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Dr. Friedrich Hartl: „Jeder Euro für die Physikalische Medizin spart zwei Euro an Folgekosten.“

Statement MR Dr. Friedrich Hartl; Obmann der Bundesfachgruppe Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation der Österreichischen Ärztekammer; Präsidiums-Mitglied der ÖGPMR// Pressegespräch zur Jahrestagung der ÖGPMR, 15. 11. 2017, Billrothhaus, 1090 Wien

Wien,Linz, 15.11.2017

Wir sehen uns heute in der Physikalischen Medizin und Rehabilitation mit einem stetig wachsenden Bedarf konfrontiert. Allein in den vergangenen fünfzehn Jahren ist die Zahl der Patientinnen und Patienten im Alter von 45 bis 64 Jahren um 28 Prozent gestiegen, die der 65- bis 74jährigen um 26 Prozent. Und das ist erst der Anfang: Nach Berechnungen der Statistik Austria wird der Zulauf der über 65jährigen bis zum Jahr 2030 um weitere 31 Prozent ansteigen, die Gesamtbevölkerung aber nur um 7 Prozent.1

Gute Gründe für steigenden Bedarf

Für den steigenden Bedarf gibt es viele, und eigentlich durchwegs positive Gründe. Zum einen werden wir immer älter. Diese erfreuliche Tatsache trägt natürlich dazu bei, dass die Zahl der Abnützungsbeschwerden und Degenerationserkrankungen steigt. Zum anderen sorgen die Fortschritte in der modernen Medizin dafür, dass immer mehr Menschen schwere Krankheiten überleben, in der Folge aber Nachbehandlungen und Rehabilitation brauchen. Und nicht zuletzt suchen immer mehr Betroffene nach nebenwirkungsarmen Alternativen zur medikamentösen Schmerztherapie. Die weitgehend nebenwirkungsfreien Anwendungen machen die Physikalische Medizin, insbesondere für ältere Patientinnen und Patienten, die ohnehin schon viele Medikamente nehmen und zu Recht Wechselwirkungen fürchten, immer öfter zur Methode der ersten Wahl. 

Unterversorgung trotz steigender Nachfrage

Wie in den meisten anderen Fächern gibt es trotz des wachsenden Bedarfs im gesamten PMR-Bereich eine eklatante Unterversorgung, selbst an der Spitze der Versorgungspyramide. Das führt zwangsläufig dazu, dass notwendige Therapiemaßnahmen zum Teil unterbleiben. Dem sollte die Gesundheitspolitik insgesamt so schnell wie möglich entgegenwirken. 

Die Sozialversicherungsträger dafür verantwortlich zu machen greift zu kurz. Schon heute sind mehr als 45 Prozent meiner Patientinnen und Patienten zwischen 45 und 64 Jahre alt und weitere 13 Prozent zwischen 65 und 75 Jahre alt – obwohl der Anteil dieser Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung nur 28 Prozent bzw. 9 Prozent ausmachen. Es ist absehbar, dass durch die weiter steigende Lebenserwartung künftig noch mehr Leistungen der PMR zur Unterstützung des Heilungsprozesses, zur Schmerzlinderung, zur Verbesserung der funktionellen Selbständigkeit und Arbeitsfähigkeit, zur Reintegration in das bisherige Wohnumfeld sowie zur Verringerung des Betreuungs- und Pflegebedarfs erforderlich sind. Was für eine bedarfsgerechte Versorgung nötig wäre, wurde von einer Expertengruppe, der auch Prof. Crevenna angehörte, in Kooperation mit der Gesundheit Österreich GmbH in einer Studie mit Planungshorizont 2030 als Vorbereitung zur Darstellung des Faches im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) aufgezeigt. 

Die Abschätzung des künftigen Versorgungsbedarfes in dieser Studie (Basis 2015)

ergab für den Akutstationären Bereich bis 2020 ein Plus von 9 Prozent, bis 2030 ein Plus von 22 Prozent. Für den Spitalsambulanten Bereich wurde bis 2020 ein Bedarfsplus von 8 Prozent, und bis 2030 ein Plus von 18 Prozent errechnet. Für den Extramuralen Bereich soll das Bedarfsplus bis 2020 8 Prozent und bis 2030 15 Prozent betragen.

So ist es unter anderem auch weiterhin sinnvoll, die Kräfte in großen Krankenhäusern in Zentralinstituten für PMR bündeln. Statt die Therapeutinnen und Therapeuten auf eine Vielzahl von Stationen aufzuteilen, stellt die Einrichtung eines Zentralinstituts sicher, dass physikalische Untersuchungen und Behandlungen wirklich durchgehend gewährleistet sind.

Zudem zeigte eine Studie eines Krankenhausträgers in einem Bundesland, dass diese Form der zentralen Organisation und geeignete begleitende Maßnahmen rund 20 Prozent der bisherigen Kosten einspart.

Enormes Einsparungspotenzial durch konsequenten Einsatz Physikalischer Medizin

Dass sich jede Investition in den Ausbau der physikalmedizinischen Versorgung auch gesamt gesehen rechnen würde, liegt auf der Hand. Rechtzeitig angewandt, sorgt die physikalische Kombinationsbehandlung dafür, dass der übliche Teufelskreis  „Schmerz – Vermeidungshaltung – noch mehr Schmerz“ rechtzeitig durchbrochen werden kann. Das ist ein preiswerter, effektiver und schonender Weg, Chronifizierungen, Krankenstände, weitere Krankenhausaufenthalte, Invalidität und Arbeitsunfähigkeiten zu vermeiden. 

Alleine bei den Krankenstandkosten im Bereich Stütz- und Bewegungsapparat, die 2013 rund 2,13 Milliarden Euro ausgemacht haben, können durch die adäquate physikalische Kombinationsbehandlung mehr als 23 Prozent2 3, also zirka bis zu 500 Millionen, eingespart werden. Grob geschätzt erspart ein für PMR ausgegebener Euro allein bei diesem Kostenfaktor zwei Euro an Folgekosten.

Welche Patienten von der Physikalischen Medizin und Rehabilitation profitieren

Die Orientierungshilfe PMR gibt Auskunft, welche Patienten von der Physikalischen Medizin und Rehabilitation profitieren: Nach Eingabe der ICD 10 Diagnose werden die entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten der PMR aufgelistet, die Evidenz zum Wirkungsnachweis erschließt sich durch einen Mausklick auf das Diskettensymbol neben der jeweiligen Behandlung. Der Schwerpunkt des Einsatzes liegt in der – weitgehend wechsel- und nebenwirkungsfreien – Behandlung Neuro-Muskulo-Skelettaler Erkrankungen.4

Quellen

1 Statistik Austria: Bevölkerung zu Jahresbeginn 2002-2017 nach fünfjährigen Altersgruppen und Geschlecht bzw. Vorausberechnete Bevölkerungsstruktur für Österreich 2015-2100 laut Hauptszenario

2 https://www.oegpmr.at/wp-content/uploads/Beilage%2014%20-%20Torstensen%20TA%20-%20Efficiency%20and%20costs%20...%20siehe%20Table%207.pdf

3 www.orientierungshilfe-pmr.Versorgungsstudieat/files/_PMR_2015_final.pdf

www.orientierungshilfe-pmr.at