmerzpatienten in einem Zentrum wie dem unseren versorgt werden müssen. Was wir brauchen sind festgelegte Behandlungspfade und vielschichtige, auf die jeweilige Schmerzproblematik abgestufte Angebote. Das fängt in der allgemeinmedizinischen Praxis an, wo wir die schmerztherapeutischen Zusatzqualifikationen weiter intensivieren müssen, und setzt sich über den Ausbau von Schmerzambulanzen und stationären Schmerzdiensten in den Krankenhäusern fort. An der Spitze dieser Pyramide bräuchte es dann in jedem Bundesland zumindest ein Zentrum mit einem mitmultimodalen Setting für die wirklich schwersten Fälle.

Es ist erfreulich, dass wir in Kärnten nicht nur bei der Spitzenversorgung, sondern auf all diesen Ebenen ein – hoffentlich – motivierendes Vorbild für den Rest Österreichs sein können. Nicht nur haben hier überdurchschnittlich viele Mediziner das Schmerzdiplom der Ärztekammer erworben, unsere Patienten erhalten auch in den Krankenhäusern ein sehr gutes Schmerzmanagement: Von der dramatischen Reduktion bei Schmerzambulanzen und 24-Stunden-Schmerzdiensten, wie sie andere Bundesländer erleben, sind wir nicht betroffen. Auf diesen Vorsprung können wir stolz sein – und dabei trotzdem hoffen, dass wir diese Exklusivität spätestens bis zum 30jährigen Jubiläum verloren haben. Ich würde dann gerne sagen können: “Wir waren Vorreiter – aber inzwischen werden Schmerzpatienten in ganz Österreich nach diesen Standards behandelt”.

1) Baker M et al., Improving the current and future management of chronic pain. A European Consensus Report 2010